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Allgemeinmedizin 23. Jänner 2008

"Ich habe Hochachtung vor jedem Berufsstand" (Teil 3)

Sie war die erste Ordinaria für plastische Chirurgie in Österreich. Sie gründete die Abteilung für plastische und rekonstruktive Chirurgie am Krankenhaus Lainz und war damit auch die erste Primaria in ihrem Fach. Und sie erkämpfte sich einen Ausbildungsplatz – 1970 –, als der damalige Chef der Universitätsklinik für Chirurgie noch meinte, „Frauen haben in der Chirurgie nichts verloren“. Dabei wollte Hildegunde Piza ursprünglich eigentlich gar nicht Ärztin werden.

Im dritten Teil der Ärzte-Woche-Serie „Frauen in der Medizin“ berichtet Prof. Dr. Hildegunde Piza, Vorständin der Universitätsklinik für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie an der Medizinischen Universität Innsbruck, was der Salzburger Jedermann mit ihrer Berufswahl zu tun hatte, welchen Einfluss Ehefrauen auf Klinikvorstände haben können und warum Karriere und – in ihrem Fall sogar drei – Kinder einander durchaus nicht ausschließen.

Wann haben Sie den Entschluss gefasst, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden?
Piza: Bei der Inskription an der Uni. Mein Vater hatte mich begleitet, das war damals durchaus nicht unüblich. Ich wollte eigentlich Sportwissenschaft studieren. Aber letztlich wollte ich meinen Vater, der 50 Jahre lang Arzt in Weiz war, nicht enttäuschen und habe mich für Medizin eingeschrieben. Die Vorklinik fand ich dann ziemlich eintönig. Nur die Möglichkeit mehrerer Famulaturen hat mich bei der Stange gehalten – da habe ich schon mitbekommen, dass es an der Klinik anders sein wird.

Warum haben Sie sich schließlich für die Chirurgie entschieden?
Piza: Auch das war ein Zufall: Ich wollte einen Sommer in Salzburg verbringen, um die Festspiele erleben zu können, und suchte mir dort einen Turnusplatz. Das klappte auch. Der Oberarzt der Chirurgie erkrankte, und ich konnte gut nähen. Also habe ich dort meine Grundausbildung in der Chirurgie absolviert. Mir war bald klar, ich möchte plastische und rekonstruktive Chirurgie machen. Eine Ausbildungsstelle dafür gab es aber nicht. Ich bewarb mich an der 1. Universitätsklinik für Chirurgie und wurde abgelehnt, weil ich eine Frau bin. Originalzitat des damaligen Chefs, Prof. Dr. Paul Fuchsig: „Frauen haben in der Chirurgie nichts verloren!“ Ich verfasste einen flammenden Brief an den Herrn: Ein Mann in seiner Position könne einfach nicht mehr sagen, Frauen dürften nicht an die Chirurgie. Immerhin sei die Universität für Frauen offen. Die Frau dieses Arztes, die den Brief gelesen hatte, stellte fest: „Diese junge Ärztin musst du dir anschauen!“ Und so kam es, dass ich an der 1. Universitätsklinik für Chirurgie am AKH Wien angefangen habe. Lustig war das nicht: Ich war die einzige Frau auf der Klinik, und es wurde viel gemunkelt. „Der Fuchsig wird alt“ gehörte noch zu den netteren Aussagen.

Bis zur plastischen und rekonstruktiven Chirurgie war es dann aber noch ein weiter Weg, oder?
Piza: Ja. Ich habe auf der chirurgischen Universitätsklinik meinen Mann kennen gelernt, der zwei Tage, bevor ich dort im Jahr 1970 anfing, seine Frau bei einem Unfall verloren hatte. Wir haben 1972 geheiratet. Dann musste ich die Klinik verlassen, weil ein Ehepaar nicht gemeinsam auf einer Klinik arbeiten durfte. Ich arbeitete dann bis 1973 auf der experimentellen Chirurgie und der Kieferchirurgie, bis ich endlich meine Ausbildung zur plastischen Chirurgin an der Wiener Klinik absolvieren konnte. 1975 erwarb ich den Facharzttitel für Chirurgie, 1976 jenen für plastische Chirurgie. Und zwischen 1974 und 1980 brachte ich drei Kinder zur Welt. Als das jüngste im Säuglingsalter war, habe ich meine Habilitationsschrift verfasst.

