zur Navigation zum Inhalt
 
Geschichte 25. April 2008

Das unterhaltsamste aller Mikroskope (Narrenturm 108)

Großer Beliebtheit erfreuten sich im 18. und 19. Jahrhundert die sogenannten Solar- oder Sonnenmikroskope. Technisch meist recht einfache Vorrichtungen, mit denen Bilder zum Abpausen auf Mattglasscheiben oder auf große weiße Flächen projiziert wurden, wo sie für mehrere Beobachter gleichzeitig sichtbar waren.

 1
Das Sonnenmikroskop ist ein klassisches Instrument der Aufklärung. 1762 diente es in erster Linie dazu, mikroskopische Bilder einem größeren Publikum vorzuführen. Es eröffnete eine „neue Dimension des Sehens“. Durch das Sonnenmikroskop, das in einer Wand oder einem Fensterladen eines Zimmers befestigt war – „es muß gegen Morgen, Mittag oder Abend liegen“ – und so eingestellt war, dass das Sonnenlicht durch das Mikroskop fiel, erschienen in einem abgedunkelten Raum Insekten, kleine Lebewesen, Pflanzen und andere Objekte „so sehr vergrößert, als sich niemand, der es nicht gesehen hat, vorstellen kann“.

 2
Sonnenmikroskop aus dem Narrenturm. Diese Projektionsmikroskope waren die Vorläufer der „mikrophotographischen Apparate“.

Fotos: Regal/Nanut

Das erste praktisch brauchbare Gerät zum Zeichnen mikroskopischer Präparate konstruierte der Augsburger Optiker und Mechaniker Georg Friedrich Brandner (1713–1783), das er 1767 in seinem Buch „Kurze Beschreibung einer ganz neuen Art Camerae obscurae ingleichen eines Sonnenmikroskops“ darstellte. Von der Sonne, die bei diesem Instrument als Lichtquelle diente, leitete sich vermutlich auch der Name für diese Geräte ab.
Wer das Sonnenmikroskop tatsächlich erfunden hat, ist in der einschlägigen Literatur nicht ganz eindeutig. Oft wird der berühmte Anatom Johann Nathanael Lieberkühn (1711–1756) als Erfinder der Projektionsinstrumente genannt.

Erfolg hat viele Väter

Manche Quellen behaupten, dies sei „fälschlicherweise“ geschehen, und nennen als Erfinder den Physiker und Glasbläser Daniel Gabriel Fahrenheit (1686–1736), der bereits Anfang des 18. Jahrhunderts ein ähnliches Gerät konstruierte. Dies geriet aber in Vergessenheit. Auch der Erlanger Arzt, Physiker und Mathematiker Theodor Balthasar machte bereits 1710 Versuche mit einem Sonnenmikroskop. Lieberkühn soll, neben anderen optischen Erfindungen, Balthasars Instrument weiter entwickelt und 1740 der Royal Society in London vorgestellt haben. Neben einem Handinstrument für undurchsichtige Objekte ist Lieberkühns „Anatomisches Mikroskop“, die so genannte Froschplatte, bekannt. Auf ihr konnten kleine Tiere wie eben Frösche oder Lurche lebend aufgespießt werden und durch eine Linse „der Lauf des Geblüts“ – der Blutkreislauf – oder die Bewegungen innerer Organe beobachtet werden.

Hirn in der Tasche

Als Anatom und Präparator war Lieberkühn schon zu seinen Lebzeiten weltberühmt. Seine mikroskopischen Präparate waren heiß begehrt. Friedrich II. (1712–1786), der ohnehin nicht viel von Ärzten hielt, schätzte ihn als Gesprächspartner, zumindest zeitweise: „Als ich jedoch bemerkte, dass er immer mit Därmen, Mägen und Lungen in den Taschen zu mir kam, da wurde ich dieses Arztes und seiner Vorträge überdrüssig. Bei einer seiner Sitzungen bei mir wurde ich von einem Stück Hirn, das er aus der Tasche zog, so angeekelt, dass ich eine Zeit lang nicht einmal den Anblick von Fleisch ertragen konnte“, so der Preußenkönig.
In England verbesserte der „optische Künstler“ und Instrumentenmacher John Cuff (1708–1772) durch das Anbringen eines Spiegels – bisher musste man das ganze Gerät auf die Sonne ausrichten – das Sonnenmikroskop. Später wurde die Position des Spiegels durch ein Uhrwerk automatisch an den Lauf der Sonne angepasst.
Das Sonnenmikroskop ist ein klassisches Instrument der Aufklärung. Es diente in erster Linie dazu, mikroskopische Bilder einem größeren Publikum vorzuführen. Dem naturkundlich interessierten Bürgertum, das neugierig den Geheimnissen der Natur auf der Spur war, eröffnete es eine „neue Dimension des Sehens“.
Durch das Sonnenmikroskop, das in einer Wand oder einem Fensterladen eines Zimmers befestigt war – „es muß gegen Morgen, Mittag oder Abend liegen“ – und so eingestellt war, dass das Sonnenlicht durch das Mikroskop fiel, erschienen in einem abgedunkelten Raum Insekten, kleine Lebewesen, Pflanzen und andere Objekte „so sehr vergrößert, als sich niemand, der es nicht gesehen hat, vorstellen kann“. Als Lichtquelle – wegen der großen Fläche war ja eine starke Lichtquelle nötig – kam damals nur die Sonne in Frage.
Die vielen wundersamen Dinge, die hier zu sehen waren, „erleuchteten das Gemüth“ und „ergötzten“ in erster Linie die Augen. Der Jurist Martin Frobenius Ledermüller (1719–1769) unterhielt mit seinem „Sonnenmikroskop-Cabinett“ auch den Hof „so trefflich“, dass er den Titel eines Justizrathes erhielt, nur um mit den Damen und Herren des Hofes verkehren zu dürfen. Mit seinem „Zauberkabinett“ – es handelte sich um eine echte Camera obscura – amüsierte er das „staunende Publico“.

Reelle Bilder

An einem mit Pergament bespannten Rahmen konnte Ledermüller ein Zeichenblatt befestigen und die mikroskopischen Bilder abzeichnen. Mit großformatigen farbigen Kupferstichen nach diesen Zeichnungen schmückte er auch sein 1763 erschienenes Hauptwerk: „Microscopische Gemüths und Augenergötzung“. Trotz vieler Abbildungsfehler wurden die Apparate bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut und auch verwendet. Diese Projektionsmikroskope mit ihren reellen Bildern, die auf einem Schirm aufgefangen werden konnten, waren die Vorläufer der „mikrophotographischen Apparate“ des 19. Jahrhunderts.

Anlässlich des europäischen Kardiologenkongresses in Wien veranstaltet das pathologisch-anatomische Museum vom 31. 8. bis 5. 9. 2007 unter dem Titel „Herzblut“ eine Ausstellung mit einer Reihe von Begleitvorträgen im Narrenturm. Informationen unter www.narrenturm at.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 30/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben