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Armut und Pflege stellen die großen sozialen Herausforderungen dar.
Im Bild: 1. Reihe (v.l.n.r.): Erika Stubenvoll (Vorsitzende), Sonja Leonhardsberger (Bereichsleitung Pflege und Betreuung ), Herbert P. Kornfeld (Geschäftsführer) - alle Volkshilfe Wien; Renate Christ (Leiterin MA 40) 2. Reihe: Georg Psota (Leiter Psychosoziale Dienste Wien), Verena Fabris (Volkshilfe Österreich, Armutskonferenz), Angelika Rosenberger-Spitzy (Wiener SeniorInnenbeauftragte), Erich Fenninger (Bundesgeschäftsführer Volkshilfe Österreich); Ljuba Borojevic (Sozialberatung), Walter Kiss (Geschäftsführer) - beide Volkshilfe Wien, Peter Hacker (Geschäftsführer Fonds Soziales Wien), Elisabeth Vitouch (Moderation)
 
Pflege 19. Juni 2012

Die großen sozialen Herausforderungen: Armut und Pflege im Alter

Enquete der Wiener Volkshilfe

Aus Anlass ihres 65-jährigen Gründungsjubiläums organisierte die Volkshilfe Wien am 18. Juni 2012 eine Fachenquete unter dem Titel "Vom Wohlfahrtsverein zur sozialen Dienstleistungsorganisation" im Dachgeschoss des Wiener Ringturms.

 

Im Zentrum der Redebeiträge und einer Podiumsdiskussion standen die Darstellung der gegenwärtigen Entwicklung sowie die künftigen Herausforderungen für Sozialorganisationen im öffentlichen und privaten Sektor. Einhelliger Tenor: Die  auch in Österreich zunehmende  Armut wie auch die demografische Entwicklung hin zu einer steigenden Lebenserwartung erfordern neue Konzepte hinsichtlich Verteilung von Vermögen, Treffsicherheit der Sozialleistungen und Professionalisierung der sozialen Dienstleistungen.

Dr. Günter Geyer, Vorstandsvorsitzender des Wiener Städtische Versicherungsvereins, betonte in seiner Begrüßung die langjährige Verbundenheit mit der Volkshilfe. Soziales Engagement sei dem Unternehmen ein Anliegen, MitarbeiterInnen bekommen jährlich einen zusätzlichen freien Tag für ehrenamtliche Arbeit im Sozialbereich.

Geänderte Anforderungen

Prof. Erika Stubenvoll, Vorsitzende der Volkshilfe Wien, erinnerte in einem kurzen Rückblick an die Vorgängervereine "Societas" und "Sozialistische Arbeiterhilfe", auf die am 21. März 1947 die Gründungsversammlung des "Wiener Landesfürsorge- und Wohlfahrtsvereins Volkshilfe" folgte. "Ging es in den Anfangsjahren der Volkshilfe um die Linderung der Not nach den Weltkriegen mit Ausspeisungen, Erholungsfahrten für kriegstraumatisierte Kinder, der Versorgung von Heimkehrern, der Errichtung von Kinderheimen, der Erwachsenenbetreuung und Krankenfürsorge, der Betreuung einsamer und alter Menschen und vielem mehr so stehen wir heute vor ganz neuen Herausforderungen", erklärte Stubenvoll: Nicht zuletzt die globale Finanz- und Wirtschaftskrise konfrontiere die heutige Gesellschaft mit "erneuter Massenarmut, mit steigender Arbeitslosigkeit und dem Phänomen der ,working poor, Menschen, die trotz Arbeit zu wenig zum Leben haben". Die demografische Entwicklung erfordere ebenso neue Konzepte für ein würdevolles Leben im Alter. Nicht zuletzt "gilt unsere Sorge all jenen, die durch Behinderung, Krankheit, Scheidung oder andere Schicksalsschläge den Boden unter den Füßen verlieren und alleine nicht mehr zurecht kommen können", so Stubenvoll.