Kinder und Karriere – wie war das unter einen Hut zu bringen?
Piza: Es geht nicht ohne ein riesiges Hilfsnetz: Meine Eltern, die Eltern meines Mannes und natürlich eine Haushälterin, die mittlerweile seit 25 Jahren bei uns ist, haben uns unterstützt. Mein Mann ist mein bester Freund, der meine Karriere immer mitgetragen hat. Und ich habe mich selbst nie so wahnsinnig wichtig genommen und immer Prioritäten gesetzt: Ich trage seit 30 Jahren die gleiche Frisur, ich habe eine Schneiderin, die mir die Sachen anmisst, und ansonsten kümmere ich mich um Äußerlichkeiten recht wenig.

Wollten Sie schon mal aufgeben?
Piza: Natürlich! Wenn ein Kind stirbt, ist das nicht lustig. Wenn man an die Abteilung zurück will, und die eigene Position ist weg, weil gedacht wurde: Mit drei Kindern kommt die ohnehin nicht zurück, dann denkt man schon einmal ans Aufgeben. Aber ich hatte das Glück, immer echte Freunde zu haben, wie mein Mann einer ist. Und man bekommt schon eine dickere Haut mit der Zeit: Es geht nicht, dass ich jeden Tag mit dem Skalpell jemandes Haut schneide und selbst die dünnste aller Häute habe.

Welches war die größte Herausforderung in Ihrer Karriere?
Piza: Gehe ich mit 51 Jahren noch einmal ein neues Problem an – wie etwa den Aufbau der Abteilung für plastische Chirurgie in Lainz? Übernehme ich mit 58 Jahren – eigentlich hätte ich da ja schon in Pension gehen können – das Ordinariat für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie in Innsbruck? Da glaubt man ja, das ist nicht zu schaffen. Und schafft es doch, weil die Neugierde groß ist und der Reiz einer solchen Position natürlich auch. Wenn ich eine neue Aufgabe angenommen habe, habe ich mich immer gefragt: Was kann ich da bewegen?

Wenn Sie heute zurückschauen – was hätten Sie anders gemacht?
Piza: Ich schaue nie zurück. Das heißt nicht, dass ich nicht vieles falsch gemacht habe, aber ich halte nichts davon, in der Vergangenheit herumzugraben.

Stichwort Frauenfeindlichkeit – wie gehen Sie damit um?
Piza: Ich glaube schon, dass viele Leute hier mich lieber nicht in meiner Position sehen würden. Ich habe viele Dinge gehört, die nicht lustig sind. Aber ich bin mittlerweile darüber hinweg. Ich habe einfach zu wenig Zeit, mich mit Anfeindungen zu befassen oder mich davon traurig machen zu lassen. Ich möchte aus meiner Position nicht mehr runter – das ist wie bei einem Vogel, der ist oben und oben fühlt er sich wohl. Ich lasse mich nicht mehr runterziehen – Gerüchte und Bösartigkeiten tun nur weh, wenn man sich weh tun lässt.

Inwiefern unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem Ihrer männlichen Kollegen?
Piza: So wie ich führe, führt sonst niemand, das ist ja geschlechterunabhängig. Ich habe Hochachtung vor jedem Berufsstand, eine tolle Schwester, ein guter OP-Gehilfe, die gehören in jedes Team. Ich schreie nie – das fällt mir im Traum nicht ein. Wenn ich einen Raum betrete, wird das Radio abgedreht. Die Leute haben wohl Respekt vor mir – aber keine Angst.

Was wollen Sie Kolleginnen mitgeben, die Fachärztinnen für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie werden wollen?
Piza: Mentoring und Netzwerke sind extrem wichtig. In Innsbruck hat Margarethe Hochleitner, die Vizerektorin für Personal der Medizinischen Uni Innsbruck und Kardiologin, sehr darauf gedrängt, dass Frauen sich vernetzen. Es gibt bei uns auch ein tolles Mentoring-Programm. Ich habe an der Klinik viele Frauen aufgenommen – mit etwas Glück schaffe ich es noch, dass noch eine habilitiert, bevor ich in Pension gehe. Ich glaube auch, dass Kinder kein Ausschlussgrund für eine erfolgreiche Karriere sind, weil man mit Kindern lernt, dass es auch noch ein völlig anderes Leben gibt. Und das ist ein reiches Leben, aus dem ich viel lernen kann. Ich kenne genug Chirurginnen, die sagen, Kinder kann ich mir nicht leisten, ich hab zu viel zu tun. Aber was ist dann später? Für mich hieß es nie: Kinder oder Karriere – sondern immer UND. Prioritäten setzen zu können ist wichtig, ein gutes Beziehungsnetz aufzubauen und angstfrei durchs Leben zu gehen.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 4/2008

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