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Komplementärmedizin 26. Jänner 2015

Gene sind kein Schicksal

Warum Omega-3-Fettsäuren auch Nachteile haben können und Coenzym Q10 oft nicht wirkt.

Genvariationen, auch Single Nucleotid Polymorphisms (SNPs) oder nur Polymorphismen genannt, stellen in vielen Fällen keine absoluten Ursachen dar, eine Krankheit zu bekommen, sondern lediglich ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Ob die Krankheit ausbricht, hängt von äußeren Einflüssen und dem Lebensstil ab.

Wir leben in einer Zeit der raschen Wissenserneuerung. Fast jede wissenschaftliche Disziplin muss derzeit drastisch umdenken und selbst jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse („State of the art“) gelten oft morgen nicht mehr. Das ist gut so, denn wir dürfen Wissenschaft nicht mit gesichertem Wissen verwechseln. Wissenschaft ist die Suche nach Wissen und auf diesem Pfad bewegen wir uns heute.

Orthomolekulare Medizin (OM) muss sich selbst immer wieder hinterfragen. Warum Arzneien nicht nur für Vitamin-Mangelkrankheiten, sondern auch zur Therapie eingesetzt werden können, da half uns die Genetik sehr. Mit diesem Artikel möchte ich weder den Genetiker noch den Epigenetiker herausfordern, sondern für OM-Interessierte einfache Zusammenhänge darlegen. Warum Omega-3-Fettsäuren auch Nachteile haben könne, warum Coenzym Q10 oft überhaupt nicht wirkt, die Rolle von Selen, Zink und Umweltgiften oder des Homocysteins, aus genetischer Sicht betrachtet, sind Themen dieses Artikels. Das vorangestellte Thema „Wie wirken Medikamente“ sollte alle zum Nachdenken der täglich verordneten Arzneien anregen. Auch die vielfach geäußerte Angst vor den Genen soll zerstreut werden. Das „Das will ich gar nicht wissen“-Phänomen begründet sich in falschen Vorstellungen oder Halbwissen.

Wie wirken Medikamente?

Manche Medikamente sind unwirksam und müssen im Körper erst in die wirksame, aktive Form umgewandelt werden. Der Abbau von Medikamenten kann extrem rasch erfolgen (ultra rapid), so rasch, dass das Medikament praktisch gar nicht wirkt. Er kann aber auch nur halb so schnell (intermediate) vonstattengehen wie erwartet, sodass am nächsten Tag das Medikament des Vortages noch nicht vollständig abgebaut wurde, was nach wenigen Tagen zu einer Kumulation mit entsprechenden Nachteilen führt. Es kann jedoch eine weitere Situation vorliegen, bei der das Medikament praktisch gar nicht (poor) abgebaut wird. Das sollte man natürlich unbedingt vermeiden. Die Antwort kann nur eine Genanalyse geben.

Die Gene allein bestimmen nicht unser Schicksal

Die Methylierung ist einer von jenen Mechanismen zur Regulierung der genetischen Aktivität, welche bewirken, dass Individuen mit „gleichen“ Genen dennoch unterschiedliche physiologische Aktivitäten (z. B. Grundumsatz, Blutzuckerregulation etc.) aufweisen können. Das An- und Ausschalten von Genen wird durch Anfügen von Acetyl-, Methyl- und Phosphatgruppen an Aminosäurereste bestimmter Proteine gesteuert. Folat, Vitamin B12, sowie das im Homocystein-Stoffwechsel entstehende S-Adenosyl-Methionin (SAM) sind die entscheidenden Methylgruppen-Lieferanten.

Gene sind also beeinflussbar. Es ändert sich viel rund um das Gen, und das in sehr kurzer Zeit. Vor und nach einer Bergwanderung, vor und nach einem Saunagang, vor und nach einer stressbelasteten Diskussion ist die jeweilige Genexpression völlig verschieden.

