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© Kerstin Huber-Eibl
© Nic Bothma / picture alliance

Afrika ist der am stärksten von AIDS betroffene Kontinent, dort leben 70 Prozent der HIV-Infizierten. Im Bild: Ein Heim für HIV-betroffene Kinder in Südafrika; 2,5 Millionen Waisenkinder gehen auf das Konto der Epidemie.

 
Immunologie 9. Jänner 2017

Geißel Afrikas in Schach halten

HIV-Therapie. Bereits ein Jahr nach der Entdeckung von HIV stand das erste antiretrovirale Medikament zur Verfügung, drei Jahre später erfolgte dessen Zulassung in Europa. Der Aufwand, den Forscher seitdem betreiben, um wirksame HIV-Arzneimittel zur täglichen Einnahme zu entwickeln, lohnt sich.

Heute bekommen HIV-Infizierte mit der hochaktiven antiretroviralen Therapie eine Waffe in die Hand, die eine präventive Wirkung hat und das Überleben enorm verlängert. Ein Problem ist jedoch noch nicht gelöst: Der mangelnde Zugang zur Medikation in ökonomisch benachteiligten Regionen.

„HIV/AIDS ist eine chronische Krankheit, die eine lebenslange Therapie mit täglicher Medikamenteneinnahme notwendig macht. Obwohl das HI-Virus Jahre und Jahrzehnte schlafen kann, gibt es nach wie vor Todesfälle, die auf AIDS zurückzuführen sind. Daher stehen wir nach wie vor vor der Herausforderung, HIV/AIDS zu bekämpfen – insbesondere in Ländern mit niedrigem Einkommen.“ Das sagt Dr. Michael C. Aichinger, Medical Advisor HIV bei GlaxoSmithKline (GSK) Österreich anlässlich des Welt-AIDS-Tages im vergangenen Jahr. Dieser Gedenktag, der seit 1988 begangen wird, soll die Bevölkerung für das Thema AIDS sensibilisieren. Vor allem die Solidarität mit den HIV-Infizierten steht im Vordergrund. Darüber hinaus erinnert der Welt-AIDS-Tag daran, dass es sich bei AIDS um ein definiertes Stadium am Ende der HIV-Erkrankung handelt und mit optimaler Therapie ein Leben unter der Nachweisgrenze möglich ist.

Jeder Zweite ohne Therapie

Seit der Entdeckung des HI-Virus im Jahr 1983 wurden weltweit rund 78 Millionen Menschen infiziert, von denen bereits 35 Millionen an AIDS-assoziierten Erkrankungen verstarben. Im Jahr 2015 trugen laut der AIDS-Organisation der Vereinten Nationen (UNAIDS) 36,7 Millionen Menschen das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) in sich, doch lediglich 18,2 Millionen Infizierte erhielten eine antiretrovirale Therapie. Afrika ist der am stärksten betroffene Kontinent, denn dort leben rund 70 Prozent der HIV-Infizierten. 60 Prozent dieser Menschen sind Frauen. Neben der Stigmatisierung und Diskriminierung der Infizierten stellt die Mutter-Kind-Übertragung ein weiteres Problem dar, das mit optimaler Geburtshilfe verhindert werden könnte.

Aufgrund dieser besorgniserregenden epidemiologischen Situation entwickelte UNAIDS die sogenannte „90-90-90-Strategie“. 2020 sollen bereits 90 Prozent aller HIV-Infizierten über ihre Infektion Bescheid wissen, 90 Prozent eine nachhaltige antiretrovirale Therapie (ART) erhalten und 90 Prozent mit dauerhafter ART virologisch supprimiert sein. Dazu hat sich UNAIDS ein noch höheres Ziel gesteckt: Bis zum Jahr 2030 soll die HIV-Epidemie endgültig besiegt sein.

Aichinger zufolge stellen vor allem Late Presenter ein dringliches Problem dar, da diese keiner Therapie zugeführt werden können und somit das HI-Virus munter unwissentlich übertragen. Aus diesem Grund plädieren sämtliche mit HIV und AIDS beteiligten Organisationen für geschützten Geschlechtsverkehr und regelmäßige HIV-Testungen.