Die Volkshilfe Wien bietet mit ihren mehr als 1.300 MitarbeiterInnen heute eine Vielzahl an professionellen Unterstützunsangeboten an und repräsentiert eine der größten sozialen Dienstleistungsorganisationen und die Nummer Eins im Bereich Pflege und Betreuung in Wien. "Gleichzeitig ist uns aber bewusst, dass wir auch in die Zukunft denken müssen, um weiterhin eine verlässliche und effiziente Anlaufstelle für Menschen zu sein, die Unterstützung brauchen", betont die Vorsitzende: "Dazu bedarf es kontinuierlicher Professionalisierung, des bedarfsentsprechenden Ausbaus unserer Leistungen wie auch der Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen für ein sicheres Einkommen und flächendeckende soziale Dienstleistungen für alle Menschen."

Für Wiens Gesundheits- und Sozialstadträtin Mag. Sonja Wehsely ist die Volkshilfe Wien "ein wichtiger Partner in der Stadt: im Pflegebereich, in der Wohnungslosenhilfe, im Flüchtlingsbereich". Mit dem Aufbau des Sozialstaates wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur die Lebenssituation der Menschen verbessert, sondern auch der soziale Friede gesichert. Die Volkshilfe habe sich dabei immer "als avantgardistisch erwiesen - im Beobachten von Entwicklungen, Professionalisieren und Vordenken". Sozialleistungen könnten nicht nur additiv entwickelt werden, sondern es sei auch in Zukunft der Wandel im Arbeits-, Privat- und gesellschaftlichen Leben zu berücksichtigen. Umso wichtiger sei es, "die Herausforderungen der Zukunft genau zu überlegen", so Wehsely.

Sensibilität für langlebige Gesellschaft entwickeln

Auf das Europäische Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen 2012 bezog sich die Wiener SeniorInnenbeauftragte Dr.in Angelika Rosenberger-Spitzy: "Wir müssen Sensibilität für eine langlebige Gesellschaft entwickeln!" Den Vorurteilen, dass Altern als Bedrohung und älteren Menschen als Belastung der jüngeren Generationen angesehen werden, müsse entgegengewirkt werden  durch ein Ermöglichen der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, durch Beschäftigungsmöglichkeiten wie auch Freiwilligentätigkeit für ältere Menschen. Zahlreiche Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene würden sich diesen Themen annehmen. Der österreichische Lenkungsausschuss dazu verfolge die Schwerpunkte aktiv Altern und Arbeitsmarkt, Partizipation, Altern in Gesundheit und Würde sowie Generationenpolitik und Solidarität.

Im Speziellen auf das Thema "Psychische Erkrankungen im Alter" bezog sich Dr. Georg Psota, Leiter der Psychosozialen Dienste Wien. Da die Lebenserwartung steige und daher auch mit einer steigenden Zahl an DemenzpatientInnen zu rechnen sei, müsse eine entwickelte Gesellschaft "Angebote für ältere Menschen auf diese demografische Veränderung abstimmen  von der Prävention bis zur Behandlung und Rehabilitation, in allen Bereichen der Medizin und daher auch in der Psychiatrie".

Professionalisierung in Pflege und Betreuung

Den praktischen Herausforderungen im Bereich Pflege und Betreuung widmete sich die Pflegedienstleiterin der Volkshilfe Wien, Sonja Leonhardsberger: "Geänderte Rahmenbedingungen erfordern Professionalisierung auf allen Ebenen." In der allgemeinen Wahrnehmung sind Pflege und Betreuung Begriffe, die eher mit Fürsorge, Wohlfahrt und Obhut in Verbindung gebracht werden. Dahinter stünden aber professionelle Konzepte wie jenes des Ambient Assisted Living, die Menschen eine Leben in Würde im eigenen Zuhause so lange wie möglich eröffnen ebenso, wie die entsprechende Aus- und Weiterbildung der MitarbeiterInnen und die Nutzung moderner Informationstechnologie für Organisation und Administration.

