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Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin

Der Film „Future Baby“ zeigt Menschen, die ohne Sex gezeugt wurden und wie sie damit umgehen.

Mehrere Millionen Kinder sind seit 1978 durch Samen- oder Eizellenspende gezeugt worden. Ein später Kinderwunsch macht manche Eltern blind für die möglichen Folgen. Denn was passiert, wenn die zukünftigen Kinder ihre biologischen Eltern treffen wollen? Und wie weit sollte die Reproduktionsmedizin überhaupt gehen?

Maria Arlamovsky war mit 21 das erste Mal schwanger. Rückblickend „ein Glück“, wie sie sagt. Denn der gesellschaftliche Druck, mit dem ersten Kind so lange zu warten, bis man sich beruflich etabliert hat, sei gewaltig. Bis es irgendwann zu spät ist. Oder doch nicht?

Die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin scheinen früher unmöglich Geglaubtes möglich zu machen. Der Kinderwunsch mit 49, den eine Deutsch-Kanadierin in Arlamovskys Film „Future Baby“ hegt, muss daher kein Traum bleiben. „Wir haben ein Haus gebaut, jetzt ist unsere Küche bezahlt, jetzt können wir einen Kredit in gleicher Höhe aufnehmen wie die Küche und ein Kind anschaffen.“ Ein weiterer Grund für die Zuhilfenahme Dritter: In ihrer Familie gebe es Diabetes, die Eizellenspende könne ihrem Kind also womöglich diese Krankheit ersparen. Die praktisch veranlagte Frau bekommt tatsächlich ihr Baby.

Doch der Regisseurin geht es um mehr: „Es werden ja nicht Babys gemacht, das werden alles einmal erwachsene Menschen. Es hört nicht beim Babysein auf, beim rosa oder hellblauen Zimmer, das man ausmalt, sondern das werden erwachsene Menschen und die haben ein Recht darauf, glücklich zu werden.“

Menschen wie die Israelin Noa Shidlo. Sie und ihre Mutter Ruth sitzen auf einem grünen Hügel am Strand von Tel Aviv. Noa will wissen, wer ihr Vater, „mein Samenspender“, ist, von dem sie lediglich die Haarfarbe und die Größe wisse. „Mir fehlt die Hälfte meiner Wurzeln.“ Sie kenne weder seinen Vornamen, noch habe sie ein Foto. Was sie am meisten aufrege, sei die Tatsache, dass, selbst wenn ihre Halbgeschwister sie treffen möchten, sie das nicht könnten. Ruth meint, dass ihre Tochter eine Lehrmeisterin sei für sie, sie habe sich den Schritt zwar gut überlegt, aber sie habe gewusst, dass es problematisch werden würde, wenn ihr Kind groß sei. „Ich habe mich selbst überzeugt, dass, wenn ich Noa, das Kind, genug liebe, es irgendwie gehen würde.“ Der Film macht eine Pause. Dann sagt Noa: „ Ich finde, es ist einfach nicht fair.“

Arlamovsky hat die Labors besucht, die Experten und die, verschämt „Collection Room“ genannten, Wichs-Zimmer. Im Hintergrund hört man leises Porno-Gestöhne, als Dr. Jeffrey Steinberg, der Gründer der Fertility Institutes, die Filmemacherin herumführt. „Ich habe es genossen, durch diese Räume zu gehen, weil da ja tatsächlich Leben erzeugt wird. Das sind die neuen Schlafzimmer.“ Der Experte spricht offen über die verschiedenen Sorten von Patienten. Da sind die, die ihre Erbkrankheiten nicht weitergeben wollen. „Wenn wir die Gene kennen, und sie in einem Embryo aufscheinen, verwenden wir diesen Embryo nicht. Das ist eine riesige Gruppe.“ Und dann seien da noch die Patienten, die die Forscher antreiben, die mehr wollen als nur das Geschlecht des Kindes festlegen. „Grüne Augen wären schön oder braune. Die Leute wollen, was sie nicht haben. Das sind kosmetische Eingriffe“, sagt Steinberg. Macht er sie trotzdem? Antwort: „Ja.“ Begründung: Es seien vielleicht nicht nur rein humanitäre Beweggründe, die die Patienten leiteten, aber das sei ihre Motivation. Auch jene der Forscher. Das sei „fun for us, interesting“. Der Forschergeist müsse sich frei entfalten können.

Mitochondrien-Spende

Künstliche Befruchtung berührt den Kern der biologischen Schöpfung. „Ich verwehre mich dagegen, die Augen zu schließen und zu glauben, dann passiert es auch nicht.“ Die nächste große Sache sei „mitochondrial donation“, eine Sonderform der künstlichen Befruchtung, bei der die mitochondriale DNA des künftigen Babys von einem Dritten kommt, um mütterlicherseits weiter gegebene mitochondriale Erbkrankheiten auszuschließen. „Das wird der nächste Riesenmarkt sein. In wohlsituierten Ländern wollen wir später Kinder haben, das ist Fakt. Dass wir biologische Grenzen verschieben können, ist ein Faktum. Sobald die Technik da ist, wird es passieren.“

Der Film zeigt noch etwas, einen monetären Aspekt, der Arlamovsky auch nach Abschluss der mehr als dreijährigen Recherchen und Dreharbeiten aufregt: die Scheinheiligkeit rund um die Eizellenspende. „Die Kliniken tun immer so, als ob es nur al-truistische Frauen auf der Welt gäbe, die nichts lieber tun, als anderen Frauen zu helfen. Natürlich machen das 99 Prozent der jungen Frauen des Geldes wegen.“ Deutlich wird das im Film am Beispiel zweier spanischer Spenderinnen, Typ: Traumfrauen. Während die eine mit rauchiger Stimme das Geld als Grund angibt und das Wissen, dass man „etwas Gutes tut“, möchte sich die zweite lieber nicht vorstellen, wie viele Kinder von ihr unbekannter Weise auf der Welt sind.

In Spanien erhalten Eizellenspenderinnen ca. 600 Euro pro Prozedur. In den USA könnte man mehr herausschlagen, wenn man „blond, intelligent, mit Harvard-Abschluss, sportlich und musikalisch“ sei. Bisheriges Bestgebot für die vermeintlich beste Eizelle: 100.000 Dollar.

Martin Burger, Ärzte Woche 15/2016

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