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In Österreich ist jede vierte bis fünfte Frau in ihrem Leben mit Gewalt konfrontiert.
 
Allgemeinmedizin 3. Oktober 2013

Häusliche Gewalt – ein weltweites Gesundheitsproblem

Gewöhnlich handelt es sich nicht um ein einmaliges, außergewöhnliches Ereignis, sondern um ein System an Misshandlungen, das auf Macht und Kontrolle abzielt.

Die Weltgesundheitsorganisation schlägt Alarm. Frauen sind häufiger als bisher vermutet Opfer von Prügelattacken, Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder anderen Gewalttaten. Akute Verletzungen und psychosomatische Beschwerden resultieren daraus.

Häusliche Gewalt, Zwangsprostitution, Genitalverstümmelung, Vergewaltigung: Die weltweite Misshandlung von Mädchen und Frauen hat viele Facetten. Betroffen ist jede dritte Frau. Für die WHO-Generaldirektorin Margret Chan handelt es sich dabei um ein „globales Gesundheitsproblem von epidemischem Ausmaß. Deshalb muss Gewalt gegen Frauen im Gesundheitswesen ernster genommen werden als bisher.“

Mit dem WHO-Bericht „Global and regional estimates of violence against women: Prevalence and health effects of intimate partner violence and non-partner sexual violence“ liegen erste systematische Erhebungsdaten aus 81 Staaten vor. Die Daten für diese umfassende Prävalenzstudie sind von Wissenschaftlern der WHO, der London School of Hygiene and Tropical Medicine und dem South African Medical Research Council erfasst und ausgewertet worden.

Wenn Liebe umschlägt

Die im Juni 2013 präsentierte Studie sorgt für Zündstoff: Erschreckende 30 Prozent aller Mädchen und Frauen sind in ihrem Leben körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner ausgesetzt. Addiert mit dem Anteil an sexueller Gewalt, die von „fremden“ Männern ausgeübt wird, erhöht sich die Zahl weltweit auf 37,2 Prozent. Hervorzuheben ist auch, dass 38 Prozent aller Tötungsdelikte an Frauen von deren (Ex-) Partnern ausgeübt werden.

Für gewöhnlich handelt es sich bei häuslicher Gewalt nicht um ein einmaliges, außergewöhnliches Ereignis, sondern um ein System an Misshandlungen, das auf Macht und Kontrolle abzielt. Zu den Erscheinungsformen körperlicher Gewalt gehören Ohrfeigen, Faustschläge, Fußtritte, Angriffe mit Waffen und Gegenständen, etc. Sexualisierte Gewalt umfasst Missbrauch, Nötigung, Vergewaltigung und erzwungene Praktiken, die von den Betroffenen abgelehnt werden.

Am häufigsten sind 40 bis 44 Jährige (37,8%) Opfer von Gewalt, am wenigsten die 50- 59 Jährigen (15,1%), wobei mit zunehmendem Alter die Partnergewalt wieder ansteigt. Unter den 15 – 19-Jährigen erleiden immerhin 29,4 Prozent Gewalt durch (Ex-)Partner.

Gewalt gegen Frauen findet rund um den Globus – also in allen Staaten, unabhängig von Kultur, Religion und Gesellschaftsschicht statt. Allerdings fällt auf, dass in Regionen mit niedrigem Durchschnittseinkommen wie in Südostasien (37,7 %) und Afrika (36,6 %) Frauen häufiger geschlagen werden als in „Wohlstandsregionen“ wie Nordamerika, Australien, Japan und Westeuropa (23,2 %).

Angeschlagene Gesundheit

In Österreich ist jede vierte bis fünfte Frau in ihrem Leben mit Gewalt konfrontiert. Damit liegt das Risiko als Frau Opfer häuslicher Gewalt zu werden, um ein Vielfaches höher als an Krebs zu erkranken oder bei einem Verkehrsunfall zu verunglücken. Für die WHO sind Gewaltopfer „anfälliger für ein ganzes Spektrum von kurzzeitigen sowie langwierigen Gesundheitsproblemen“. Dazu gehören Knochenbrüche und Verletzungen ebenso wie Geschlechtskrankheiten. Laut WHO-Bericht erkranken weibliche Gewaltopfer häufiger an Depressionen und Alkoholismus. Frauen, die ständig körperliche und/oder sexuelle Partnergewalt erfahren, bringen öfter Kinder mit niedrigerem Geburtsgewicht auf die Welt. Überdies liegt die Zahl der Abtreibungen um 100 Prozent höher als bei anderen Frauen.