Armut als Verteilungsproblem

"Armut ist kein Naturereignis, sie wird von Menschen gemacht" ist Mag.a Verena Fabris von der Volkshilfe Österreich/Armutskonferenz überzeugt. Folglich hänge Armutsbekämpfung mit gerechter Verteilung von Vermögen zusammen. "Armut ist teuer", sagt Fabris mit Verweis auf die Folgekosten wie höhere Sozialleistungen bei gleichzeitig geringerer Steuerleistung. Die Forderung nach einer gerechteren Gesellschaft komme daher allen zugute.

SRin Mag.a Renate Christ, Leiterin der Magistratsabteilung 40 Soziales, Sozial- und Gesundheitsrecht, kann "ebenso wie Verena Fabris keine Jubelzahlen berichten". Zwar sei es durch zahlreiche arbeitsintegrative Maßnahmen gelungen, die Zahl der VollbezieherInnen der Mindestsicherung zu reduzieren, gleichzeitig sei aber der Bedarf an Ergänzungsleistungen massiv angestiegen. Ursachen seien der Rückgang an Vollbeschäftigung hin zu Teilzeitarbeit und atypischen Beschäftigungsverhältnissen. "Working poor" würden ohne zusätzliche Sozialleistungen zu wenig zum Leben haben. Das Ziel der sozialen Arbeit in Wien sei, durch viele Zusatzangebote einen ganzheitlichen Beitrag zu Gerechtigkeit, Menschenwürde und sozialem Ausgleich zu schaffen.

Wie die "Gesichter der Armut" aussehen, berichtete Ljuba Borojevic von der Sozialberatung der Volkshilfe Wien am Beispiel typischer Fallgeschichten. Sie konstatiert generell einen "rapiden Anstieg der hilfesuchenden Menschen" und immer komplexer werdende Problemsituationen. "Wichtig ist, so zu beraten und zu helfen, dass aus momentanen Notlagen nicht manifeste Armut wird", beschreibt sie die Praxis.

"Hurra, wir leben immer länger?"

Die von Dr. Elisabeth Vitouch moderierte anschließende Podiumsdiskussion drehte sich um das Thema "Hurra, wir leben immer länger?".

"Armut im reichen Österreich ist bittere Realität", betonte Mag. (FH) Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe Österreich: "Über eine halbe Million Menschen in Österreich leben in Armut. Das ist ein neuer Höchststand. Die Aufgabe der Volkshilfe ist es, Menschen zu unterstützen und soziale Härten auszugleichen. Nur gemeinsam ist eine solidarische Gesellschaft möglich."

Peter Hacker, Geschäftsführer des Fonds Soziales Wien, erklärte: "Durch den Fonds Soziales Wien wird sichergestellt, dass Pflege und Betreuung für alle Wienerinnen und Wiener leistbar und einfach zugänglich ist. Grundsätzlich ist Wien mit dem Geriatriekonzept bestens für die Zukunft gerüstet, und mit der Einführung des Pflegefonds ist auch der finanzielle Mehraufwand mittelfristig gedeckt. Aktuell sprechen wir mit dem Bund über die langfristige Pflegefinanzierung."

"Seit beinahe 65 Jahren tritt die Volkshilfe Wien gegen Armut und soziale Ausgrenzung ein und kämpft für eine gerechtere Verteilung der Lebenschancen", resümierte DSA Walter Kiss, Landessekretär und Geschäftsführer der Volkshilfe Wien: "Mit einem vielfältigen Angebot an professionellen sozialen Dienstleistungen und Einrichtungen sind wir eine zentrale Anlaufstelle für Menschen, die Unterstützung brauchen. Trotz all unserer Bemühungen darf die Politik aber nicht aus ihrer Verantwortung genommen werden."

Dr. Herbert P. Kornfeld, Geschäftsführer der Volkshilfe Wien, verwies auf große Erfolge: "Die Volkshilfe Wien ist heute einer der modernsten Sozialdienstleister und die Nummer 1 im Bereich Pflege und Betreuung in Wien. Wir wollen auch in Zukunft diesen Erfolgsweg gehen, Entwicklungen beobachten, neue Ideen aufgreifen und zugunsten unserer KlientInnen umsetzen. Denn eine Prämisse wird immer voranstehen: Im Mittelpunkt der Mensch!"

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