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Gerichtsmedizin 11. Juli 2008

Die Fauna der Kadaver (Narrenturm 151)

Wie der Gipsabguss eines Leichengesichts mit Tierfraß in das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum kam, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Gezielt gesammelt wurden forensische Objekte hier jedenfalls nie. Das war die Domäne des gerichtsmedizinischen Museums, das in Sichtweite, nur ein paar Schritte vom Narrenturm entfernt, liegt. Das Museum in der Sensengasse ist eines der größten und bedeutendsten seiner Art weltweit.

Das trotz seiner gipsfarbenen, weißen, unschuldigen Sauberkeit schaurige Objekt im Narrenturm erinnert jedenfalls daran, dass die Gerichtsmedizin ein unglaublich vielfältiges Fach ist. Kein anderes medizinisches Spezialgebiet muss mit so vielen anderen Forschern und Wissenschaftlern, nicht nur aus der Medizin, zusammenarbeiten. Neben fast allen medizinischen Fachdisziplinen arbeiten Gerichtsmediziner mit Chemikern, Physikern, Serologen, Genetikern, Botanikern, Anthropologen, Biologen und einer Reihe anderer Spezialisten, vor allem bei komplizierten Todesermittlungen, eng zusammen. Hier ähnelt die europäische Gerichtsmedizin ein wenig dem amerikanischen „forensischen Pathologen“, wie wir ihn aus einschlägigen Fernsehserien kennen.
„Quincy“ ist grundsätzlich anders ausgebildet als seine europäischen Kollegen und übernimmt zum Teil jene Arbeit, die in Europa traditionell die Spurensicherung und Kriminaltechnik der Polizei machen. Zwei Methoden haben in den letzten Jahren mediales Aufsehen erregt und vereinzelt zu spektakulären Ermittlungserfolgen geführt, nämlich der genetische Fingerabdruck, die DNA-Typisierung und die forensische Entomologie, die sich speziell mit leichenbesiedelnden Insekten- und Gliedertieren beschäftigt.

Zersetzung durch kleine Tiere

„Wo Aas ist, sind auch Geier“, das weiß jeder, der irgendwann einen klassischen Western im Kino gesehen hat. In Ermangelung dieser klassischen Aasfresser übernehmen in unseren Breiten üblicherweise kleinere Tiere die Hauptarbeit der komplizierten Zersetzung eines Körpers: Fleischfliegenmaden, Käsefliegenlarven, Mistkäfer, Aaskäfer und Hunderte andere sogenannte Leicheninsekten. Schon der schwedische Naturwissenschafter Carl von Linné (1707–1778), er schuf die Grundlage der Nomenklatur für Pflanzen und Tiere, schrieb, dass drei Fliegen einen Pferdeleichnam ebenso schnell fressen können wie ein Löwe. Tatsächlich können Schmeißfliegen unter für sie optimalen Bedingungen – warm und feucht – Kadaver in wenigen Wochen komplett skelettieren. Interessant für den entomologischen Forensiker ist hier vor allem die Leichenbesiedelung mit bestimmten Käfern und Fliegenmaden, aus denen sich unter anderem der Todeszeitpunkt und die Liegezeit sehr exakt berechnen lassen.
Die ersten rechtsmedizinischen Fallbeispiele, bei denen Insekten bei der groben Liegezeitbestimmung einer Leiche eine Rolle spielten, erschienen in Europa Mitte des 19. Jahrhunderts. Wissenschaftliche Untersuchungen begannen dann etwas später in Frankreich, Deutschland und Österreich. Ein wesentlicher Fortschritt war die Einteilung der Besiedelung von Leichen in die sogenannten „Besiedelungswellen“ – nach der jede Insektenart ein bestimmtes Zersetzungsstadium bevorzugt – durch den französischen Mediziner Jean Pierre Méngin im Jahr 1881. Da die Verwesungsgeschwindigkeit stark von äußeren Faktoren abhängig ist, war diese Methode allerdings recht ungenau. Die Leichenfauna bietet aber auch Hinweise auf den Todesort und darauf, ob der Fundort der Leiche identisch ist mit dem Todesort. Darüber hinaus können mit toxikologischen Untersuchungen der Maden Medikamente, Gifte und Drogen nachgewiesen werden.

„Body farm“: Pionierarbeit mit Studien an Leichen

Die meisten modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse über Verwesungsprozesse an Leichen brachten aber Untersuchungen und Beobachtungen an der sogenannten „body farm“ der Universität Tennesee in den USA. Hier untersuchte der forensische Pathologe William M. Bass ab 1971 den Zerfall menschlicher Leichen in einem Freiluft-Labor. Die Leichen – frei liegend, oberflächlich verscharrt, in Autos, unter Laub oder auf Bäumen gelagert – wurden fotografiert, der Zerfall dokumentiert und gleichzeitig Lufttemperatur und Feuchtigkeit aufgezeichnet. Insektenkundler untersuchten akribisch die Besiedelung der Leichen. Zahlreiche Mordfälle konnten durch die hier geleistete Pionierarbeit spektakulär gelöst werden. Weltweit bekannt wurde die „Farm der Leichen“ durch den Bestsellerkrimi von Patricia Cornwell The Body Farm – auf Deutsch: Das geheime ABC der Toten.
Der erste dokumentierte Fall, bei dem Fliegen einen Mordfall lösten, ereignete sich aber bereits im 13. Jahrhundert in China. In einem der weltweit ersten Lehrbücher für Gerichtsmedizin erzählt der Autor, wie ein Ermittler einen Mord nahe einem Reisfeld untersuchen musste. Tatortspuren, Hinweise oder Zeugen gab es nicht. Das Opfer hatte zwar einen Schuldner, der war aber unverdächtig. Da die tödlichen Wunden dem Toten mit einer Sichel zugefügt wurden, befahl der Ermittler alle Arbeiter des Dorfes zu sich und ließ sie ihre Sicheln vor sich auflegen. Nur auf einer Sichel setzten sich die Schmeißfliegen. Sie hatten nämlich die für Menschen nicht wahrnehmbaren Blutreste auf der Mordwaffe gerochen. Der Täter brach darauf hin zusammen und gestand sofort. Es war der unverdächtige Schuldner.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 28/2008

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