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Darstellung eines Audiogrammes mit Alltagsgeräuschen. Der Grad der Schwerhörigkeit ist rechts erkennbar. Links der Lautstärkenverlust in dB HL gemessen. (Quelle: mit freundlicher Genehmigung von MedEl).
 
HNO 16. März 2015

Klinische Relevanz der Hörgenetik

Jedes tausendste Kind kommt schwerhörig auf die Welt. Eine sichere Diagnose muss rasch gestellt werden, um möglichst frühzeitig mit einer adäquaten Versorgung mit Hörhilfen beginnen zu können.

Zusätzlich zu den audiologischen Untersuchungen wie otoakustische Emissionen und Hirnstammaudiometrie wird die sichere Diagnose durch die molekulargenetische Analyse gewährleistet.

Neurosensorische Schwerhörigkeit betrifft 1 von 1.000 Neugeborenen, etwa die Hälfte davon ist familiär vererbt. Genetisch bedingte Schwerhörigkeit wird in eine nicht-syndromische und eine syndromische Innenohrschwerhörigkeit eingeteilt. Zurzeit sind etwa 100 verschiedene syndromische Krankheitsbilder mit Schwerhörigkeit beschrieben. Die bekanntesten syndromischen Erkrankungen aus Sicht der HNO sind das Usher-Syndrom, das Alport-Syndrom, das Pendred-Syndrom und das Waardenburg-Syndrom.

Die syndromischen Formen sind in der Gesamtheit von genetisch bedingter Schwerhörigkeit seltener und machen etwa 30 Prozent aus. Mitunter lässt sich die Diagnose gelegentlich auch erst im Erwachsenenalter stellen, da sich weitere Symptome neben einer Schwerhörigkeit durchaus erst später manifestieren. So kommt es beim Usher-Syndrom Typ-3 durch das späte Einsetzen sowohl der Schwerhörigkeit als auch der Retinopathia pigmentosa erst im Erwachsenenalter zu einer gesicherten Diagnose.

Bei etwa 70 Prozent der Schwerhörigen tritt eine nicht-syndromische Innenohrschwerhörigkeit auf. Bei dieser Form der Innenohrschwerhörigkeit sind trotz Genmutation keine weiteren Schädigungen zu erwarten. In der österreichischen Bevölkerung wird die nicht-syndromische Innenohrschwerhörigkeit hauptsächlich autosomal rezessiv vererbt (70 %), seltener werden auch autosomal dominante (25 %), X-chromosomale (2 %) und mitochondriale (0,02 %) Erbgänge beschrieben.

Das bekannteste und häufigste Gen als Ursache für nicht-syndromische Schwerhörigkeit ist das gap junction protein beta 2 (GJB2) Gen. Dieses kodiert für das Transmembranprotein Connexin 26 (Cx26). Der Zusammenschluss von Connexinen formt Kanäle, die Ionen und kleine Moleküle von Zelle zu Zelle transportieren können (gap junctions). Im Innenohr ist GJB2 zahlreich exprimiert und sorgt für einen physiologischen Kaliumkreislauf und die Aufrechterhaltung des hohen endocochleären Potenzials (+85 mV), damit mechanischen Wellen in elektrische Impulse umgesetzt werden können.

Die am häufigsten auftretende Mutation im GJB2 ist c.35delG: Es kommt zu einem Fehlen eines Guanins in einer Reihen von sechs Guaninen von Position 30 bis 35. Das Fehlen führt nur wenige Basenpaare danach zu einem prämaturen Stopkodon, sodass kein Transmembranprotein gebildet wird. Da der Vererbungsmodus meistens rezessiv ist, führt die Mutation c.35delG nur in homozygoter Form (beide Allele sind betroffen) zur Schwerhörigkeit. In der heterozygoten Variante (nur ein Allel ist betroffen) kommt es zu keiner Schwerhörigkeit, allerdings kann das betroffene mutierte Allel weitergegeben werden. Hauptsächlich kommt es zu hochgradigen Hörverlust, nur in seltenen Fällen es zu einem leichten Hörverlust (siehe Abbildung).

Neben dieser häufigen Genalteration c.35delG gibt es eine Liste an zahlreichen Mutationen im GJB2, welche ebenfalls zu Schwerhörigkeit führen können. Veränderungen in der DNA von anderen Subtypen der Connexin-Familie wie Cx30 und Cx31 spielen in der kaukasischen Bevölkerung im Vergleich zu Cx26 eine untergeordnete Rolle. Für die österreichische Bevölkerung konnten wir zeigen, dass die mitochondriale Mutation A1555G im 12SrRNA Gen im Gegensatz zur japanischen Bevölkerung keine Rolle spielt.

Für die Praxis

Im Praxisalltag gilt es, das Hörvermögen eines Neugeborenen abzuklären. In Österreich wurde ein beinahe flächendeckendes Neugeborenenscreening eingeführt. Mittels otoakustischen Emissionen (OAE) erfolgt die erste objektive Hörmessung. In der Praxis werden vollautomatisierte Messgeräte verwendet, welche die Messung und Auswertung unabhängig vom Untersucher vornehmen. Das Untersuchungsergebnis wird im Mutter-Kind-Pass notiert. Sollte beim Neugeborenenscreening ein auffälliges Ergebnis auftauchen, muss die weitere Abklärung eingeleitet werden.

Die molekulargenetische Analyse von GJB2 als häufigste Ursache genetisch bedingter Schwerhörigkeit dient als sinnvolle Hilfestellung zur Diagnosesicherung der Schwerhörigkeit. Gleichzeitig können gewonnene Ergebnisse für eine genetische Beratung herangezogen werden, was in der Praxis immer wieder gewünscht wird.

Die frühe definitive Diagnose Schwerhörigkeit ist entscheidend für ein ehestmögliches Einleiten der Rehabilitation. Dank dieser sehr frühzeitigen Versorgung mit modernen Hörhilfen, die vom Hörgerät bis hin zum Cochlea-Implantat reichen, gelingt es häufig einen normalen Spracherwerb zu erlangen.

Fazit

Eine sichere Diagnose der Schwerhörigkeit muss rasch gestellt werden, um möglichst frühzeitig mit einer adäquaten Versorgung mit Hörhilfen beginnen zu können. Zu den audiologischen Untersuchungen wie otoakustische Emissionen und Hirnstammaudiometrie (BERA) wird dies durch die molekulargenetische Analyse gewährleistet. Die genetische Untersuchung ist die einzige Möglichkeit, eine definitive Diagnose der nicht-syndromalen Schwerhörigkeit zu erstellen. Bei der österreichischen Bevölkerung ist in erster Linie an die molekulargenetische Analyse von GJB2 zu denken. Patienten mit angeborener Hörschädigung ohne bekannte Ursache sollten gezielt auf die wichtigsten Syndrome kombiniert mit Schwerhörigkeiten abgeklärt werden.

Doz. Dr. Reinhard Ramsebner ist an der Klinischen Abteilung Phoniatrie - Logopädie der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Medizinische Universität Wien, tätig.

Reinhard Ramsebner, Ärzte Woche 12/2015

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