Omega-3-Fettsäuren

Omega-3-Fettsäuren sind nicht nur in kardialer Indikation von großer Bedeutung, sondern auch in der Schwangerschaft. Apolipoprotein A1 (APOA1), ein Transportprotein, transportiert HDL zur Leber. Von APOA1 gibt es drei Genotypen. Bei Vorliegen der Genotypen A/A oder A/G, welche bei 12 bzw. 38 Prozent der Bevölkerung vorkommen, verbessern Omega-3-Fettsäuren die HDL-Cholesterinwerte. Bei dem Genotyp G/G können Omega-3-Fettsäuren die HDL-Werte verschlechtern. Um dieses Risiko, welches ja nicht bei jedem Menschen zum Tragen kommt, abzusichern, bewährt sich folgendes Vorgehen: Man bestimmt die Blutfettwerte (Triglyceride, Gesamt-, HDL- und LDL-Cholesterin), gibt anschließend für zwei Monate ein qualitativ hochwertiges und entsprechendes EPA/DHA-Produkt und kontrolliert während der Einnahme nach vier Wochen und am Ende der Einnahme, also nach acht Wochen, die Blutfettwerte. Sank das HDL-Cholesterin, ist von einer entsprechenden Therapie eher abzusehen. So wertvoll Omega-3-Fettsäuren in vielen Bereichen sind, können sie sich, wie dieses Beispiel zeigt, auch zum Nachteil auswirken.

Coenzym Q10

Aufgrund seiner antioxidativen, membranstabilisierenden und energetischen Eigenschaften wird Coenzym Q10 erfolgreich bei folgenden Krankheiten eingesetzt: Herzinsuffizienz, hoher Blutdruck, Kardiomyopathien, Diabetes mellitus, Zahnfleischprobleme, Karzinomen, reifes Alter und besonders wichtig auch im Leistungs- und Hobbysport. Ob der Einsatz tatsächlich das Prädikat „erfolgreich“ verdient, muss allerdings hinterfragt werden. Dabei tappt man eventuell in eine folgenschwere Falle, denn die Aussage „Wert steigt – erfolgreich therapiert“ stimmt in vielen Fällen nicht.

Coenzym Q10 ist eine inaktive, „unwirksame“ Arznei. Sie muss im Körper durch ein Gen, NAD(P)H Dehydrogenase, kodiert durch NQO1, in die aktive Form, das Ubichinol, umgewandelt werden. Bei einer bestimmten genetischen Variante, welche die enzymatische Aktivität hemmt, ist der Körper nicht (Genotyp T/T) oder nur sehr langsam (Genotyp T/C) in der Lage, inaktives Coenzym Q10 in das aktive Ubichinol umzuwandeln. Die Falle besteht darin, dass die gemessenen Blutwerte in jedem Fall ansteigen, weil bei der Messung die Summe von aktiver und inaktiver Form gemessen wird, was letztlich zu einer falschen Beurteilung führen kann. Die sichere Antwort bekommt man mit einer einfachen genetischen Analyse von NQO1.

Selen, Zink, Mangan und Kupfer

Beispielhaft für die vielen enzymatischen Antioxidanzien möchte ich die Selen-abhängige Glutathionperoxidase GPx1 und die Kupfer-, Mangan- und Zink-abhängige Superoxiddismutase 2 (SOD2) kurz besprechen.

Das genetische Profil von SOD2 sagt aus, ob wir ausreichend vor freien Radikalen geschützt sind und ob die Aufnahme von Zink, Kupfer Mangan etc. aus der Nahrung ausreichend ist. Die Genotypen T/T und C/T bieten nur einen eingeschränkten Schutz.

Die Aktivität von GPx1, welche die Reduktion von Peroxiden und Wasserstoffperoxid katalysiert, hängt von einer ausreichenden Selenversorgung ab. Die Genotypen T/T und C/T bieten nur einen eingeschränkten Schutz vor freien Radikalen.

