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Allgemeinmedizin 29. Jänner 2008

Quotenregelung für die Gynäkologie (Teil 4)

Seit 8. Jänner 2007 ist Prof. Dr. Teresa Wagner Vorständin der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Kaiser Franz Josef Krankenhaus in Wien. Sie hat damit etwas geschafft, was im patriarchalischen Österreich lange Zeit unmöglich war: Leiterin einer gynäkologischen Abteilung zu werden.

Nur zwei Abteilungen von über 90 in ganz Österreich werden bis dato von Frauen geführt: Die Semmelweisfrauenklinik von Prof. Dr. Petra Kohlberger (seit 1. August 2007) und eben jene im KFJ. Von einer Vorständin einer Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe ist weiterhin weit und breit nichts zu sehen.
Im vierten Teil der Serie „Frauen in der Medizin“ erzählt die Gynäko-Onkologin Prof. Dr. Teresa Wagner, warum sie jahrelang Kreissäle verräuchert hat, was es bedeutet, Krebspatientinnen umfassend zu betreuen, und warum es entspannend ist, mit einem Nichtmediziner verheiratet zu sein.

Wann tauchte der Berufswunsch Medizinerin bei Ihnen auf?
Wagner: Bereits als Kind, denn ich hatte ein großes Vorbild: Meine Patentante war nicht nur Gynäkologin und unsere Hausärztin, sie war auch Leiterin einer geburtshilflichen Abteilung in einem Krankenhaus auf dem Land. Sie war eine sehr selbstständige Frau, die mir imponiert hat.

Sie stammen aus einer Medizinerfamilie – war Druck da, ebenfalls Medizin zu machen?
Wagner: Nein, ich konnte mich völlig frei entscheiden. Nach dem Abitur habe ich erst mal ein Semester Chemie und ein Semester Psychologie studiert, obwohl ich den Wunsch hatte, Medizinerin zu werden. Meine beiden älteren Brüder sind ebenfalls Ärzte, das hatte mich zuerst ein wenig abgeschreckt. Aber ich habe schnell festgestellt, es muss doch die Medizin sein.

Wann fiel während Ihrer Studienzeit die Entscheidung für die Gynäkologie?
Wagner: Das war rasch für mich entschieden, weil die Gynäkologie und Geburtshilfe so interessant sind. Die Hälfte unserer Patientinnen ist nicht krank, denn Schwangerschaft ist keine Krankheit. Eine Geburt ist ein Wunder und es ist ein Privileg, dies begleiten zu dürfen. Außerdem wollte ich unbedingt ein Fach, in dem man operieren kann. Die Chirurgie war mir zu wenig kommunikativ, die Gynäkologie bot genau die richtige Mischung.

Wie verlief Ihre Studienzeit?
Wagner: Ich habe mein Medizinstudium 1983 in Deutschland begonnen. 1987 hat mich dann meine Dissertation über Akupunktur in der Geburtshilfe zu Prof. Ernst Kubista an die I. Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien geführt. Meine Dissertation und meine Zeit an der I. Universitätsklinik für Frauenheilkunde waren dann so erfolgreich, dass ich mich sofort um eine Stelle in der Gynäkologie bemüht habe und dann auch 1990 dort beginnen konnte.

Wie wichtig ist Selbstbewusstsein für eine Karriere als Gynäkologin?
Wagner: Selbstbewusstsein bedeutet für mich, sich seiner selbst bewusst zu sein, das heißt seiner Stärken und Schwächen. Selbstbewusstsein im Sinne, sich auch selbst Mut zusprechen zu können, ist durchaus auch notwendig. 1990 gab es gerade fünf Frauen als Gynäkologinnen an der Frauenklinik. Das ist dann nicht immer leicht. Der Konkurrenzdruck ist schon sehr groß. Mir war es immer ein Bedürfnis, neben einer guten klinischen Ausbildung wissenschaftlich zu arbeiten. Für meine Dissertation habe ich etwa mit großem Elan zwei Jahre lang Kreissäle verräuchert, weil ich feststellen wollte, ob man mit Moxibution Beckenendlagen drehen kann. Man kann übrigens nicht (lacht). Forschung ist zwar eine sehr arbeitsintensive Betätigung, aber weckt immer weiter das Interesse am Neuen.

