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Glomeruli im Nierengewebe.
 
Urologie 24. Oktober 2012

Nierenfunktion: neue Formel für Senioren

Mit der MDRD-Formel wird die Nierenfunktion älterer Menschen oft überschätzt. Die neuen BIS-Formeln haben eine weitaus niedrigere Fehlerquote.

Die Standard-Formeln zur Berechnung der glomerulären Filtrationsrate sind bei Senioren über 70 unzuverlässig. Ein Team der Charité Berlin hat zwei neue Formeln vorgelegt, mit denen sich die Nierenfunktion dieser Altersgruppe besser einschätzen lässt.

Die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) als Parameter für die Nierenfunktion wird in der Regel über die MDRD-Formel (Modification of Diet in Renal Disease) oder die Cockcroft-Gault-Formel ermittelt. Neu eingeführt wurde außerdem die Formel der CKD-EPI-Collaboration (Chronic Kidney Disease Epidemiology).

All diese beruhen auf dem Serum-Kreatininwert, der den Nachteil hat, dass er durch Veränderungen der Muskelmasse und durch chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus beeinflusst wird. Speziell bei älteren, multimorbiden Nierenpatienten mit reduzierter Muskelmasse wird die GFR also leicht überschätzt.

Cystatin C einbeziehen

Wie eine Forschergruppe der Berliner Charité herausgefunden hat, kommt man mit einer Formel, die Cystatin C als zusätzlichen Marker heranzieht, bei Senioren auf wesentlich realistischere Werte. Die neue Formel wurde nach der „Berlin Initiative Study“ BIS2-Formel getauft.

Die Gruppe um Dr. Elke S. Schäffner hatte mithilfe des intravenös verabreichten Kontrastmittels Iohexol die exakte GFR von 570 Patienten im Alter von mindestens 70 Jahren ermittelt (Plasmaclearance) und diesen Standard mit den Werten verglichen, die sich aus den verschiedenen Formeln ergaben. Das mittlere Alter der Patienten lag bei 78,5 Jahren, ein Viertel hatte Diabetes, mehr als drei Viertel Bluthochdruck, nahezu ein Drittel war übergewichtig. Im Schnitt lag die gemessene GFR (mGFR) bei 60,3 ml/min/1,73m2.

MDRD: Jeder vierte Patient falsch klassifiziert

MDRD ebenso wie Cockcroft-Gault führten jeweils in etwa 23 Prozent der Fälle zur Zuordnung in ein falsches Stadium, die neue CKD-EPI-Formel in 20,4 Prozent, die BIS2-Formel jedoch nur in 11,6 Prozent. Zu hoch lag die BIS2-Formel nur in 11,2 Prozent, die MDRD dagegen in 47 Prozent, CKD-EPI in 40,3 Prozent und Cockcroft-Gault in 27 Prozent.

Günstigere Variante ohne Cystatin

Die Einbeziehung von Cystatin C als Marker für die Abschätzung der GFR macht die Diagnostik allerdings deutlich teurer. Die Berliner entwickelten daher noch eine zweite Formel, die lediglich auf dem Kreatininwert basiert (BIS1).

Auch diese war mit einem Anteil von 17,2 Prozent Fehlmessungen immer noch deutlich präziser als die herkömmlichen Formeln. Schäffner und ihr Team empfehlen, bei Nierenpatienten jenseits der 70 mit höchstens leicht reduzierter Nierenfunktion zunächst mit der BIS2-Gleichung zu arbeiten. Die BIS1-Formel sei eine akzeptable Alternative, wenn Cystatin C nicht verfügbar sei.

Quelle: Schäffner ES et al.: Ann Intern Med 2012; 157 (7): 471-481

Die neuen Formeln

BIS2 = 767 x Cystatin C-0,61 x Kreatinin-0,40 x Alter-0,57(x 0,87 falls weiblich)

BIS1 = 3736 x Kreatinin-0,87 x Alter-0,95(x 0,82 falls weiblich)

springermedizin.de, Ärzte Woche 43/2012

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