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Geschichte 10. April 2008

Das letzte Gesicht (Narrenturm 138)

Obwohl Totenmasken nie ein spezielles Sammelgebiet des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums waren, kamen doch im Lauf der Zeit zahlreiche Exponate in den Narrenturm. Neben Totenmasken von berühmten Ärzten, wie etwa der von Guido Holzknecht, dem tragischen Pionier der Radiologie, oder von Julius Wagner-Jauregg, dem weltweit einzigen Psychiater, der jemals einen Nobelpreis erhielt (das Museum besitzt übrigens auch sein Gehirn) findet sich hier auch der Gipsabguss der ob seiner Echtheit allerdings umstrittenen Bronzetotenmaske Mozarts. Eine Rarität sind die Totenmasken von drei Menschenaffen in der „Collectio Kincel“, der umfangreichen veterinärmedizinischen und zoologischen Sammlung des Museums.

 Totenmaske Guido Holzknecht erkannte den Zusammenhang zwischen Strahlendosis und -schäden, konstruierte ein Strahlenmessgerät und starb an Röntgenkrebs.

Foto: Regal/Nanut

Die Tradition der Totenmasken ist uralt und reicht bis in die Antike und ins alte Ägypten zurück. In vielen alten Kulturen legte man sie Verstorbenen aufs Gesicht, um böse Geister abzuwehren oder den Geist des Toten sicher ins Jenseits zu geleiten. Auch sollten Totenmasken der Seele des Verstorbenen helfen, den alten Körper wieder zu erkennen. Die bekanntesten Masken der Antike sind die Goldmaske des Agamemnon und die Totenmaske des Tutenchamun. Diese Masken sind aber keine Totenmasken im engeren Sinn, da sie vermutlich nicht direkt vom Gesicht des Toten abgenommen, sondern künstlerisch gestaltet wurden. Auf das tatsächliche Aussehen des Verstorbenen kann aus diesen Masken daher nicht geschlossen werden. Schon in Ägypten und im alten Rom dienten Wachsabdrucke vom Gesicht eines Toten auch als Vorlagen für Büsten und Statuen. Auch im christlichen europäischen Mittelalter verwendeten Künstler Totenmasken zur Anfertigung von Grabplastiken.
Am englischen und französischen Hof war es üblich, die toten Könige als sogenannte Effigies aufzubahren, bis der neue König die Regierungsgeschäfte übernommen hatte. Diese Effigies waren ziemlich lebensechte Puppen aus Weidengeflecht oder Holz. Das Gesicht des verstorbenen Monarchen wurde aus Wachs von einer Totenmaske nachgebildet, ebenso die Hände. Anschließend wurde die Puppe angemalt, bekam Augen, wurde in königliche Gewänder gekleidet und mit Haupthaar, Bart und Augenbrauen aus echten Haaren des Toten versehen. Es waren Panoptikumsfiguren, ähnlich den lebensechten Wachsfiguren Prominenter oder Berüchtigter, wie sie auch heute noch in einschlägigen Etablissements zu bewundern sind.

Maskenkult und Schädelwahn

Nach und nach erlosch aber die Verwendung von Totenmasken für die höfischen Bestattungen, mehr und mehr wurden Totenmasken als Vorlage für Plastiken nicht nur vom Adel, sondern auch von berühmten Künstlern, Gelehrten und Politikern abgenommen. Zu einem wahren Kult um die Totenmasken kam es dann im 19. Jahrhundert. In fast jedem bürgerlichen Wohnzimmer hing die Kopie einer Totenmaske, zumindest eines Komponisten, Dichterfürsten, Malers, Philosophen, Gelehrten, Politikers oder Militärs. Die Schädellehre des Wiener Anatomen und Hirnforschers Franz Josef Gall (1758 - 1828) mit der er in ganz Europa viel Aufsehen erregte, war einer der Gründe, dass zu dieser Zeit auch viele Totenmasken nicht aus Verehrung für den Toten, sondern aus wissenschaftlichem Interesse abgenommen wurden. Gall und seine Anhänger glaubten ja aus der knöchernen Schädelform Charaktereigenschaften ableiten zu können und waren ständig auf der Jagd nach Schädeln oder Totenmasken, um ihre Theorien zu beweisen.

Eine schöne Leiche

Eine schöne Geschichte um ein schönes Gesicht voller Rätsel rankt sich um die Totenmaske der „Unbekannten aus der Seine“. Es ist die Totenmaske einer bezaubernden jungen Frau, die angeblich um 1900 aus Liebeskummer in der Seine ihrem Leben ein Ende setzte. Ein Mitarbeiter des Pariser Leichenschauhauses war von der Schönheit und dem Lächeln des Mädchens so angetan, dass er spontan eine Totenmaske herstellte. Kopien der Maske kamen in Mode und die Pariser Bohème hängte sich begeistert die Darstellung des „schönen Todes“ ins Schlafzimmer. Das geheimnisvoll lächelnde Gesicht der „Unbekannten“ wurde bis nach dem Zweiten Weltkrieg in zahlreiche Romane, Gedichte, Filme und Theaterstücke verarbeitet. Doch wer jemals eine Wasserleiche gesehen hat, weiß sofort, dass dieses schöne Gesicht niemals ertrunken sein kann, sondern ein Künstler eine Lebendmaske oder überhaupt eine frei modellierte Plastik mit entsprechender verkaufsfördernder Legende hergestellt hat.

Das Gesicht der Reanimationspuppe

Medizinisch interessant wird die Totenmaske der „Unbekannten“ im Jahr 1960. Asmund Laerdal sucht für die mit Peter Safar entwickelte Übungspuppe für die Mund-zu-Mund-Beatmung ein Gesicht und wählt das der „Unbekannten aus der Seine“. Die Übenden sollten so ihre Hemmschwelle besser überwinden. Seit damals hat die „Unbekannte aus der Seine“ den „Kuss des Lebens“ – wie Safar die Mund-zu-Mund-Beatmung griffig nannte – millionenfach erhalten und somit viel für die Lebenden getan. Besser bekannt ist die „Unbekannte aus der Seine“ bei Erste-Hilfe-Schülern unter dem Namen „Resusci-Anne“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 15/2008

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