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Geschichte 15. Februar 2008

Nicht salonfähig (Narrenturm 130)

Romantisierende Filme und kitschige Operetten haben in der Vorstellung vieler Menschen ein Schubertbild zementiert, das wohl falscher nicht sein kann.

Am 12. September 1888 wurden die knöchernen Reste des genialen Tonsetzers und Liederfürsten Franz Schubert (1797–1828) auf dem Währinger Friedhof in Wien zum zweiten Mal exhumiert – erstmals erfolgte dies 1863, um „die irdischen Reste vor dem Umsichgreifen weiterer Verwesung zu sichern“. Grund war diesmal die Auflassung des Ortsfriedhofs und die Überführung der sterblichen Überreste in ein Ehrengrab auf dem neuen Zentralfriedhof in Wien. Bei der Exhumierung anwesend war auch der Komponist Anton Bruckner, ein „glühender Schubertianer“. Schüchtern bat er um die „hohe Vergünstigung“, den Totenschädel selbst in die Hand nehmen zu dürfen. „Zärtlich und lange ließ er die Hand auf ihn ruhen ...“ Der Gipsabguss des Craniums von Franz Schubert im Narrenturm kann vermutlich nicht ganz dieselben Emotionen auslösen, hat aber den Vorteil, dass man ihn auch heute noch betrachten und sogar berühren kann.
Vom lieben Gott gelernt
Filme und Operetten haben in der Vorstellung vieler Menschen ein völlig falsches Schubertbild zementiert. Schubert war nicht der bitterarme, unglücklich verliebte, schüchterne Hilfslehrer, der seine musikalischen Ideen im bitterkalten Kämmerchen mit klammen Fingern aufschrieb. Sein Spitzname „Schwammerl“ und seine oft beschriebene „Unschuld und Harmlosigkeit“ trugen viel zu seiner verklärten, historisch meist aber durchwegs falschen Biographie bei. Sicher ist, dass schon dem Knaben Franz Schubert von seinen Musiklehrern, darunter bekannte Namen wie Antonio Salieri, attestiert wurde: „Dem kann ich nichts lehren. Der hats vom lieben Gott gelernt.“ Sicher ist auch, dass er, nachdem er seinen Posten als Hilfslehrer in der Schule seines Vaters aufgegeben hatte, niemals mehr eine seine materielle Existenz sichernde Stellung annahm, sondern stets freischaffender Künstler blieb. Er führte ein bohèmehaftes Leben – seine unregelmäßig fließenden Honorare zerflossen ihm meist zwischen den Fingern –, hatte aber in seinem großen Freundeskreis stets finanziell unabhängige Gönner, die es ihm ermöglichten, meist ohne große finanzielle Sorgen nur für seine Musik zu leben. Schubert: „Ich bin für nichts als das Komponieren auf die Welt gekommen.“
Obwohl er nach zeitgenössischen Beschreibungen nicht gerade der Typ des großen Verführers und Frauenhelden war – vom Militärdienst wurde er zurückgestellt, weil er die geforderte Mindestgröße von 158 cm nicht erreichte –, war er Frauen gegenüber keineswegs so gehemmt und schüchtern, wie kolportiert wird. Er machte sich aber oft schlechter, als er war: „Er vernachlässigte seinen Anzug, besonders die Zähne, roch stark nach Tabak, war sonach zu einem Courmacher gar nicht qualifiziert und auch nicht salonfähig, wie man sagt.“ Aber trotzdem blieb er angeblich nicht aus Mangel an Gelegenheit, sondern aus Überzeugung ungebunden. Seine Frauenbekanntschaften waren nicht die höheren Töchter Wiens, es waren oft „Damen, die einst in jungen Jahren phantastisch verdient hatten, es jetzt aber beträchtlich billigerer gaben“.
Und vermutlich begann auch durch eine dieser Damen die Kranken- und Leidensgeschichte des Franz Schubert. Ende 1822 musste er sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben, denn Anfang Jänner 1823 machten sich die ersten Symptome bemerkbar. Aus dem Krankheitsverlauf, aus Briefen und Tagebüchern seiner Freunde weiß man heute mit Sicherheit, dass es sich um Syphilis gehandelt hat. Bis 1828 litt Schubert unter den für den Medizinhistoriker und Pathologen Hans Bankl eindeutigen Symptomen der Syphilis: Hautausschlag, Schmerzen, Fieber, Haarausfall – ob wegen der Krankheit oder infolge der damals üblichen Quecksilberbehandlung, weiß man nicht –, dauerndes Krankheitsgefühl und zeitweilige Depressionen. Typisch auch das ewige Auf und Ab seiner Krankheit, der Schubert mit Alkohol zu entfliehen versuchte.
Am 31. Oktober 1828 begann ein ganz anders geartetes Leiden. Schubert klagte über Übelkeit, aß nichts mehr, wurde eine Woche später ernstlich krank und bald auch bettlägerig. Die Diagnose seines Arztes lautete „Nervenfieber“ und wurde von Stabsarzt Josef von Vering mit Tee, Aderlässen, Zugpflastern und Senfwickeln behandelt. Dies weiß man heute aus Abrechnungen von Schuberts Bruder Ferdinand, der über die Unkosten, die ihm bei der Krankheit seines Bruders angefallen waren, genau Buch führte. Am 17. November begann Schubert zu delirieren, phantasierte, sagte etwa: „Nein es ist nicht wahr; hier liegt Beethoven nicht!“ und sprach dann später seine angeblich letzten Worte: „Hier ist mein Ende.“ Am 19. November 1828, nachmittags um drei Uhr, starb Franz Schubert im 32. Lebensjahr.
Kein Knochenbefall
Es ist heute allgemein anerkannt, dass Schubert an Bauchtyphus gestorben ist, einer Krankheit, die wegen der schlechten Trinkwasserversorgung damals in Wien geradezu endemisch war. Die Syphilis war nach Bankl an diesem frühen Tod sicherlich nicht entscheidend beteiligt. Eine immunologische Abwehrschwäche durch die chronische Lues könnte aber durchaus eine Rolle gespielt haben. An Schuberts Skelett, das bei der Exhumierung 1888 durch die Professoren der Wiener Universität Carl Toldt, Theodor Meynert und Augustin Weisbach untersucht wurde, fand sich jedenfalls kein Hinweis auf einen Befall seiner Knochen durch die Syphilis.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 7/2008

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