zur Navigation zum Inhalt
 

Ersatzteillager aus der Nabelschnur

Der Bericht „Tief gekühlt, aber heiß diskutiert“ in der ÄRZTE WOCHE Nr. 13 vom 29. März brachte ein großes Leserecho. Besonders interessant war die differenzierte Rückmeldung der österreichischen Ärzte hinsichtlich der Chancen einer autologen Stammzellprophylaxe aus dem Nabelschnurblut. Was spricht dafür und was dagegen?

 Befürworter glauben, dass in naher Zukunft sogar Erythrozyten  in signifikanten Mengen aus Stammzellen hergestellt werden.
Befürworter glauben, dass in naher Zukunft sogar Erythrozyten in signifikanten Mengen aus Stammzellen hergestellt werden.

Foto: EccoCell Biotechnologie GmbH

Pro Stammzellvorsorge

Prof. Dr. Karl-Heinz Preisegger, Pädiater und Pathologe an der Universität Graz, informiert Eltern gerne über die Möglichkeiten des Nabelschnurblutes aus wissenschaftlich-medizinischer Sicht. Den Nutzen der Vorsorge sieht er nicht nur bei onkologischen Erkrankungen im Kindesalter. Stammzellen sind laut Preisegger vielseitig verwendbar, wie zum Beispiel bei Herzschwäche: Werden therapeutische Stammzellen erst zum Zeitpunkt der Erkrankung gewonnen, ist die Therapie weniger effektiv. Für die Zellqualität ist Preisegger die Art und Weise wichtig, in der eingefroren wird: „Was die Lagerungsdauer betrifft – bei unter 150 Grad minus findet kein Stoffwechsel statt. Bereits fast 10.000 Menschen wurden mit aufgetautem Nabelschnurblut recht erfolgreich behandelt – nachdem das Blut bis zu 20 Jahre eingefroren war.“
Stammzellvorsorge wird bestimmten Risikogruppen (zum Beispiel familiäre Belastung durch Erbkrankheiten) besonders ans Herz gelegt – hierfür gibt es auch eine Empfehlung des Ministeriums. Preiseggers Firma „EccoCell Biotechnologie“ bietet für betroffene Familien ein entsprechendes Service kostenfrei an. Der Pathologe: „Wir brauchen beides, Fremdspenderbanken und persönliche Vorsorgemöglichkeiten. Einige Erkrankungen müssen mit fremden Stammzellen behandelt werden, etwa angeborene Stoffwechselerkrankungen. Bei anderen Leiden sollten nur eigene Stammzellen verabreicht werden, da eine Abstoßungsreaktion nicht in Kauf genommen werden kann.“

Weniger als ein Prozent

Der Anteil von Stammzelltransplantationen mit Nabelschnurblut liegt in Österreich seit 1982 bei unter einem Prozent aller allogenen Transplantation mit blutbildenden Stammzellen – für Kritiker zu wenig, um damit zu werben. Preisegger stellt aber die Frage, warum der Anteil so niedrig ist: „Die Fremdspender-Nabelschnurblutbanken haben erst in den letzten Jahren genug Material gesammelt, um effektiv zu arbeiten.
7,5 Millionen Menschen sind weltweit als Spender registriert, ein Prozent davon hat man für Transplantationen akquiriert. Mittlerweile sind etwa 230.000 Nabelschnurchargen gelagert, von denen bisher drei Prozent verwendet wurden.“ Die Kosten-Nutzen-Relation spricht laut Preisegger für das Plazentarestblut. Bei Transplantationen im Kindes- und auch Erwachsenenalter sei Nabelschnurblut häufig überlegen, auch Erwachsene könnten mit Nabelschnurblut sehr gut transplantiert werden. „Man braucht nur ein Zehntel der Zellmenge, die man an Knochenmarkszellen für eine Transplantation brauchen würde, und auch bei fremden Nabelschnurzellen ist die Abstoßungsreaktionen deutlich geringer.“
Ökonomisch überlegen ist die Stammzelltherapie auch bei manchen erblichen Stoffwechselerkrankungen. Preisegger: „Die Behandlung des HURLA–Syndroms, einer Mucopolysaccharidose, kostet ein Vermögen. Die Stammzelltherapie erzielt bei diesen Kindern überragende Erfolge und kostet in den USA etwa 60.000 Euro.“ Im Vergleich zu den Kosten einer lebenslang notwendigen Therapie wenig Geld.
„Die Anwendung von Nabelschnurzellen ist mit der erwachsener Stammzellen vergleichbar, wenn nicht überlegen. Wir arbeiten intensiv an der Zellvermehrung. Selbst bei verzögertem Anwachsen des Transplantates bleibt die verringerte Abstoßungsreaktion ein großer Vorteil“, erklärt Preisegger, der sich für Österreich eine Nabelschnurbank im internationalen Verbund wünscht.
Österreicher können geeignete Nabelschnurstammzellen aus internationalen Banken erhalten, aber laut Preisegger ist weltweit noch nicht genug Nabelschnurblut gelagert: „Man könnte dann Fremdspendertransplantationen durch Nabelschnurblut-Transplantationen ersetzen, was schneller, kostengünstiger und sicherer wäre.“

Dr. Rainer Schröckenfuchs

ContrA Stammzellvorsorge

Eigentlich ist es ein Spiel mit der Furcht, und zwar just in jener Phase, in der die Eltern besonders vulnerabel sind. Verkauft wird die Illusion eines Ersatzzelllagers aus der Nabelschnur, der Traum, dem Kind bei todbringenden Erkrankungen die eigenen, vermeintlich gesunden Zellen zu injizieren, die einen völligen Neuanfang versprechen. Und wie kann man auch die Macht jener Zelle infrage stellen, der selbst die nüchterne Wissenschaft das Attribut „multipotent“ verpasst?
„Die Vorsorge mittels Nabelschnurblut für den Eigengebrauch ist ausschließlich für Institute interessant, die eine Lagerung anbieten, und hat etwa den Stellenwert der sich nach dem Tode einfrieren lassenden Milliardäre – in der Hoffnung, die Medizin sei irgendwann in der Lage, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen“, zeigt sich Dr. Olaf Arne Jürgenssen, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Krankenhaus Wiener Neustadt, von den Möglichkeiten der Vorsorge ganz und gar nicht überzeugt.
Schließlich sei die eingelagerte Menge von ungefähr 80 Milliliter Blut der tief gekühlten Hoffnung zu gering, um jenseits des dritten Lebensjahres zu genügen (ein Erwachsener benötigt etwa 450 bis 800 Milliliter). Aber selbst wenn der Zellhaufen ausreichen würde, „so kann heute kein Mensch sagen, wie lange sich die Zellen ohne Schaden halten“, erklärt Jürgenssen. Wohl gibt es vereinzelt wissenschaftliche Publikationen, die über erfolgreiche Auftauprozesse nach drei Jahrzehnten berichten, allerdings wird über die Quote an fehlgegangenen Versuchen geschwiegen. Von einer Garantie, dass die Zellen nach längerer Zeit wirklich funktionstüchtig sind, kann keine Rede sein. Vor allem aber sind sie nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auch nicht durch eine Kultur vermehrbar.
Was die adulten Stammzellen aus der Nabelschnur wirklich können, ist zudem umstritten. Es gibt zwar Berichte, wonach sie sich in vitro zu neuronalen Zellen weiterentwickeln ließen, ob dies aber im menschlichen Organismus je möglich sein wird, bleibt unklar. Denn die Nabelschnur-Stammzellen sind – im Gegensatz zu ihren embryonalen Pendants – nicht totipotent. Derzeit bleibt ihre Anwendung daher auf seltene Erkrankungen beschränkt.
Jürgenssen verweist darauf, wie extrem unwahrscheinlich diese Indikationen für eine autologe Transplantation überhaupt sind: „In seltensten Fällen, etwa bei einem erworbenen Knochenmarkversagen, mag die Zellreserve nützlich sein. Aber selbst dann ist eine eigene Reserve nicht vonnöten und wir können auf allogene Transplantationen zurückgreifen.“ So bleibt auch der „Graft-versus-Leukämie“ (GvL)-Effekt erhalten, d.h. die neuen Stammzellen halten die körpereigenen Leukämiezellen des Patienten immunologisch unter Kontrolle. Außerdem gibt es bei bestimmten Blutkrebsarten eine Krankheitsvorstufe, die bereits beim Föten angelegt ist. Diese Erkrankungen würden durch eine autologe Transplantation nur prolongiert werden.
Die dürftige Erfahrung bei autologen Übertragungen spiegelt sich ja schon in der Aufgeregtheit
wider, die erfolgreiche Einzelfälle in der Fachwelt hervorrufen (bislang findet man in der Literatur ein Fallbeispiel aus den USA) – Evidence Based Medicine ist etwas anderes.

Eltern werden verunsichert

„Was mich aber besonders erbost, ist die Art, wie manche Firmen vorgehen“, erklärt der Primarius. „Sie versuchen den Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden. Außerdem wird mit Argumenten geworben, die derzeit noch weit weg vom Möglichen liegen, so etwa beispielsweise regenerative Kuren nach einem Herzinfarkt. Das ist unseriös!“
Blickt man auf die Unfallstatistik, so wäre es wohl angebrachter, das Geld in die allgemeine Sicherheit des Säuglings zu investieren. So kommt etwa die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde zum Schluss, dass tödliche Autounfälle einen dominierenden Anteil an der Kindersterblichkeit ausmachen. In Österreich verunglücken die meisten Kinder im Straßenverkehr als Mitfahrer im Auto. Die Chancen, mithilfe eines sicheren PKW-Kindersitzes das Leben eines Kindes zu retten, ist wesentlich höher als über die Kryokonservierung von Nabelschnurblut – und dazu auch noch erheblich günstiger.
Fazit: Geld ist eben eine beschränkte Ressource und sollte daher im Sinne des eigenen Kindes nur dort investiert werden, wo es für die Zukunft und Sicherheit des Sprösslings auch nutzbringend ist.

Raoul Mazhar

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben