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Allgemeinmedizin 5. Dezember 2014

Nuancen der Schmerzempfindung

Über geschlechtsspezifische Unterschiede, Hypnose und Opiate in der Schmerztherapie.

Als Symptom ist Schmerz in der akuten Form ein wichtiges Warnsignal, chronifiziert stellt er vor allem eine Belastung für den Betroffenen dar und weist dabei große individuelle Unterschiede auf. Dementsprechend vielfältig ist das Angebot an therapeutischen Möglichkeiten.

Fett- und Muskelgewebe sind bei Mann und Frau im allgemeinen unterschiedlich verteilt. Das führt zu unterschiedlichen Gewebsverteilungen von Medikamenten und hat auch ein unterschiedliches Schmerzempfinden zwischen den Geschlechtern zur Folge: Hormonelle Schwankungen, schlechtere Wirksamkeit von Schmerzmedikamenten aber auch eine andere, nicht zuletzt psychisch bedingte Schmerzverarbeitung machen Frauen sensibler und lassen sie Schmerz meist stärker empfinden. Die vielfältigen Aspekte des Schmerzes und Möglichkeiten seiner Bewältigung wurden Mitte November beim 8. Wiener Schmerztag im Rathaus beleuchtet.

Männer verschleppen Schmerz und Krankheit

„Frauen gehen bereits bei geringen Schmerzen zum Arzt“, stellt Prof. Dr. Wilfried Ilias, ehem. Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, fest. Daher können bestimmte Krankheiten, die als Frühsymptome mit Schmerzen verbunden sind, bei Frauen früher diagnostiziert und behandelt werden. Männer dagegen „verschleppen Krankheiten unnötig aufgrund einer gewissen Ignoranz“, so Ilias.

Manche mit Schmerz verbundene Krankheiten wiederum haben eine wesentlich größere Häufigkeit bei einem Geschlecht. So sind von Fibromyalgie vier- bis achtmal mehr Frauen betroffen als Männer. Auch von Spannungskopfschmerz und Migräne sind Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer, wobei Migräne bei Knaben bereits im fünften Lebensjahr auftreten kann, bei Mädchen etwas später, mit neun bis zehn Jahren.

Allerdings reagieren Frauen auch stärker auf Unterstellungen einer übertriebenen Schmerzdarstellung und fühlen sich gekränkt und missverstanden. Ein interessantes Phänomen wurde in Studienanalysen festgestellt: Die angegebene Schmerztoleranz variiert auch je nach Geschlecht des Interviewers. Die Ehrlichkeit scheint dem anderen Geschlecht gegenüber niedriger zu sein.

Hypnose zum Deprogrammieren

Als wirkungsvoll vor allem gegen chronischen Schmerz hat sich die medizinische Hypnose innerhalb eines multimodalen therapeutischen Konzepts erwiesen. „Sie wird zusätzlich zur medikamentösen Basistherapie eingesetzt und ihre positive Wirkung wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen“, erklärt Dr. Nidal Moughrabi, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin, Wien.

Chronische Schmerzen sind sehr häufig mit Anspannung im Bereich der Nerven und Muskeln verbunden, sodass Entspannung Linderung bringt. Die neuronalen Muster haben sich vielfach im Laufe der Jahre eingeprägt und können durch das „Body Mind Deprogramming BMDe®“ ent-automatisiert und damit gelöst werden.

Gleichzeitig ist das Gefühl und Erleben des Schmerzes bereits so tief verwurzelt, dass die Vorstellung der Schmerzfreiheit häufig nicht mehr möglich ist. Hier kann der Zustand der Trance, in den der Patienten durch die Hypnose versetzt wird, im Unterbewusstsein an die Situation vor dem Schmerzzustand erinnern und neue Muster und Lösungen zeigen.

„Wenn man den Menschen lässt, geht er von sich aus in Trance“, so Moughrabi, „wenn er seine Aufmerksamkeit fokussiert und den Alltag ausblendet.“ Und: „Trance kommt zur Gänze aus einem selbst.“ Das Instrument der Selbsthypnose gibt dem Patienten ein selbst steuerbares Mittel in die Hand.

Nutzen der Opiate übersteigt Gefahr

Die pharmakologische Therapie schwerer chronischer Schmerzen ist laut WHO-Stufenkonzept eine Indikation für Opiate. Hier besteht vor allem im niedergelassenen Bereich nach wie vor eine Zurückhaltung beim Einsatz aufgrund der Befürchtung der Abhängigkeit. Ein Suchtpotenzial bei opioidhältigen Schmerzmitteln besteht zwar, sagt Dr. Christian Korbel, Vorstand der 3. Psychiatrischen Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen am Landesklinikum Mauer/Amstetten, aber: „Der Nutzen übersteigt die Gefahr.“ Wer gefährdet ist, lässt sich vorab aufgrund der Prädisposition besser abschätzen. Es gebe familiäre Häufungen aufgrund einer genetischen, einer angelernten und einer Prägungskomponente. Darüber hinaus erhöht sich das Risiko, wenn zugleich andere Erkrankungen vorliegen, die unzureichend behandelt werden, wie beispielsweise eine Depression. „Eine Zusammenarbeit zwischen Suchtmedizinern und Schmerzmedizinern wäre wünschenswert“, konstatiert Korbel.

Quelle: „Schmerztherapie: Quo Vadis?“, Pressegespräch anlässlich des 8. Wiener Schmerztages, Wien, 14. November 2014

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