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© Gernot Krautberger / fotolia.com
 
Gesundheitspolitik 28. November 2016

Do-it-yourself-Biotechnologie

Genschere. Neue Methoden wie CRISPR/Cas 9 bringen nicht nur die Gesetzgebung an ihre Grenzen: Was verstehen wir überhaupt unter Gentechnik, was ist erlaubt und wie lässt sich dieses äußerst komplexe Thema an Laien vermitteln?

Martin Luther Universität/MBEs ist das Ende der Biotechnologie wie man sie bisher kannte. Mit gentechnischen Verfahren, wie CRISPR/Cas 9, können Wissenschaftler das Erbgut von Menschen, Tieren oder Pflanzen einfach und gezielt verändern. Und sie tun es auch.

Jüngst vermeldete das Fachblatt Nature: Mediziner in China haben das revolutionäre Genwerkzeug erstmals auf Zellen eines Patienten angesetzt. Es soll Krebs heilen, wo alle anderen Mittel versagen.

Details gefällig? Die Forscher injizierten gentechnisch veränderte Immunzellen in den Kreislauf eines Lungenkrebskranken, dem keine gängige Chemo- oder Strahlentherapie und kein anderer Behandlungsansatz mehr helfen können. Vor allem dient das Experiment dazu, etwaige Nebenwirkungen zu erkennen, die als Folge der Methode vielleicht auftreten. Die Mediziner hoffen aber im besten Fall auf eine spektakuläre Heilung durch die vorher aus dem Patienten isolierten Zellen.

Mit der Genschere CRISPR hatten sie das Gen PD-1 inaktiviert – „PD“ steht für „programmed cell death“, das Gen ist schon seit Längerem im Fokus der Krebsmedizin – und die veränderten Zellen dann vermehrt. Die so entstandenen gentherapierten Zellklone sollen nach der Injektion nun den Krebs wieder effektiv attackieren und zurückdrängen. Ergebnisse des Experimentes werden wohl erst in einigen Monaten bekannt werden: Der Patient, der die erste Injektion nach Aussage der Ärzte gut vertragen hat – wird nun weitere erhalten und sechs Monate intensiv untersucht werden, damit positive und negative Effekte beurteilt werden können.

Aufwändig, langwierig, teuer

Menschen versuchen seit langem, das Erbgut von Tieren oder Pflanzen zu verändern. So werden Pflanzen miteinander gekreuzt, um bestimmte gewünschte Eigenschaften an die nächste Generation zu vererben. Der Nachteil dieses Verfahrens: Die Züchtung dauert sehr lange und lässt sich nicht komplett steuern, es können auch unerwünschte Eigenschaften vererbt werden. Abhilfe schaffen hier so genannte Gen-Scheren, mit denen Wissenschaftler das Erbgut schneller und an einer bestimmten Stelle bearbeiten können. „Bis vor wenigen Jahren waren diese Methoden sehr aufwändig, langwierig und kostenintensiv“, sagt der Jurist Dr. Timo Faltusvon der Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Anfang der 2000er Jahre wurden mehrere einfache und schnelle Gen-Scheren entwickelt.

Mit CRISPR/Cas9 sorgte die französische Wissenschaftlerin Emmanuelle Charpentier 2012 weltweit für Aufsehen. Noch einfacher, schneller und auch kostengünstiger lassen sich mit Hilfe dieses Systems einzelne Stellen im Erbgut ansteuern und verändern. „Seitdem gibt es weltweit zahlreiche Projekte, Publikationen und Konferenzen zum Thema Genom-Editierung“, sagt Faltus.

GVO, das unbekannte Wesen

Diese Entwicklungen hätten auch Folgen für die Gesetzgebung: Allein die Frage nach der Definition von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) sei nicht einfach zu beantworten.

Nach österreichischem und auch deutschen Gentechnikgesetz ist ein GVO ein Organismus, dessen genetisches Material im Labor so verändert wurde, wie es unter natürlichen Bedingungen nicht vorkommen kann. „Bei CRISPR geht man aber aktuell davon aus, dass sich so eine Veränderung im Erbgut gar nicht nachweisen lässt – die Frage ist jetzt, ob das stimmt“, so der Jurist weiter. Hier neue Ansätze für eine zeitgemäße Beschreibung von Gentechnik und GVO zu finden, sei eine Aufgabe des Projekts.

Ein weiterer Aspekt ist zum Beispiel der Bereich der sogenannten Do-it-yourself-Biologie: Weil die technischen Hürden immer geringer werden, können auch versierte Laien in ihrer Wohnung Experimente mit DNA und Gen-Scheren durchführen. „Die Frage ist, wie solche Aktivitäten juristisch zu bewerten sind“, erklärt Faltus. Würde man diese Arbeiten als Forschung bezeichnen, gelte hier die Forschungsfreiheit – ein verbrieftes Grundrecht. Dies könnte theoretisch aber große Risiken mit sich bringen: In Laboren gelten strenge Vorschriften, wie mit riskanten Proben und Substanzen zu verfahren ist.

Wissenschaftler werden über Jahre hinweg ausgebildet, um die Standards einzuhalten. „Es ist fraglich, inwieweit diese Vorschriften auch für Privathaushalte gelten. Derzeit existiert hier eine Art Grauzone in der Gesetzgebung“, sagt Faltus. Es sei aber auch noch unklar, wie weit die DIY-Bewegung tatsächlich verbreitet ist.

Der Ethik-Professor Dr. Matthias Kaufmann, ebenfalls von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, beschäftigt sich wiederum mit der Frage, inwieweit der Einsatz dieser gentechnischen Werkzeuge überhaupt ethisch vertretbar ist und welche moralischen Grenzen es hier geben könnte. „Selbst bei guten Absichten ist der Einsatz von Techniken der Genom-Editierung nicht einfach zu bewerten“, sagt Faltus. Wird bei einem Menschen das Erbgut geändert, um etwa eine bislang unheilbare Krankheit zu therapieren, könnte das zum Beispiel ungeahnte Folgen für seine Nachfahren haben (s.S. 7).

Wie sich dieser komplexe Themenbereich in ansprechender Weise an die Bevölkerung vermitteln lässt, wollen Wissenschaftler unter der Leitung von Dr. Katrin Vohland am Museum für Naturkunde Berlin erforschen.

Schließlich müsse die Bevölkerung in einer Demokratie über wesentliche Fragen umfassend informiert sein, um darüber entscheiden zu können. Dazu sind in den kommenden Jahren unter anderem verschiedene öffentliche Veranstaltungen und Workshops geplant ( bit.ly/2fEUNue ).

Wettrennen China vs. USA.

Es geht schon auch darum Erster zu sein in dieser Welt: Die chinesischen Ärzte haben mit ihrem Versuch nämlich einen Wettlauf von Forschergruppen gewonnen. Auch US-amerikanischen Wissenschaftler hatten den Einsatz von CRISPR/Cas 9 in einer Therapie am Menschen geplant.

Das Genwerkzeug macht die Manipulation von menschlichen Zellen zwar im Wesentlichen deutlich einfacher. Allerdings sind andere Schritte zeitaufwändig: So müssen die Patienten entnommenen und dann manipulierten Zellen etwa stark vermehrt werden, bevor man sie wieder injiziert.

Diese Schritte haben nun auch das Experiment in China deutlich verlangsamt. Eigentlich hatten die Ärzte den Versuch schon für den August geplant.

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