zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 15. Mai 2008

Sexualität im Alter neu erleben

Die Begriffe Sexualität und Alter sind nicht mehr in dem Ausmaß tabuisiert wie noch vor wenigen Jahren. Am Büchermarkt ist nahezu ein Trend wahrnehmbar, Alter und Sexualität anzusprechen, und auch Beiträge im Fernsehen wie auch in Printmedien weisen auf das zunehmende öffentliche Interesse an diesem Thema hin.

So sehr sich Massenmedien verstärkt dem Tabuthema „Sexualität im Alter“ widmen, tragen sie gleichermaßen dazu bei, das vermeintliche Thema aus der Tabuisierung zu holen. Trotzdem ist Sexualität und Alter nach wie vor ein schwieriges Kapitel. Diese Tatsache hat sich auch durch pharmakologische Neuentwicklungen nicht geändert, sondern wurde vielmehr noch akzentuiert.
Neben der Thematisierung auf gesellschaftlicher Ebene existiert eine individuelle Betroffenheit vieler älterer Menschen. Studien zufolge behält die Sexualität für den Großteil älterer Menschen ungemindert einen hohen Stellenwert und entgegen herkömmlichen Stereotypien ist auch die Mehrzahl alter Menschen sexuell aktiv (Klaiberg et al. 2001). Dies beweist auch der große Andrang bei öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Sexualität und Gesundheit, insbesondere von Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Ungeachtet dieser Durchschnittsbefunde besteht die wohl bedeutsamste Erkenntnis aus der Beratungspraxis, dass sich ältere Menschen noch mehr als jüngere in ihrer Sexualität hinsichtlich ihrer Zugänge und Konkretisierungen unterscheiden. Ihr sexuelles Interesse und die Aktivität im fortgeschrittenen Alter sind neben verschiedenen körperlichen und gesellschaftlichen Einflüssen vor allem durch den eigenen sexuellen Erfahrungshintergrund bestimmt.

Einflussfaktoren

Es sind vor allem hormonelle, vaskuläre und neuronale physiologische Veränderungen, die als körperliche Ursachen für die Veränderung der sexuellen Aktivität vor allem des alternden Mannes genannt werden. Die Erregungsphase wird zunehmend länger bei gleichzeitiger Abnahme der Rigidität der Erektion. Die Ejakulation erfolgt später, wobei der Orgasmus weniger klar erkennbar und kürzer erfolgt. Auch das Volumen des Ejakulats sinkt (Blanker et al., 2002). Der Beginn dieser Veränderungen wird in unterschiedlichen Studien im Alter von 40 bis 50 Jahren angegeben.
Auch bei Frauen kommt es aufgrund von Hormonumstellungen der Wechseljahre zu körperlichen Veränderungen. Die Haut von Vulva und Vagina wird etwas dünner und empfindlicher und die Lubrifikation etwas schwächer. Andererseits bleibt die sexuelle Reaktionsfähigkeit weitgehend unbeeinträchtigt und bis ins hohe Alter erhalten.
Zunehmende Morbidität und die damit verbundene Einnahme von Medikamenten sowie nachhaltige Veränderungen im Lebensstil sind weitere Einflussfaktoren auf die körperlichen Bedingungen im Alter. Die offenen Fragen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte sowie deren Verunsicherung können allerdings nicht alleine durch diese körperlichen Veränderungen erklärt werden. Ebenso wenig ist eine Lösung alleine auf dieser Ebene zu erwarten. Hormonbehandlungen oder die Verschreibung von PDE-5-Hemmern stellen eine oftmals nicht zufrieden stellende Lösung dar und sind für manche lediglich ein Kompromiss, der mangels Kenntnis über alternative Handlungsmöglichkeiten gewählt wird.

Normalität oder Sexualstörung?

