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© fatido / iStock
 
Diabetologie 1. April 2014

In den Leitlinien fehlt das Geschlecht

Der gendergerechte therapeutische Ansatz bei Diabetes sollte nicht vergessen werden.

Die internationalen Richtlinien für die medikamentöse Therapie von Diabetes mellitus geben vor, welche Faktoren bei der Behandlung zu beachten sind. Faktoren wie das Alter, die Dauer der Erkrankung, die Lebenserwartung, das soziale Umfeld oder begleitende Erkrankungen. „Was in dieser Check-Liste aber fehlt, ist das Geschlecht“, kritisiert Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Expertin für Gender Medicine an der MedUni Wien, anlässlich der 7. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin (ÖGGSM).

Diabetes lässt sich medikamentös bereits seit vielen Jahren gut behandeln, immer wieder kommen Medikamentenklassen mit einem neuen Wirkmechanismus hinzu. Bei der Behandlung fehle aber die geschlechtsspezifische Überlegung, betont Kautzky-Willer: „Die verschiedenen Medikamente und Therapien haben für Frauen und Männer unterschiedliche Nebenwirkungen und Effekte. Das wird in den meisten Fällen nicht bedacht - oder ist noch unbekannt.“

Eine der neuesten Diabetes-Therapien setzt auf sogenannte SGLT2-Hemmer, die dafür sorgen, dass Zucker über den Urin ausgeschieden wird und nur in geringem Ausmaß über die Niere wieder in den Kreislauf aufgenommen wird. Studien haben aber ergeben, dass diese Therapie bei Frauen vermehrt zu Genitalinfektionen (Genitalmykosen) führen kann. „Andererseits ist gerade diese Form der Behandlung bei Frauen wegen des damit verbundenen Gewichtsverlusts besonders beliebt“, sagt die Diabetes-Expertin. „Außerdem ist diese neue Medikamentenklasse nicht mit einem Anstieg des Hypoglykämie-Risikos behaftet, was bei Frauen unter Insulintherapie hingegen ein häufigeres Problem als bei Männern darstellt.“

In Entwicklung befindet sich derzeit eine weitere Therapie, die auf dem Enzym der 11ß-Hydroxysteroid-Dehydrogenase basiert. Diese Medikamente blockieren die Umwandlung von inaktivem Kortison in aktives Kortisol und beeinflussen somit den Energiehaushalt und Stoffwechsel, darunter auch die Bildung von Leberfett. In einer aktuellen internationalen Studie, an der die Medizinische Universität Wien beteiligt war, konnte nachgewiesen werden, dass bei 20 Prozent der Probandinnen mit Fettleber bei dieser Therapie nach drei Monaten eine Normalisierung des Leberfettgehalts und eine Verminderung des Bauchfetts erreicht werden konnten. Die unerwünschte Nebenwirkung: Bei weiblichen Studienteilnehmern stieg das Testosteron deutlich an.

Kautzky-Willer: „Diese Beispiele allein zeigen, wie wichtig unter dem Schlagwort personalisierte Medizin auch eine geschlechtsspezifische Betrachtung und Auswahl der Therapie ist.“ Die Studie wurde nun im Journal Lancet Diabetes Endocrinol veröffentlicht.

Fettablagerung am Herzen

In einer weiteren aktuellen Studie in PLOS ONE untersuchten die Wiener ForscherInnen von der Universitätsklinik für Innere Medizin III, ob sich eine Fettablagerung am Herzen bei Diabetes mellitus bereits im Frühstadium der Erkrankung bei jungen Frauen mit erhöhtem Risiko manifestiert – wie das in der Leber der Fall ist. Das könnte dann nämlich zum höheren Risikoanstieg für kardiale Komplikationen der Diabetespatientinnen im Vergleich zu Diabetespatienten beitragen. Das Ergebnis: Eine Verfettung des Herzens mit den damit verbundenen erhöhten Risiken für die Entwicklung einer diabetische Kardiomyopathie ist eine Spätfolge von Diabetes und könnte durch eine Lebensstiländerung und Gewichtsverlust verhindert bzw. verzögert werden.

600.000 Österreicherinnen und Österreicher mit Diabetes

Rund 600.000 Menschen in Österreich, und damit rund acht Prozent, haben Diabetes. Das sind die neuesten Zahlen aus dem aktuellen Österreichischen Diabetesbericht 2013 des Gesundheitsministeriums. Frauen mit Diabetes geben häufig eine schlechtere Lebensqualität an als Männer, wobei vor allem das seelische Wohlbefinden schlechter ist. An Diabetes erkrankte Patientinnen haben auch häufiger Depressionen als männliche Diabeteskranke.

Präventiv bestehen im Frühstadium einige Möglichkeiten, den Ausbruch der Erkrankung bei Diabetes mellitus Typ2 zu verhindern, da hier Lebensgewohnheiten eine große Rolle spielen. Als Hauptursachen gelten Stress, Rauchen, ein Mangel an Bewegung, ungesunde Ernährung und vor allem Bauch-betontes Übergewicht.

Das Gefährliche an Diabetes: Er entsteht schleichend und viele der Patienten und Patienten erfahren davon erst, wenn bereits eine gefährliche Folgeerkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall, eine Verminderung der Sehfähigkeit oder der Nierenfunktion eingetreten ist. Daher rät Kautzky-Willer, die auch ÖGGSM-Präsidentin ist, dazu, rechtzeitig zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen. Das gilt vor allem für Risikogruppen: Menschen über 45, mit Übergewicht, erhöhtem Bauchumfang, mit genetischer Vorbelastung, Bluthochdruck, aber auch mit Herzinsuffizienz oder Fettlebererkrankungen. Bei Frauen mit höherem Risiko wird die Durchführung eines oralen Glukosetoleranztests (OGGT) empfohlen.

Literatur: Hepatic Rather Than Cardiac Steatosis Relates to Glucose Intolerance in Women with Prior Gestational Diabetes. Y. Winhofer, M. Krssak, P. Wolf, A. Tura, C.-H. Anderwald, L. Kosi, G. Reiter, G. Pacini, S. Trattnig, A. Luger, M. Krebs, A. Kautzky-Willer. PLOS ONE, March 12, 2014.•DOI: 10.1371/journal.pone.0091607 The Lancet Diabetes & Endocrinology, Inhibition of 11ß-HSD1 with RO5093151 for non-alcoholic fatty liver disease: a multicentre, randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Early Online Publication, 17 February 2014 doi:10.1016/S2213-8587(13)70170-0

www.gendermedizin.at

Österreichischer Diabetesbericht: www.oedg.org/pdf/diabetesbericht_2013.pdf

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