HIV ist nicht AIDS

Dass auf eine HIV-Infektion nicht unbedingt eine AIDS-Erkrankung folgt und die Behandlung ein wichtiger Aspekt in der Prävention sein kann, ist der modernen Medikation zu verdanken, die das HI-Virus so stark im Zaum hält, dass es nur mehr mit molekularbiologischen Methoden nachweisbar ist und so eine Übertragung in den meisten Fällen ausschließt.

Bis die heute angewendete, hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) zum Einsatz kommen konnte, musste die pharmazeutische Forschung einen langen Weg beschreiten. Anfangs wurde der Therapiebeginn so lange hinausgezögert, bis das Immunsystem angeschlagen war.

Heute knöpft man sich das HI-Virus sofort nach der Diagnose vor, um die Entstehung von AIDS und damit einhergehenden Komorbiditäten sowie die Mortalität zu reduzieren. Aichinger zufolge lassen sich die AIDS-bezogenen Ereignisse um die Hälfte reduzieren, wenn die Therapie sofort eingeleitet wird.

Anfangs wurde die Viruslast mit dem Nukleosid-Analogon Zidovudin unterdrückt. Zu Beginn geschah dies in Form einer Monotherapie, später in Kombination mit anderen Nukleosid-Analoga. Das Überleben der HIV-Infizierten konnte aber aufgrund der raschen Anpassungsfähigkeit des HI-Virus weder mit der Mono- noch der dualen Therapie kaum verlängert werden.

Das Resistenzproblem wurde teilweise gelöst, indem zwei bereits zuvor eingesetzte und als „Backbone“ bezeichnete Nukleosid-Analoga mit dem sogenannten „3rd Agent“ bzw. „Core Agent“ kombiniert wurde. Obwohl diese dritte Substanzklasse stets einen anderen Wirkmechanismus als das Nukleosid-Analogon hat, kann sie die Reverse Transkriptase blockieren. Dadurch wurden die Effektivität der Therapie sowie die Überlebensraten erhöht. Auch die Anzahl der täglich einzunehmenden Medikamente konnte so auf eine einzige Tablette reduziert werden.

Aufgrund ihrer hohen Effizienz, die mit einer hohen Resistenzbarriere einhergehe, wurde lange Zeit vor allem auf geboosterte Protease-Inhibitoren zurückgegriffen, sagt Aichinger. Diese haben den Nachteil, dass sie durch den verzögerten Wirkstoffabbau die im Körper vorhandene Wirkstoffkonzentration verstärken, was zu Arzneimittelinteraktionen führen kann. In den vergangenen Jahren kamen insbesondere bei nicht vorbehandelten Patienten vermehrt Integrase-Inhibitoren zum Einsatz, da diese eine Integration des Virus in das Genom verhindern können. Um Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten besser in den Griff zu bekommen, wurde schließlich der Integrase-Inhibitor Tivicay® entwickelt, welcher sich durch eine hohe Resistenzbarriere auszeichnet und keinen Booster benötigt. HLA-B5701-negativen Patienten steht das Einzeltablettenregime in Kombination mit dem Backbone Kivexa® als Triumeq® zur Verfügung.

Medikamente zu Vorzugspreisen

Der HIV-Experte erläutert, wie sich das auf HIV spezialisierte Unternehmen ViiV Healthcare, an dem die Pharmafirmen GSK, Pfizer und Shionogi beteiligt sind, für HIV-Infizierte einsetzt. So gebe ViiV seine Arzneimittel zu Vorzugspreisen an Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ab und vergebe Lizenzen an Generika-Hersteller sowie den Medicines Patent Pool (MPP). In Schwellenländern hänge die Preisgestaltung vom Bruttoinlandsprodukt ab.

Das Unternehmen fördere die Entwicklung kindergerechter Darreichungsformen und Initiativen zur Reduktion der Mutter-Kind-Übertragung. Neben der Unterstützung von HIV-betroffenen Gemeinschaften und Awareness-Kampagnen sowie der jährlichen Verleihung des Positive Action Europe 2016 Grant, den heuer die AIDS Hilfe Wien erhalten hat, wurde eine Corporate Social Responsibilty-Kampagne (SRC) initiiert.

Quelle: Hintergrundgespräch „Von Poker zu Schach – Wie GSK in der HIV-Therapie die Spielregeln ändert.“ Wien, 28. November 2016

Info

Kerstin Huber-Eibl

, Ärzte Woche 1/2/2017

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