Beide Beispiele zeigen, wie wichtig Zink, Selen und viele andere Spurenelemente im Zusammenhang mit Entgiftung und Beseitigung freier Radikale sind.

Quecksilber, Blei, Cadmium und genetische Faktoren

Die Belastung des Immunsystems durch Umweltgifte ist bedeutend. Die Entgiftungsgene GSTM1, GSTP1 und GSTT1, so genannte Glutathion-S-Transferasen, machen Schwermetalle wie Quecksilber, Blei, Cadmium und andere unschädlich, sofern diese Gene funktionstüchtig sind. Sind diese Gene jedoch defekt, kann der Körper nicht ausreichend entgiften. Zahlreiche chronische Probleme ergeben sich und stellen einen limitierenden Faktor für unsere Gesundheit dar.

Homocystein und Gene

Für den Abbau von Homocystein ist eine ausreichende Versorgung mit Folsäure, Vitamin B12, Vitamin B6 und Vitamin B2 erforderlich. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die 5,10-Methylentetrahydrofolat Reduktase (MTHFR). Ein bekannter Polymorphismus führt zur Produktion eines teilweise defekten Enzyms mit verminderter Aktivität. Der T/T-Genotyp wurde mit moderaten Formen der Hyperhomocysteinämie sowie mit verminderten Folsäurekonzentrationen in Plasma und Erythrozyten assoziiert. Dieser Polymorphismus wird mit einem erhöhten Risiko für eine Reihe von Erkrankungen in Verbindung gebracht. Dass suboptimale Folsäurekonzentrationen einen Risikofaktor für Neuralrohrdefekte darstellen, ist bekannt. Der offensichtlich erhöhte Bedarf an Folsäure bei Individuen vom MTHFR T/T-Genotyp ist eine wichtige Tatsache.

Angebot in Aus- und Fortbildung

Mit diesem Artikel wollte ich Ihr Interesse an dem faszinierenden Zusammenhang wecken, auf die Nähe von Orthomolekularer Medizin und Genetik aufmerksam machen. Es zahlt sich aus, sich näher damit zu beschäftigen. Zum Vorteil Ihrer Patienten und vielleicht auch zu Ihrem eigenem. Im Rahmen unserer Seminare zur Erlangung des Österreichischen Ärztekammer Diploms in Orthomolekularer Medizin, das auch in Deutschland anerkannt ist, ist alles viel einfacher und praxisorientierter zu vermitteln als in einem Artikel. Das Wissen durch diese Seminare zu vertiefen und Sicherheit in der Anwendung in der eigenen Praxis zu erlangen, ist unser Ziel.

Sollten Sie Interesse an einer firmenunabhängigen Ausbildung in Orthomolekularer Medizin haben, bei der viele wichtige Substanzen wie Carnitin, Vitamine, Spurenelemente, Hormone, Aminosäuren, Fettsäuren, freie Radikale, aufbereitet zur Therapie bei kardiovaskulären Problemen, Osteoporose, Diabetes und vielen anderen praxisnahe behandelt werden, so wenden Sie sich an die und fordern Unterlagen zu unseren Seminaren an. Ich lade Sie herzlich dazu ein.

ÖÄK-Diplomkurs Orthomolekulare Medizin

Der XV. Basiszyklus der Österreichischen Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin (ÖGOM) startet am 20./21. März 2015 mit einer Einführung und den Themen Freie Radikale, oxidativer Stress, Vitamin C, B-Vitamine Teil 1 und Coenzym Q10. Vortragende sind Dr. Rainer Schroth und Dr. Siegfried Schlett.

Informationen und Anmeldungsmodalitäten zu diesem und weiteren Ausbildungskursen: www.oegom.at

Dr. Rainer Schroth ist Obmann der Österreichischen Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin (ÖGOM) und Ärztlicher Leiter der Schrothkur (www.schrothkur.at).

Rainer Schroth, Ärzte Woche 5/2015

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