Basis jeder Verunsicherung ist die Annahme, erwachsene Sexualität sei ein statischer Zustand, den es möglichst lange aufrecht zu erhalten gelte. Diese Sichtweise wird durch eine allgemeine gesellschaftliche Haltung und durch Massenmedien unterstützt, die Sexualität als eine Angelegenheit junger Menschen in Wort und Bild dokumentieren. Wenn beispielsweise ein Mann mit 60/70 Jahren an zwei Tagen hintereinander Sex haben möchte, kann es sein, dass er aufgrund der Refraktärphase keine Erektion bekommt. Dies ist keine Erektionsstörung, sondern ganz normal. Mit zunehmendem Alter kann diese Refraktärzeit, in der er physiologisch nicht erregbar ist, relativ lang sein. Allein die Unkenntnis solcher körperlicher Realitäten kann sehr rasch verunsichernd wirken. Bedauerlicherweise wird dieser Zugang auch durch die Mehrzahl der Studien zum Thema Sexualität im Alter verstärkt, indem der Forschungsschwerpunkt ebenfalls nur auf den vaginalen Geschlechtsverkehr gelegt wird (Lindau 2007).
Obwohl Sexualität als Ausdruck von und gleichzeitig als Garant für Vitalität und Lebenslust gilt, lässt sich Sex nicht als Fitnessprogramm zur Lebensverlängerung instrumentalisieren. Sexualität unverändert weiter zu leben, bedeutet vor allem, die Jugendphase künstlich zu verlängern und damit die nächsten Entwicklungsschritte zu verzögern oder zu falscher Zeit zu vollziehen. Erfüllte Sexualität im Alter setzt jedoch die Bereitschaft voraus, sich auf einen Entwicklungsprozess einzulassen und zu verstehen, dass die sexuelle Entwicklung nicht nach der Pubertät abgeschlossen ist. Erst dieses Verständnis eröffnet die Möglichkeit, das sexuelle Handlungsspektrum zu verändern und zu erweitern (siehe Sexuelle Erlebnisfähigkeit).

Sexuelle Altersvorsorge

Die sexuelle Erlebnisfähigkeit älterer Menschen hängt damit zusammen, inwieweit es möglich ist, sich von allgemeinen Vorgaben über Häufigkeit, Orgasmusfähigkeit und akrobatischen Meisterleistungen im Bett zu lösen.
Die sexuelle Erlebnisfähigkeit eines älteren Menschen hängt auch davon ab, was dieser Mensch in früheren Jahren in die Gestaltung seiner Sexualität investiert hat. Dass neben der Beziehungsebene und der kognitiven Auseinandersetzung auch und insbesondere die genitalkörperliche Ebene Entwicklungspotenzial besitzt, ist selbst in der Sexualtherapie ein neuer Aspekt. Ein sexualtherapeutischer Ansatz, der an der Universität in Montreal von Jean-Yves Desjardins entwickelt wurde und über die Schweiz und Frankreich nun auch den deutschsprachigen Raum erreicht, fokussiert diese körperliche Ebene und bietet für die Sexualtherapie äußerst interessante Zugänge. Dieser Ansatz Klinischer Sexologie „Sexocorporel“ liefert ein sehr differenziertes Modell menschlicher Sexualität und erlaubt eine genaue Evaluation der Fähigkeit, sich zu erregen, der Fähigkeit, Erregung zu steigern und der Fähigkeit zur orgastischen Entladung. Je enger diese Fähigkeiten angelegt sind, desto eher werden mit zunehmendem Alter die Limits des bisherigen Automatismus spürbar. Eine Kompensation ist dann nur mehr durch andere Stimulationsarten, mehr Spiel, mehr Variation von Berührung möglich. Die Erkenntnis, dass diese Fähigkeiten angeeignet sind, erlaubt gezielte sexualtherapeutische Interventionen. Damit ist ein sexualtherapeutisches Instrumentarium verfügbar, das auch auf körperlichgenitaler Ebene Ansätze für Veränderung aufzeigt und damit effiziente Methoden zur Behandlung von Sexualstörungen auch in jüngeren Jahren ermöglicht. Je eher damit begonnen wird, eigene Limits zu erweitern, desto größer wird auch der Handlungsspielraum im Alter sein.
Der Gedanke einer „sexuellen Altersvorsorge“ ist ungewohnt. Sexualität ist gut vergleichbar mit dem Beherrschen eines Musikinstrumentes: Man muss regelmäßig üben, wenn man gut spielen möchte. Diejenigen, die ihr Musikinstrument gut gelernt haben, spielen auch noch, wenn sie älter oder krank werden oder wenn es ihnen schlecht geht.

Literatur bei den Verfassern

Ass. Prof. OA Dr. Daniela Dörfler ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in der Universitätsklinik für Frauenheilkunde, AKH, Wien, Abteilung für allgemeine Gynäkologie und gynäkologische Onkologie.
Weiters verantwortet sie die medizinische Leitung im Institut für Sexualpädagogik, ISP, Wien

Mag. Wolfgang Kostenwein ist Sexualtherapeut im Institut für Sexualpädagogik, ISP, Wien

Österreichisches Institut für Sexualpädagogik
www.sexualtherapien.at

Kostenwein, Ärzte Woche 20/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben