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Ethik 18. Juli 2007

Die wahren Ethiker kommen aus dem Labor

Vor kurzem sorgte ein österreichischer Biologe für Aufsehen, als er im Journal für Reproduktionsmedizin berichtete, einen menschlichen Embryo im Vier-Zell-Stadium einer Empfängerin eingepflanzt zu haben – zu einer Schwangerschaft kam es nicht. Die Rede ist von Prof. Dr. Karl Illmensee. dem Mann, der bereits in den frühen Achtzigern behauptet hatte, als Erster eine Maus geklont zu haben.

Der eminente Genetiker Prof. Dr. Markus Hengstschläger, Entdecker der Fruchtwasserstammzellen und Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik an der MedUni Wien, begrüßt den medialen Rummel um den Klonversuch am Menschen als Gelegenheit zum gesamtgesellschaftlichen Dialog.

Wozu überhaupt klonen?
Hengstschläger: Wir unterscheiden therapeutisches und reproduktives Klonen.
Reproduktives Klonen hat das Ziel, ein mit einem bereits lebenden Organismus genetisch weitgehend identisches Individuum zu erschaffen. Ian Wilmut und Keith Campbell haben das erste Säugetier erfolgreich geklont – das Schaf Dolly.
Hauptmotivation der Forscher war also die Frage, ob das überhaupt möglich ist.

Worin liegt die Schwierigkeit reproduktiven Klonens?
Hengstschläger: Eine Hautzelle etwa verwendet nur einen bestimmten Bestandteil ihres Genoms. Wenn man den Kern der Hautzelle entnimmt und in eine Eizelle setzt, können dann die stillgelegten Gene wieder reaktiviert werden? Kann man die Zelle so gut reprogrammieren, dass alles wieder von Anfang an starten kann?
Klonschaf Dolly hat gezeigt, dass das grundsätzlich möglich ist, jedoch nicht sehr perfekt.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang „nicht perfekt“?
Hengstschläger: Beim Reprogrammieren passieren Fehler. Im Laufe des Lebens findet eine Mutation im Erbgut einer Hautzelle statt, in einem inaktiven Genomabschnitt. Der Hautzelle ist das in diesem Moment egal. In die Eizelle eingesetzt, werden die ruhenden Genomabschnitte wieder aktiv. Bislang stille Mutationen sind dann plötzlich von höchster Relevanz.

Die Risiken sind dementsprechend unvorhersehbar?
Hengstschläger: Nicht nur ist die Wahrscheinlichkeit, Säugetiere überhaupt erfolgreich zu klonen, gering (man braucht sehr viele Versuche – bei Dolly 277); auch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das neugeborene Individuum schwer krank sein wird, hoch. Es stellt sich aber nicht nur die Frage, ob ein von vornherein krankes Lebewesen geboren wird, sondern auch: was wird das Individuum im Lauf seines Lebens noch alles bekommen? Die Risiken sind nicht im Entferntesten abschätzbar.

Wozu möchte man denn überhaupt reproduktiv klonen?
Hengstschläger: Eine der Ideen war, in das Erbgut eines Tieres ein Gen einzuschleusen, welches die Produktion eines bestimmten Wirkstoffes verursachen sollte. Die Milch des Tieres sollte dann ein bestimmtes Protein enthalten, welches für Pharmaka eingesetzt werden könnte. Das neue Gen würde aber nach der Mendelschen Statistik weitervererbt werden und irgendwann vielleicht verschwinden. Veterinärmediziner überlegten, wie man genetisch identische Tiere erzeugen könnte, um das Gen zu erhalten: durch Klonierung.
Ein anderes Motiv wäre es, generationsversetzt genetisch identische Individuen zur Welt kommen zu lassen. Zum Beispiel um ein geliebtes Haustier „wiederzubeleben“ oder gar ein verstorbenes Kind. Nun, da gilt es Folgendes zu bedenken: eineiige Zwillinge sind Klone. Sie sind genetisch identisch – identischer als „geklonte“ Klone, die sich in ihrer mitochondrialen DNA unterscheiden. Verhalten, Intelligenz und viele Dinge, die den Menschen erst zum Menschen machen, sind jedoch auch bei eineiigen Zwillingen unterschiedlich. Die Gene steuern nur einen gewissen Prozentsatz der Eigenschaften, der Rest ist umweltabhängig. Die Motivation, zum Beispiel den „selben“ Menschen generationsversetzt wieder zur Welt kommen zu lassen, ist also ein kompletter Unsinn. Der Mensch ist nicht auf seine Gene reduzierbar.
Die Unvorhersagbarkeit ernster Nebenwirkungen macht diese Anwendungen unrealistisch.

Reproduktives Klonen beim Menschen – eine Hilfe für verzweifelte kinderlose Paare?
Hengstschläger: Bereits auf der Stufe der Biologie ist reproduktives Klonen beim Menschen hundertprozentig abzulehnen. Denn die oben genannten Risikofaktoren machen reproduktives Klonen beim Menschen vollkommen unvertretbar – auch als Hilfe für infertile Paare.
Das Klonen wird wahrscheinlich nie eine signifikante Rolle in der Fortpflanzung spielen. Wäre die Technik vollkommen nebenwirkungsfrei, müssten ethische Belange diskutiert werden. Aber innerhalb der Biowissenschaften besteht ein breiter Konsens in der Ablehnung des reproduktiven Klonens – schon aus rein biologischen Gründen.

Wie ist die Situation beim therapeutischen Klonen?
Hengstschläger: Das therapeutische Klonen zielt ja darauf ab, dass man einen genetisch identischen Klon herstellt, diesen aber nach einer Woche zerstört und daraus embryonale Stammzellen gewinnt. Ob therapeutisches Klonen möglich ist, hängt ganz davon ab, welchen Status der geklonte Embryo einnimmt. Wenn der Embryo keinerlei Würde und Rechte hat, dann ist gegen das therapeutische Klonen nichts zu sagen: denn ob ich Stammzellen aus einem genetisch identischen oder genetisch unterschiedlichen Embryo entnehme, welches dadurch zerstört wird, macht keinen Unterschied.

Wann beginnt nun individuelles schützenswertes menschliches Leben?
Hengstschläger: Die Ansichten der Weltreligionen sind unterschiedlich.
Die katholische Kirche sieht die Verschmelzung von Ei und Samenzelle als den Beginn individuellen schützenswerten menschlichen Lebens. Im Judentum beginnt das vierzig Tage später, im Islam 120 Tage später. Auch Religionen mit Reinkarnationsglauben haben andere Ansichten als wir hier in Europa. Auch die Biologen sind uneins darüber, wann individuelles Leben beginnt. Für mich zum Beispiel ist die Verschmelzung von Ei und Samenzelle der Beginn individuellen schützenswerten menschlichen Lebens, weil das die stärkste biologische Zäsur in der Embryonalentwicklung darstellt. Andere meinen, der Beginn sei Tag zwei oder drei – denn bis dahin bestehe Totipotenz der Zellen. Wieder andere sehen die Einnistung in die Gebärmutter als Lebensbeginn. Am Tag vierzehn entstehen erste Anzeichen eines zentralen Nervensystems und dadurch Schmerz­wahrnehmung – daher die britische Regelung mit dem 14. Tag. Und es gibt noch jede Menge andere Versionen!

Ihr persönlicher Standpunkt zum therapeutischen Klonen?
Hengstschläger: Ich persönlich halte vom therapeutischen Klonen nichts, weil ich glaube, dass adulte und andere Stammzellen ähnliche Fähigkeiten wie embryonale Zellen mitbringen. Wie eine neue Arbeit in Nature Biotechnology zeigt, sind Fruchtwasserstammzellen möglicherweise potenter als embryonale Stammzellen, bei gleichzeitig reduziertem Tumorrisiko. Zusätzlich bringt die Gewinnung von Fruchtwasserstammzellen keine ethische Problematik mit sich.

Gibt es denn bereits therapeutische Anwendungen embryonaler Stammzellen?
Hengstschläger: Bis heute gibt es keine einzige Therapie, die sich embryonaler Stammzellen bedient. Und therapeutisches Klonen ist ja nur dann sinnvoll, wenn man mit den Zellen dann auch eine Therapie durchführen kann. Für neurodegenerative Erkrankungen wie M. Parkinson und M. Alzheimer sehe ich wenig Hoffnung auf eine stammzellbasierte Therapie.
Meine Forschungsgruppe versucht, aus Fruchtwasserstammzellen filtrierende Nierenzellen herzustellen. Damit möchten wir Neugeborenen mit Nierenaplasie ein Überleben bis zur Transplantation ermöglichen. Weiters möchten wir aus Fruchtwasserstammzellen Hautzellen züchten. Diese künstliche Haut soll Neugeborenen mit offenem Rücken transplantiert werden, um den Defekt zu decken.Ganz ohne Immunreaktion.

Das Gespräch führte Dr. Rainer Schröckenfuchs.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 28/2007

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