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Der Wahn im Alter

Wahn und Demenz treten häufig als Komorbiditäten auf und stellen eine Herausforderung für geriatrisch tätige Ärztinnen und Ärzte sowie das Pflegepersonal dar.

Wahn und Wahnvorstellungen verändern sich in Abhängigkeit vom Lebensalter. So nimmt etwa die Häufigkeit von Größenwahn, wahnhaftem Identitätswandel oder Liebeswahn mit steigendem Alter ab, während hypochondrischer Wahn oder Verfolgungswahn zunehmen. Dr. Barbara Schreiber, Leiterin der Abteilung für Geronto-Psychosomatik am Haus der Barmherzigkeit, Wien referierte im Rahmen des Geriatrie-Kongresses 2013 über Wahn und dessen Behandlung bei alten Patienten.

Die häufigsten Wahnthemen im fortgeschrittenen Alter sind Beeinträchtigungswahn wie Vergiftungsideen, Bestehlungs- und Verarmungswahn, aber auch Verfolgungswahn, Eifersuchtswahn und hypochondrischer Wahn nehmen im Alter zu. „Im Alter treten allerdings die verschiedensten Erkrankungen auf, die ein wahnhaftes Erleben beinhalten und die differenzialdiagnostisch zu berücksichtigen sind“, berichtete Schreiber. So leiden rund 40 Prozent der Patienten mit Demenz und bis zu 33 Prozent mit Depressionen auch an Wahn-Symptomen. Aber auch Delir und Substanzmissbrauch sind häufig mit Wahn vergesellschaftet.

Die Unterscheidung zwischen einer Psychose im Rahmen einer Alzheimer-Demenz oder einer Schizophrenie lässt sich anhand typischer Manifestationen treffen. So treten bei Patienten mit Alzheimer-Demenz eher visuelle Halluzinationen auf, während bei der Schizophrenie eher das Stimmenhören im Vordergrund steht. Patienten mit Alzheimer-Demenz verkennen häufig Pflegepersonen oder Angehörige, während dies bei Schizophreniepatienten nur selten der Fall ist.

Wahnvorstellungen von Schizophrenie-Patienten sind oft bizarr und komplex. Menschen mit AD zeigen dagegen eher Bestehlungs- oder Verfolgungswahn. Die Unterschiede wirken sich auch therapeutisch aus. „Gerade bei wahnhaften AD-Patienten lässt sich durch die Gestaltung der Umwelt, etwa durch Einschränkung des Sehens und Hörens und durch Schaffung von Sicherheit viel erreichen. Bei der Schizophrenie-Behandlung ist die medikamentöse Therapie zumeist unvermeidbar“, so Schreiber.

Schizophrenie im Alter

Verkennungs- (Misidentification) Syndrome können in unterschiedlichen Formen auftreten. Bei rund 30 Prozent der Patienten mit Alzheimer-Demenz, seltener bei Lewy-Body-Demez, entwickelt sich im Laufe der Erkrankung ein Capgras Syndrome. Dabei handelt es sich um die wahnhafte Überzeugung, dass nahestehende Menschen ausgetauscht bzw. durch übelmeindende Doppelgänger ersetzt wurden.

Beim Fregoli- Syndrom nimmt der Patient an, eine ihm nahe Person hätte sich in einem Fremden versteckt. „Dabei werden beispielsweise der Bettnachbar als Ehemann oder Pflegepersonen als Kinder und Kindeskinder verkannt“, berichtete Schreiber.

Weitere wahnhafte Symptome, insbesondere in Zusammenhang mit einer Alzheimer-Demenz, sind das „Mirror sign“, bei dessen Vorliegen die Patienten ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr erkennen, die „reduplikative Paramnesie“, bei der der Patient überzeugt ist, sich in einer Doppelgängerumgebung des aktuellen Orts zu finden, sowie die „Phantom boarder“, bei dem die Überzeugung, dass sich fremde Personen in der Wohnung befinden, besteht.

Schizophrenie, die erst im höheren Lebensalter (› 65 Jahre) auftritt, unterschiedet sich von früheren Formen. So zeigen sich bei der späten Schizophrenie eher paranoid-wahnhafte Symptome, häufig lassen sich neurodegenerative Veränderungen nachweisen und die Prognose ist eher stabil. Der Therapieresponse auf Antipsychotika ist bei dieser Form der Schizophrenie eher beschränkt.

Die Therapie der Schizophrenie im Alter setzt sich aus nicht medikamentöser und medikamentöser Therapie zusammen. „Für die Pharmakotherapie gilt der Grundsatz `start low – go slow´, wobei bei Patienten über 65 Jahre besondere Vorsicht bei der Dosierung von Neuroleptika geboten ist“, so Schreiber.

Quelle: Geriatrie-Kongress 2013 21. März 2013, Wien

H. Leitner, Ärzte Woche 19/2013

  • Herr Dr. Helmut Prammer, 16.05.2013 um 19:02:

    „S.g. Herr/Frau Redakteur/in H.Leitner,

    ich finde Ihren Bericht über den Vortrag "Wahn im Alter" im Rahmen des Österreichischen Geriatriekongresses (Ausgabe 19/2013) durchaus gelungen und freue mich, dass diesem Thema Raum gegeben wurde. Ein kleiner Wermutstropfen:
    Sie sollten den Namen der Referentin richtig angeben -
    Dr. Barbara SCHREIBER (und nicht "Schneider")

    Mit freundlichen Grüssen

    Dr. Helmut Prammer
    FA f. Neurologie und Psychiatrie“

  • Frau Inge Smolek, 21.05.2013 um 17:10:

    „S.g. Herr Dr. Prammer,
    vielen Dank für den Hinweis, der Fehler tut uns Leid. Wir haben den Namen nun korrigiert.

    MfG
    Inge Smolek“

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