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Geschichte 8. Februar 2008

Einer zu viel (Narrenturm 129)

Was verbindet eine Wallfahrtskirche am Fuße des Jauerling im Waldviertel mit dem Narrenturm? Wer hier an mysteriöse Numerologie und rätselhafte Zahlenmystik denkt, liegt gar nicht so falsch, aber eben doch gewaltig daneben. Die frommen Wallfahrer, die nach Maria Laach ziehen, pilgern zu einem ungewöhnlichen Bild im linken Seitenaltar der Kirche: zur thronenden Maria mit dem Jesuskind, zur „Madonna mit den sechs Fingern“. Besuchern des Narrenturms bietet dieses Spektakel das Feuchtpräparat mit der Musealnummer 21502a.

 Hexadaktylus
Präparat einer Hexadaktylie im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum.

Foto: Nanut/Regal

Der Legende nach soll der unbekannte Schöpfer des Gnadenbildes in Maria Laach der Madonna sechs Finger gemalt haben: (a) aus Versehen, (b) aus Bosheit – weil die Bauern ohnehin nicht zählen können –und (c) weil er bei der Arbeit zu viel des Weines genossen hatte. Als er seinen Fehler bemerkte, versuchte er den überzähligen Finger zu übermalen. Aber es half nichts, so oft er den Finger des Anstoßes auch überpinselte, am nächsten Tag war er wieder da, genau so, wie er ihn gemalt hatte, und zu allem Überdruss lachte ihn Maria, „die demütige Magd, bar jeder Eitelkeit“ auch noch aus. So soll – wer‘s glaubt, wird selig – Ort und Kirche Maria Laach ihren Namen erhalten haben.

Geschichte mit Haken

Nach Ansicht der Historiker entstand der Name Laach aber vermutlich aus dem Wort „Lahhe“, was etwa eine Lacke oder einen Tümpel bezeichnet, der vielleicht hier einmal war oder aus dem althochdeutschen Wort „lah“, was soviel wie Wald bedeutet. Über die sechs Finger der Madonna gibt es aber auch noch ein anderes Märchen, gemäß dem sich die „bösen“ Kuenringer durch die Stiftung des Altarbildes von dem „Erbübel“ der Sechsfingrigkeit hätten befreien wollen. Auch diese Geschichte hat mehrere Haken. Man vermutet, dass die letzten Kuenringer bereits lange tot waren, als das Gnadenbild – urkundlich wurde die Kirche von Maria Laach erstmals 1636 als „Gotteshaus Unserer Lieben Frau Sechsfinger“ genannt – von Johann Wilhelm von Kuefstein gestiftet wurde. Auch ist aus keiner historischen Quelle eine derartige Missbildung bei den Kuenringern bekannt.
Kunsthistoriker sind heute der Ansicht, dass das Gnadenbild die Kopie eines niederrheinischen RosenkranzMarienbildes aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist und der Maler einer byzantinischen Tradition folgend heilige Personen durch etwas Besonderes – in diesem Fall eben sechs Finger – darstellte. Tatsächlich gibt es allerorten Darstellungen von Menschen oder Göttern mit sechs Fingern oder Zehen: Fresken in Portugal, Statuen in Australien, Polynesien, Südamerika, Mexiko, Reliefs in Ägypten bis eben zu den mittelalterlichen Tafelbildern in Europa. Die älteste Angabe einer Hexadaktylie findet sich im Alten Testament 2. Buch Samuel, 21.20: „Und wieder kam es zum Kampf bei Gat. Da war ein langer Mann, der hatte sechs Finger an seinen Händen und sechs Zehen an seinen Füßen, 24 an der Zahl.“

Gesundheit und Liebe, Vollkommenheit und Vollendung

Die Zahl Sechs steht in der Zahlenmystik vieler Kulturkreise für Vollkommenheit und Vollendung, aber auch für Liebe, Gesundheit, Schönheit und Glück – so ist die Sechs in unseren Breiten bekanntermaßen der Gewinnwurf beim Würfeln. Andererseits ist die dreifache Sechs – 666 – im Christentum die apokalyptische Zahl, das Zeichen des Tieres, des Antichristen.
Weit weniger mystisch sehen die Sechsfingrigkeit naturgemäß die Anatomen. Joseph Hyrtl beschrieb in seinem Handbuch der topographischen Anatomie, erschienen Jahr 1860, im Kapitel über Überzählige Finger die Geschichte eines „sechsfingrigen Spaniers, dessen Kinder sämmtlich sechsfingrig waren, mit Ausnahme des letzten, welches er sich hartnäckig als sein Kind anzuerkennen verweigerte, da es nur fünf Finger hatte“. Auch einen Fall von „Versehen“ erwähnte Hyrtl – für die, die daran glauben, wie er schrieb – in seinem Buch: „Eine Bürgersfrau, welche während ihrer Schwangerschaft durch eines ihrer Kinder, welches sich tief in den Finger schnitt, heftig erschreckt wurde, kränkelte von dieser Zeit an, und gebar ein Kind mit sechs Fingern an beiden Händen“.
Heute weiß man, dass die Polydaktylie eine angeborene, autosomaldominat vererbbare anatomische Fehlbildung bei Mensch und Tier ist. Häufig tritt sie allerdings als Symptom – wie auch beim Präparat im Narrenturm (siehe Abbildung) – bei verschiedenen schwersten chromosomalen Fehlbildungen auf. Die isolierte Polydaktylie – die häufigste Variante ist die Hexadaktylie – hat in Europa, Asien und Nordamerika eine Häufigkeit von 1: 3.000, in Afrika liegt sie überraschenderweise bei 1:300. Bei etwa 40 Prozent tritt die Veränderung beidseitig auf. Überzählige Finger oder Zehen werden heute aus funktionellen Gründen, oft aber auch aus ästhetischen Gründen operativ entfernt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 6/2008

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