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Geschichte 23. Mai 2008

Das mikrozephale Zwillingspaar (Narrenturm 144)

In der Spalte „Notizen“ berichtete die Wiener Klinische Wochenschrift in ihrer Ausgabe Nr. 17 aus dem Jahr 1892: „Dr. Henning, der vom Wiener medicinischen Professoren-Collegium nach Paris zum Studium der klinischen Moulagen-Sammlung des Hôpital St. Louis entsendet wurde, kehrt dieses Monat wieder nach Wien zurück. Ihm wurde seitens der Direction des Wiener Allgemeinen Krankenhauses ein Atelier eingerichtet und damit der erste Schritt zur Gründung eines klinischen Museums in Wien getan“.

 Wachsbüsten
Wachsbüsten der microzephalen Zwillinge, Patienten der „Klinik am Steinhof“ von Carl Henning, dem zu seiner Zeit weltberühmten Moulageur aus Wien.

Foto: Nanut/Regal

Totenmasken, Nachbildungen von Extremitäten und anderen versehrten Körperteilen für Reliquien und Votiven aus Wachs spielten im Mittelalter in der religiösen Tradition eine große Rolle. Da durch die Weichheit und Flexibilität der natürlichen Substanz Wachs aber nicht nur religiöse Kultgegenstände, sondern auch organische Oberflächen – noch dazu täuschend ähnlich – nachgebildet werden konnten, wurde Wachs bereits seit der frühen Neuzeit zunehmend auch für wissenschaftliche Zwecke verwendet und weiterentwickelt.
Ihre Blütezeit erlebte die „Anatomia plastica“ im 18. Jahrhundert. Zentrum der Moulagierkunst – Moulage leitet sich vom französischen Wort „mouler“ ab, was so viel wie „abformen“ bedeutet – war Florenz, wo unter der Leitung des Anatomen Felice Fontana (1730– 1805) geniale Wachsmodelleure wie Clemente Susini (1754–1814) naturgetreue Wachsmodelle des gesamten menschlichen Körpers herstellten. Ihr Ziel war es, die Anatomie bis in die kleinsten sichtbaren Details abzubilden. Neben einer Art Abgusstechnik aus erwärmter Wachsmasse formte der Keroplast mit speziellen Instrumenten, aber auch wie ein Bildhauer anatomische Präparate aus einem Wachsblock. Die sensationellen Wachsmodelle im 1775 eröffneten Florentiner „Museo La Specola“ beeindruckten Kaiser Josef II. so sehr, dass er für seine „Medicinisch-Chirurgische Academie“ in Wien eine weitere Sammlung von Wachsmodellen herstellen ließ. Diese sind auch heute noch – nahezu im Originalzustand – im Wiener Josephinum zu bewundern.

Hennings geheime Formel

Täuschend ähnliche Krankheitsbilder aus Wachs herzustellen wurde im 19. Jahrhundert populär. Es war der Franzose Jules Baretta (1834–1923) im Pariser Hôpital Saint Louis, der durch seine Moulagen von Hautkrankheiten in ganz Europa und Nordamerika bekannt wurde. Der schon damals berühmte Wiener Dermatologe Moritz Kaposi (1837–1902) war beim ersten Kongress für Dermatologie in Paris 1889 von den Moulagen Barettas derart beeindruckt, dass er sofort nach seiner Rückkehr den Aufbau einer Moulagierwerkstätte im Allgemeinen Krankenhaus in Wien beauftragte und den Bildhauer und Arzt Carl Henning (1860–1917) nach Paris schickte, um dort zu lernen. Aber Baretta lernte wie alle Moulageure seiner Zeit keine Schüler an, und Henning gelang es nicht, hinter das ängstlich gehütete Geheimnis des Pariser Moulageurs zu kommen. Henning musste daher eine eigene Herstellungstechnik entwickeln, die er dann ebenso streng geheim hielt. Die Zusammensetzung seines von ihm erfundenen Abformmittels „Elastine“ – es war so fein, dass mit ihm sogar Abdrücke vom Trommelfell oder der Cornea genommen werden konnten – konnte erst 1998 durch das Institut für technische Chemie der Akademie für angewandte Kunst in Wien enträtselt werden.

Anwendung als Prothese

Das geheime Originalrezept befindet sich auch heute noch im Besitz der Familie Henning. Der Bildhauer, Maler und Arzt Henning erregte mit seinen künstlerisch und wissenschaftlich vollendeten Moulagen bereits am 2. Internationalen Kongress für Dermatologie 1892 in Wien weltweit Aufsehen. Da er bald von Aufträgen aus der ganzen Welt überhäuft wurde, bekam er, der bisher in einem winzigen Zimmer an der Klinik Kaposi sein „Atelier“ hatte, 1897 im 8. Hof des Allgemeinen Krankenhauses einige Räume für ein jetzt offizielles „Atelier für Moulage“. Eine Pioniertat Hennings war die Erfindung einer plastischen Gesichts-Prothese – die sogenannte „Henning-Prothese“ –, die im Ersten Weltkrieg bei grob verstümmelnden Verletzungen im Gesicht angepasst wurde. Viele seiner künstlerischen Moulagen können heute im Narrenturm besichtigt werden.
Zwei ganz besondere Objekte von Henning im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum sind aber die beiden Büsten eines microzephalen Zwillingspaares.

Künstlerische Qualität

Die Brüder waren Patienten der 1907 eröffneten „Klinik am Steinhof“. Mehr ist von ihnen heute nicht bekannt. Warum und für wen Henning die Zwillinge modellierte, ist ebenfalls unbekannt. Die beiden Köpfe zeigen die enorme künstlerische Begabung des Künstlerarztes. Sie sind keine Abgüsse wie bei herkömmlichen Moulagen. Die Köpfe der Zwillinge sind aus einem Wachsblock herausmodelliert, und manchen erinnern sie sogar ein wenig an die rätselhaften „Charakterköpfe“ des Franz Xaver Messerschmidt (1736–1783), einem der bedeutendsten Bildhauer des 18. Jahrhunderts.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 21/2008

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