Wann und warum kam der Schritt in die Onkologie?
Wagner: Als ich begonnen habe, wollte keiner der jungen Assistenten auf der onkologischen Station arbeiten. Natürlich ist es belastend, helfen zu wollen und leider oft nicht mehr zu können. Mich motiviert in der Onkologie sehr die Möglichkeit, unsere Patientinnen gut zu betreuen: Wenn eine Frau sagt: Ich bin zwar schwer krank, aber ich werde gut betreut, dann ist das ein großer Schritt. Diese gute Betreuung gelingt, wenn wir unseren Patientinnen ein „Gesamtpaket“ anbieten – von der Diagnose über die Behandlung bis zur Nachsorge. Wer mit einer solch schweren Erkrankung wie z. B. Brustkrebs konfrontiert wird, sollte nicht von einer Stelle zur anderen geschickt, sondern gut koordiniert verantwortungsvoll betreut werden.

Sie arbeiten sehr viel, publizieren und betreuen Patientinnen – woher holen Sie sich die Kraft für Ihre Arbeit?
Wagner: Mein Mann ist Nichtmediziner und bietet mir immer andere Sichtweisen auf die Dinge. Von der Arbeitsweise her sind wir uns trotz unterschiedlicher Berufsfelder allerdings schon sehr ähnlich. Für meinen Mann ist es nichts Besonderes, eine erfolgreiche Frau zu haben, er hat jeden Schritt von mir selbstverständlich unterstützt. Leider haben wir keine Kinder – aber ich denke, meine Karriere wäre mit Kindern anders verlaufen. Ich bemühe mich jetzt in meiner Position als Primaria, Frauen in meinem Umfeld zu ermöglichen, Karriere und Kind zu vereinbaren.

Sie waren 20 Jahre an der Frauenklinik im AKH – ist der Abschied schwer gefallen?
Wagner: Jede Veränderung ist immer eine Herausforderung Aber nach dieser langen Zeit an einem Ort ist eine Veränderung geradezu eine natürliche Weiterentwicklung. Lehrjahre gelten bereits als Wanderjahre, und auch der weiteren Entwicklung tut ein Ortswechsel nur gut.

Wollten Sie schon einmal alles aufgeben?
Wagner: Aufgeben tut man nur einen Brief. Aber manchmal ist man schon recht niedergeschlagen. Ich erinnere mich an ein Telefongespräch mit einer guten Freundin, die niedergelassene Gynäkologin ist: An dem Tag war ich ziemlich erledigt und habe zu ihr gesagt: „Wieso tue ich mir das an, wieso will ich das überhaupt?“ Und sie hat mir so richtig streng gesagt: „Meine Liebe, eine muss es schaffen, und wenn du es nicht schaffst, wird es schwierig.“ Ich muss immer wieder daran denken, wenn mal wieder „Supergau“ ist, und dann schmunzle ich und es wird leichter.

Was raten Sie jungen Kolleginnen, die Karriere in der Gynäkologie machen wollen?
Wagner: Genau das zu tun und sich nicht entmutigen zu lassen. Ich glaube aber, wir müssen schon viel früher ansetzen, nämlich im Elternhaus: Meine Eltern haben mir vermittelt: Du bist gleich viel wert wie ein Junge. Im Studium und in meiner Arbeit hatte ich nie das Gefühl, weniger wert zu sein als die Kollegen. Für mich ist das kein Thema. Ich kenne aber viele Frauen, auch in meinem engsten Kreis, die dieses Gefühl sehr wohl internalisiert haben, weil ihre Väter z.B. bereits ihre Brüder vorgezogen haben. In meinen Augen greift es zu kurz, einfach nur zu fragen, wieso sind Frauen weniger selbstbewusst, weniger durchsetzungsbereit? Eine Frau, der in den wichtigsten Jahren ihres Lebens nur kommuniziert wird, sie sei weniger wert, wie soll die Selbstbewusstsein entwickeln?
Wir brauchen dringend mehr Vorbilder: Männer können für eine Frau immer nur begrenzt Vorbilder sein. Leider gibt es eine ganze Reihe von Bereichen, in denen es keine Frauen in Führungspositionen gibt. Deshalb bin ich auch für eine Quotenregelung, auch in der Medizin. Da halte ich es ganz mit der ehemaligen Frauenministerin Johanna Dohnal: Wenn genauso viele unfähige Frauen wie unfähige Männer in Führungspositionen sind, dann besteht Gleichberechtigung.

 Fakten

Sabine Fisch, Ärzte Woche 5/2008

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