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Chirurgie 25. April 2008

Vom „Morbus niger“ zum Stressulkus (Narrenturm 104)

Die Ärzte der Antike nannten das Erbrechen schwarzer Massen „Morbus niger“. Erst 1740 erkannte ein deutscher Arzt, dass die Ursache im Magen lag. Hundert Jahre später beschrieb ein Franzose das Ulkus rotundum ventriculi und nach weiteren hundert Jahren setzte sich das Dogma durch: keine Säure, kein Ulkus. Partielle Gastrektomien boomten, bis Anfang der 1970er Jahre erstmals wirksame Medikamente zur Verfügung standen.

 Ulcus Pepticum
Ein Ulcus pepticum – fein säuberlich konserviert im Narrenturm.



 Hoffmann Friedrich Friedrich Hoffmann, Erfinder und Namensgeber berühmter Tropfen.

Fotos: Nanut/Regal

Dass die Ursache des schwarzen Erbrechens im Magen lag, erkannte Friedrich Hoffmann (1660–1742), Professor der Medizin in Halle, im Jahr 1740. Größere Bekanntheit brachte Hoffmann allerdings die Erfindung eines Elixiers, bestehend aus einem Teil Äther und drei Teilen Alkohol, den auch heute noch erhältlichen, berühmten Hoffmanns Tropfen. Nebenbei bemerkt, war Hoffmann, Leibarzt zweier preußischer Könige, auch als ärztlicher Weintherapeut bekannt. Er propagierte eine fünfwöchige Weinkur, die mit einer Anfangsdosis von 1,6 Liter Wein täglich begann.
Hoffmann schrieb über das schwarze Bluterbrechen: „Dort liefern die Gefäße, welche gleichzeitig mit der Zerstörung der Substanz des Magens eröffnet werden oder aufbrechen, das Blut, welches durch erbrechen ausgeworfen wird. [...] Die schwarze erbrochene Masse ist sauer, weil sie die Zähne stumpf macht, den Schlund und den Mund anätzt und den Boden aushöhlt.“ Einen Zusammenhang mit seiner Weinkur sah er nicht.

Keine schwarze Galle

Die eigentliche „moderne“ Ulkusforschung begann mit dem französischen Pathologen Jean Cruveilhier (1791–1874). Er beschrieb in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überaus genau das „Ulkus rotundum ventriculi“, schilderte die Magenentzündung und äußerte bereits den Verdacht, dass die Färbung von Erbrochenem und Stuhl auf eine Farbstoffzersetzung des Blutes durch eine Säure des Magens zurückzuführen sei und nicht auf „schwarze Galle“, wie es die Doktoren seit der Antike vermuteten.
Neben den wie ausgestanzt imponierenden Ulzera mit ihren Prädilektionsstellen an der kleinen Kurvatur und an der Hinterwand des Magens erkannte er auch, dass die Ulzera, wenn „nicht heilsame Widerstände des Körpers sich dem entgegensetzten, früher oder später zur Perforation führen können.“ Dass Cruveilhier als Pathologe auch noch ärztliche Tätigkeiten an lebenden Menschen ausübte, zeigen seine exakten klinischen Beobachtungen: Er beschrieb bereits den eigenartigerweise auf Brust und Rücken verlagerten Schmerz und die typische, auffallende Schmerzsymptomatik - postprandialer Schmerz beim Ulkus ventriculi, Nüchternschmerz beim Ulkus duodeni. Cruveilhiers erhobene Befunde – die kreisrunden Löcher der perforierenden Magengeschwüre – konnte Carl von Rokitansky (1804 –1878) in Wien an 100 Fällen bestätigen und erste Statistiken über das perforierende Geschwür vorlegen. Rokitansky bemerkte auch den Zusammenhang zwischen Ulkus ventriculi und Magenkrebs. Aber weder Cruveilhier noch Rokitansky konnten eindeutige Aussagen über die Ursachen des Magengeschwürs machen.

Alles peptisch

Beide hielten in erster Linie lokale Störungen für die Ursache des Ulkusleidens. Später traten wieder psychosomatische Aspekte in den Vordergrund und es entstanden verschiedenste spekulative Theorien der Krankheitsentstehung.
Durch die Erforschung der Säure- und Pepsinwirkungen auf die Magenschleimhaut setzte sich letztlich die Theorie durch, dass Ulzera allein auf der Basis einer Übersäuerung des Magens entstehen. Dies führte zum bekannten Dogma: Keine Säure, kein Ulkus. Der Begriff des peptischen Geschwürs war geschaffen. Über die beste Therapie des Ulkus gab es Jahrzehnte lang einen heftigen Streit zwischen Internisten und Chirurgen. Weil die Ulkusblutung und Perforation eine gefürchtete und eigentlich auch recht häufige Komplikation war und das Dogma – keine Säure, kein Ulkus - allseits anerkannt war, kam es weltweit zu einem Boom an partiellen Gastrektomien und selektiv proximalen Vagotomien.
Der durch zu viel Alkohol, Nikotin und permanente psychische Anspannung entstehende übersäuerte Reizmagen führte schließlich zur klassischen Vorstellung vom „Stressulkus“.

Gestresster Magen

Verbesserte Untersuchungsmethoden –Labor, Röntgen, Endoskopie, Histologie – und bessere Medikamente – der H2-Blocker Ranitidin war jahrzehntelang das weltweit am meisten verkaufte Medikament, noch vor Acetylsalizylsäure – bewirkten, dass nach und nach auch die konservativen Therapien zunehmend effektiver wurden und an eine chirurgische Intervention erst nach Versagen aller medikamentösen und psychologischen Therapien gedacht wurde. Trotz konsequenter konservativer Therapie und Umstellung der Lebensgewohnheiten gab es aber noch immer viele, meist unerklärliche Therapieversager. Im Jahr 1982 wagten zwei australische Ärzte dem bis dahin wissenschaftlich einzementierten Dogma – keine Säure, kein Ulkus – zu widersprechen. Aber das ist eine andere Narrenturmgeschichte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 25/2007

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