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Allgemeinmedizin 7. April 2014

Frauen leiden anders als Männer

Laut einer Umfrage haben 28 Prozent der Frauen, aber nur 18 Prozent der Männer chronische Schmerzen.

Chronische Schmerzen sind zu einem massiven Problem in der Medizin und Gesellschaft geworden. Bereits 21 Prozent der Österreicher sind betroffen. Worauf noch viel zu wenig Rücksicht genommen wird, sind geschlechtsspezifische Unterschiede – und die gibt es nicht nur im Schmerzempfinden, sondern auch in der Bewältigung von Schmerzen und im Ansprechen auf Therapien.

Die Ursachen der geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Schmerz sind vielfältig und bisher nicht ausreichend erforscht. So werden Gender-Faktoren sowohl in der Diagnostik als auch in der Schmerztherapie immer noch zu wenig beachtet. Die Folgen: Vor allem Frauen laufen Gefahr, unter- oder nicht adäquat behandelt zu werden. Namhafte Schmerzmediziner fordern daher mehr individuelle Schmerztherapien ohne „Gender Bias“. Für diese braucht es wiederum präklinische und klinische Studien zur Erforschung der Ursachen hinsichtlich der Unterschiede in Schmerzempfindlichkeit, Schmerzerleben sowie in der Diagnostik und Behandlung von Männern und Frauen. Prof. Dr. Martin Nuhr, Msc., Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation und Leiter des Nuhr Medical Centers in Senftenberg: „Frauen leiden in der Regel an länger andauernden und heftiger empfundenen Schmerzen. Diese größere Schmerzempfindlichkeit besteht ab Erreichen des gebärfähigen Alters. So weisen weibliche Patienten zwar eine niedrigere Schmerz- und Toleranzschwelle im Hinblick auf mechanische, elektrische oder thermische Reize auf, können aber mit Schmerz wesentlich besser umgehen.“

Ähnliches bestätigt auch Prof. Dr. Michaela Kress, Leiterin des Departements für Medizinische Physiologie und Physik, beim Internationalen Wiener Schmerzsymposium: „Experimentelle Studien zeigen, dass Frauen sowohl auf schmerzhafte Hitze- und Kältereize als auch auf die Injektion von Schmerz-erzeugenden Substanzen empfindlicher reagieren als Männer, und dass ihre Schmerzempfindung bei wiederholten Schmerzreizen ebenfalls zunimmt.“

Mögliche Erklärungen sind die unterschiedliche Sozialisierung von Buben und Mädchen in westlichen Gesellschaften, psychosoziale Faktoren bei der Schmerzchronifizierung, aber auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Arzt-Patienten-Beziehung. „Zudem haben biologische Unterschiede einen Einfluss auf das Schmerzempfinden. Man geht davon aus, dass insbesondere der jeweilige Hormonstatus für die Schmerzrezeption ausschlaggebend ist. Auch die Reaktion auf medizinische Behandlungen und Medikamente erfolgt je nach Geschlecht unterschiedlich“, so Nuhr.

In Tiermodellen stellte sich beispielsweise heraus, dass die weiblichen Östrogene die Empfindlichkeit von Nozizeptoren verstärken können. Auch die Glutamat-Rezeptoren vom NMDA-Typ, die für das Schmerzgedächtnis mit verantwortlich sind, zeigen unter Östrogen-Einfluss eine verstärkte Aktivität.

Chronische Schmerzen

Laut aktuellen Studien werden Frauen fünf Mal so häufig wie Männer schmerztherapeutisch unzureichend versorgt. Und das, obwohl gerade Frauen deutlich häufiger von Schmerzen betroffen sind. Laut einer Umfrage der Österreichischen Schmerzgesellschaft leiden 28 Prozent der erwachsenen weiblichen Bevölkerung, aber nur 18 Prozent der Männer an chronischen Schmerzen. Andererseits seien Frauen robuster, was ihren emotionalen und psychischen Umgang mit solchen Beschwerden angehe: Frauen dürften besser als Männer in der Lage sein, Schmerz-bedingte negative emotionale Konsequenzen zu begrenzen und hätten daher trotz stärkerer Schmerzen eine bessere Stimmungslage als Männer. Konkret leiden Frauen z.B. siebenmal häufiger an Fibromyalgie und mehr als doppelt so oft an Migräne wie Männer. Auch von chronischem Rückenschmerz sowie Spannungskopfschmerzen sind sie 1,5-mal häufiger betroffen und acht von zehn Rheuma-Patienten sind weiblich.

Individuelle, multimodale Gender-Therapien

Dass die Schmerztherapie sich immer wieder vor allem an männlichen Bedürfnissen orientiert, kommt aus der Forschung, wurden doch zahlreiche Studien, die der Entwicklung von Schmerzmitteln zugrunde lagen, ausschließlich an Männern durchgeführt. Bei den Unterschieden in der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung spielen weiters auch pharmakologische Gründe eine Rolle. Diverse Studien belegen, dass eine Reihe von Schmerz-Medikamenten bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken können. „Diese Erkenntnisse müssen auch in die moderne Forschung Einzug halten“, so der Biologe und Leiter des Salzburger Schmerzinstituts Prof. Dr. Günther Bernatzky. Der Schmerzforscher fordert zugleich mehr multimodale Therapien, die neben Medikamenten (falls erforderlich), physikalische Medizin, Psychotherapie und auch Komplementärmedizin kombinieren. Für Letztere müsse an der Evidenzbasis noch gefeilt werden. Bernatzky: „Immerhin zeigen Studien, dass etwa Akupunktur nach schweren Unfällen oder Operationen den Analgetika-Bedarf senkt, chronische Schmerzen lindert und Kreuz- und Nackenschmerzen entgegen wirkt.“ Positive Ergebnisse gibt es auch für manuelle Behandlungen, Kälte- und Elektrotherapien sowie für aromatische Öle und Musiktherapie.

Nuhr: „Aus all diesen Gründen ist es höchste Zeit für eine zunehmende Sensibilisierung, wie, wann oder warum Frauen unterschiedlich bei Krankheitsentstehung, Verlauf und Therapie reagieren. Und insbesondere in die Therapiekonzepte müssen ganz wesentlich biometrische Faktoren und anatomische Merkmale des Geschlechts sowie die spezifischen Reaktionsmuster einfließen.“ Dabei bleibe der chronische Schmerz eindeutig die größere Herausforderung, „weil er sich zu einer eigenen Schmerzkrankheit entwickeln kann, die nicht nur organische, sondern auch psychische Probleme nach sich zieht“, so der Mediziner. „In der Schmerzbehandlung setzen wir daher auf ganz individuelle interdisziplinäre Schmerztherapien und weniger auf klassische Medikamente. Erstere sind nicht nur hochwirksam, sondern auch nachhaltig, nahezu nebenwirkungsfrei und auf die Bedürfnisse des Patienten maßgeschneidert. So fahnden wir immer zuerst nach den Ursachen für den Schmerz. Sind sie gefunden, erstellen wir einen individuellen Therapieplan für den Patienten, der vor allem Behandlungen aus den Bereichen der Physikalischen Medizin, der Komplementären Medizin und der Bewegungstherapie enthält und täglich medizinisch überprüft und angepasst wird.“

Ein bio-psycho-soziales Phänomen

In der Medizin besteht heute die allgemeine Meinung, dass Schmerz weit mehr ist als der körperliche Vorgang der Nozizeption. Vielmehr sei Schmerz ein Ereignis, das den ganzen Menschen und auch seine Umgebung beeinflusst, so Bernatzky. „Schmerz verursacht Leiden auf physischer, emotionaler, kognitiver und sozialer Ebene. Schmerz ist damit ein bio-psycho-soziales Phänomen.“ Nicht zuletzt verändert er das Bewusstsein und Verhalten und ist ein wichtiges Kommunikationsmittel nach Innen und nach Außen.

Erschreckend für den Experten ist, „dass ein großer Teil dieses Leides und der damit einhergehenden Belastungen der Gesundheitssysteme unnötig ist und, gemessen an den heutigen schmerzmedizinischen Möglichkeiten, durch massive Unter- oder Fehlbehandlung entsteht.“ Eine Konsequenz: „Bei fast 50 Prozent der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen besteht der Schmerz auch fünf Jahre nach Behandlungsbeginn weiter fort.“ Und, so der Experte: „Werden Schmerzen chronisch, steigen die Kosten exorbitant – bei unspezifischen Rückenschmerzen zum Beispiel auf das fast Fünffache.“

Und tatsächlich ist laut aktuellem Bericht der Europäischen Schmerzgesellschaft EFIC auch die Mehrheit der Patienten in der EU (60%) mit ihrer Schmerztherapie unzufrieden. Jeder Zweite hat mehr als zehn Ärzte konsultiert, bis er adäquat behandelt wird. Bei 50 Prozent der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sind die Probleme auch fünf Jahre nach dem Behandlungsbeginn noch akut. Ebenfalls fatal: In Österreich dauert es im Schnitt 1,7 Jahre, bis eine korrekte Diagnose gestellt ist. Danach vergehen noch einmal 1,9 Jahre bis zur angemessenen Behandlung.

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