Gewalt macht krank! Die Professorin Charlotte Watts von der London School of Hygiene and Tropical Medicine kommt zu dem Schluss, dass „wir dringend in die Prävention investieren müssen“ und „dass Gewalt gegen Frauen im Gesundheitswesen ernster als bisher genommen werden muss.“

Diagnose: Häusliche Gewalt

Gemeinsam mit der Prävalenzstudie hat die WHO den umfangreichen Empfehlungskatalog „Responding to intimate partner violence and sexual violence against women. WHO clinical and policy guidelines“ veröffentlicht. Ziel ist es, dass Gewaltopfer in Zukunft besser als solche erkannt, sensibel angesprochen sowie nachhaltig versorgt werden. Im Gespräch gilt es betroffene Patientinnen zu ermutigen, sich professionelle Unterstützung in Frauenorganisationen zu holen. Für die ärztliche Dokumentation der Verletzungsbefunde wird der Einsatz standardisierter Checklisten empfohlen.

Löblicherweise existiert seit Kurzem in Österreich ein gerichtstauglicher Dokumentationsbogen für Verletzungen und Beschwerden nach Gewalttaten, der gemeinsam von der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtsmedizin, der Österreichischen Ärztekammer und dem BMI erstellt wurde (auf der Website des Innenministeriums hier downloadbaroder hier bei der Gerichtsmedizin zum  Downloaden).

Vor drei Jahren wurde das österreichweite Praxishandbuch „Gesundheitliche Versorgung gewaltbetoffener Frauen – ein Leitfaden für Krankenhaus und medizinische Praxis“ vorgelegt, an dem eine 54-köpfige Expertinnen und Expertengruppe mitgearbeitet hat und der unter http://www.goeg.at/de/GOEG-Aktuelles/Versorgung-von-weiblichen-Gewaltopfern.html abrufbar ist. Damit erhalten medizinische und pflegerische Fachkräfte eine in Österreich einheitliche und umfassende Information zur Befunderhebung, Dokumentation, Spurensicherung und Gesprächsführung mit Gewaltopfern.

Aufnahme in die medizinischen Lehrpläne

Die aktuelle WHO-Empfehlung, betreffend der Aufnahme der Problematik von häuslicher Gewalt in die medizinischen Lehrpläne, wird an der MedUni Wien bereits seit vier Jahren realisiert. Im kommenden WS 2013/14 steht der Schwerpunkt „Gewalt an älteren Menschen, insbesondere an Frauen“ im Mittelpunkt der Vorlesungsreihe. Organisiert wird die Veranstaltungsreihe von der Gerichtsmedizinerin Prof. Dr. Andrea Berzlanovich in Kooperation mit Mag. Maria Rösslhumer (Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser). Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis geben dabei tiefe Einblicke in Ursachen, Hintergründe und Folgen der verschiedenen Gewaltformen gegen alte Menschen sowie praxisbezogene Interventionsmöglichkeiten. Die Ringvorlesung mit insgesamt sieben Unterrichtsblöcken findet während der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ vom 25. November bis zum 10. Dezember 2013 statt. Die Anmeldung für Gasthörer ist jederzeit möglich (E-Mail: ).

Links zu den Originalpublikationen der WHO: 

World Health Organization: Global and regional estimates of violence against women: prevalence and health effects of intimate partner violence and non-partner sexual violence, Geneva 6.2013

World Health Organization: Responding to intimate partner violence and sexual violence against women. WHO clinical and policy guidelines, Geneva 6.2013

Buchtipp: Ärztliches Praxishandbuch Gewalt

B. Schleicher, Ärzte Woche 40/2013

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