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Der Kuss des Lebens (Narrenturm 142)

Selten hat etwas die Medizin so nachhaltig beeinflusst wie die Technik der Mund-zu-Mund-Beatmung. Eingeführt hat sie der in Wien geborene und 1949 nach Amerika ausgewanderte Anästhesist Peter Safar (1924 – 2003). Durch seine in den 1960er Jahren entwickelten grundlegend neuen Richtlinien der Reanimation wurden hunderttausende Menschenleben gerettet.

Obwohl bereits im Alten Testament von der Rettung eines toten Knaben durch eine Atemspende berichtet wird, Hebammen bereits seit Jahrhunderten Mund-zu-Mund-Beatmung an Neugeborenen praktizierten und 1769 ein kaiserliches Patent Maria Theresias die „Belehrung“ gab, wie „scheinbar ertrunkenen, erhenkten oder erstickten Menschen beym Leben zu erhalten seyen“, und darin empfahl, „die Nasenlöcher zuzuhalten und die Luft stark und anhaltend in den Mund zu blasen“, gerieten diese recht modern anmutenden Methoden der Wiederbelebung bald in Vergessenheit.
Einige Maßnahmen hingegen erscheinen uns heute als höchst obskur, obwohl damals von anerkannten Autoritäten empfohlen, etwa das „Erwärmen des Scheintoten“ durch heiße Asche oder Kohlen. Oder das sogenannte Fassrollen, bei dem der Tote bäuchlings auf ein Fass gelegt und hin und her gerollt wurde, das Geißeln mit Peitschenhieben sowie das Einblasen von Tabaksrauch in Mund oder Mastdarm. Die um 1800 geübte russische Methode, das Kühlen mit Schnee, war vom Konzept her – wie man heute weiß – zwar richtig, im Sommer in Mitteleuropa aber vermutlich schwer durchführbar.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieb Henry Robert Sylvester (1828 – 1908) eine Methode der Thoraxkompression mit aktiver Armbewegung. Die Methode wurde 1930 im „Unterrichtsbuch des Deutschen Roten Kreuzes“ so beschrieben: „...nachdem die vorgestreckte Zunge des Scheintoten durch Festbinden oder Einklemmen vorgestreckt gehalten ist, kniet der Helfer zu Häupten des Scheintoten, fasst dessen hinter den Kopf gelegten Arme am Ellenbogen, bewegt sie bei ‚Eins!‘ nach abwärts und drückt sie bei ‚Zwei!‘ von beiden Seiten an den Brustkorb (Ausatmung). Dann führt er nach kurzer Pause die Arme auf ‚Drei!‘ an den Ellenbogen wieder nach beiden Seiten breit in weitem Bogen dicht über den Boden hinauf bis über den Kopf des Scheintoten, wobei die Brust wieder erweitert wird (Einatmung), und hält bei ‚Vier!‘ einen Augenblick still. Darauf beginnt er von vorn.“ Bis in die 1950er Jahre war dies mit diversen Modifikationen die Methode der Wahl.

Der Anbeginn einer neuen Zeit

Die Geschichte der modernen kardiopulmonalen Reanimation begann mit Untersuchungen Mitte der 1950er Jahre. James Elam konnte nachweisen, dass mit der Ausatemluft des Helfers eine ausreichende Oxygenierung des Opfers erzielt werden konnte, und Safar bewies dies in einem – heute in dieser Art sicher nicht mehr erlaubten – Experiment an freiwilligen kurarisierten Versuchspersonen. Das Überstecken des Kopfes, das „Freimachen der Atemwege“ und der „Kiss of Life“ eroberten die Welt der Notfallmedizin. Etwa zeitgleich entwickelten William Kouwenhoven, Guy Knickerbocker und James Jude die Technik der Herzdruckmassage. Safar erkannte rasch, dass nur eine Kombination von Herzdruckmassage mit Beatmung erfolgreich sein konnte und begründete mit der A-B-C Regel die moderne – auch heute noch übliche – Kardio-Pulmonale-Reanimation (CPR). Safar wurde damit zum „Vater der Reanimation“. Gemeinsam mit dem Spielzeugfabrikanten Asmud Laerdal entwickelte Safar die sogenannte Resusci-Anne – eine realistische Puppe in der Größe eines Erwachsenen –, mit der es möglich wurde, Mediziner und freilich auch Laien praxisnahe in der Herz-Lungen-Wiederbelebung auszubilden. Mit ein Grund, warum sich Safar um die Laienreanimation so bemühte, war höchstwahrscheinlich der tragische Tod seiner 11-jährigen Tochter an einem Asthmaanfall.

Alternativen zur Selbstgefährdung

Namentlich wird der in Wien geborene Anästhesist wohl wenigen ein Begriff sein, obwohl er dreimal für den Medizinnobelpreis nominiert war. Die von ihm eingeführte A-B-C-Regel kennt allerdings jeder, der irgendwann einmal einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hat. Seit über fünfzig Jahren werden nicht nur medizinisches Personal, sondern möglichst alle Menschen in Beatmung und Herzdruckmassage ausgebildet, um eine möglichst hohe – vor allem vom Zeitfaktor limitierte – Erfolgsrate dieser Maßnahmen zu erzielen. Obwohl überaus effektiv, wird heute die ungeschützte Mund-zu-Mund-Beatmung aus hygienischen Gründen – Stichwort Selbstgefährdung des Retters durch eine gefährliche Infektion – zunehmend kritisch und immer öfter als unzumutbar beurteilt und nach praktikablen Alternativen geforscht.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 19/2008

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