zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
46 Prozent der Patienten geben eine signifikante sexuelle Beeinträchtigung aufgrund chronischer Lumbago an. Die Beschwerden werden jedoch von Frauen und Männern unterschiedlich empfunden.
 
Orthopädie 17. April 2012

Wenn chronische Lumbalgien die Sexualität beeinträchtigen

Im Rahmen einer Therapie sollte das Augenmerk auf die Lösung der Verspannungen, Verbesserung der Beckenbeweglichkeit und das Ansprechen von sexuellen Problemen gelegt werden.

Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil im Leben eines jeden Menschen. Chronische Rückenschmerzen sind nicht selten die Ursache für Sexprobleme. Auch wenn die Schmerzsymptomatik für beide Geschlechtspartner eine Veränderung im Sexualleben bedeutet, sind die Beschwerden zwischen Frauen und Männern durchaus unterschiedlich. Beiden gemein sind jedoch die Angst vor dem Schmerz beim Sexualakt, die Schwierigkeit, die geeignete Position zu finden, und die mangelnde Fähigkeit, das Becken zu bewegen.

 

Sex bei chronischen Lumbalgien ist ein viel belächeltes und dementsprechend wenig beachtetes Thema unter vielen Orthopäden. Eine Internetrecherche mittels Google zeigte jedoch, dass das Problem durchaus thematisiert wird. Eine Schlagwortsuche mit „sex positions and back pain“ ergab immerhin 5,9 Millionen Treffer. Bei einer Suche in der PubMed kann man jedoch nur drei verwertbare Studien aus 24 zu diesem Thema finden.

Tatsache ist, dass 80 Prozent der orthopädischen Chirurgen nur sel-ten bis nie mit ihren Patienten über sexuelle Aktivitäten sprechen. Und 96 Prozent der Kollegen, die dieses Thema ansprechen, wenden weni-ger als fünf Minuten Zeit dafür auf. Dabei betrifft dieses Problem sehr viele Patienten. Umgelegt auf die deutsche Bevölkerung, leiden 27 bis 40 Prozent an chronischen Rückenschmerzen. Laut den epidemiologischen Daten des American College of Rheumatology besteht in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von zehn Prozent, an chronischer Lumbago zu leiden. Die International Association for the Study of Pain fand in der Erwachsenenbevölkerung von Industrienationen Punktprävalenzen von bis zu 50 Prozent.

Die Voraussetzung für zufriedenstellende sexuelle Aktivität liegt einerseits im physischen Wohlbefinden, andererseits auch in der Fähigkeit, zu fühlen, zu berühren und vor allem sich komfortabel bewegen zu können.

Nicht nur Patienten höheren Alters, Menschen mit Behinderungen oder mit schwieriger Familiensituation sind mit Problemen bei der Sexualität betroffen. 46 Prozent der Patienten geben eine signifikante sexuelle Beeinträchtigung aufgrund chronischer Lumbago an. Einige Studien postulieren, dass ein erhöhter Muskeltonus lumbal mit einer sexuellen Dysfunktion einhergehen kann. Eine Studie an 60 Patienten mit der Fragestellung, ob es eine rein psychische Ursache für Kreuzschmerzen gäbe, bestätigte bei der Hälfte, dass zumindest eine begleitende psychische Komponente vorliegt.

Unterschiedliche Probleme bei Männern und Frauen

Wenn es um die Veränderungen im Sexualleben bei chronischer Lumbago geht, lassen sich bei diversen Studien deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen finden. Bei Männern steht eher die Erektionsproblematik, die gesteigerte Erwartung, einen Orgasmus zu erlangen und die deutlich sinkende Frequenz im Vordergrund. Frauen hingegen klagen hauptsächlich über die verkürzte Dauer des Sexualakts sowie über die mangelnde Zufriedenheit beim Vorspiel und beim Akt im Allgemeinen.

Wenn es um die Position geht, wird bei beiden Geschlechtern die Rückenlage der Bauchlage während des Geschlechtsverkehrs vorgezogen. Die Seit-zu-Seit-Stellung – auch Löffelstellung genannt – wird ebenfalls als schmerzarm beschrieben. Die meiste Schwierigkeit liegt für beide darin, die geeignete Position zu finden, weiters in der Angst vor Schmerz beim Sexualakt und in der mangelnden Fähigkeit, sich im Becken zu bewegen – wobei Män-ner die Angst, den Partner zu enttäuschen, als weiteren limitieren-den Faktor angeben.

Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass Frauen mit chronischen Rückenschmerzen eher von Beschwerden im Sexualleben betrof-fen sind. Häufig werden Rückenschmerzen vorgeschoben, um latente, eventuell vorher nicht wahrgenommene sexuelle Dysfunktionen zu legitimieren. Die unterschiedliche Schmerzwahrnehmung vor allem bei Frauen führt oft zum Katastrophisieren der Situation, zu vermehrten Depressionen und damit zu häufigen Erschöpfungszuständen, die die Lust auf Geschlechtsverkehr zunichte machen. Insgesamt wird bei 34 Prozent der weiblichen gegenüber 24 Prozent der männlichen Patienten ein fehlendes Interesse an Sex angegeben. Wie in der Abbildung „Mögliche Korrelation chronischer Lumbago und Sex“ dargestellt wird, steht immer zuerst die Angst vor dem Schmerz, die den „Teufelskreis“ ins Rollen bringt.

Lumbale Beschwerden mit Sex lindern

Umgekehrt jedoch postulieren einige Arbeiten, dass Sex durchaus auch zur Therapie beziehungsweise zur Linderung der lumbalen Beschwerden herangezogen werden kann. Durch genitale Stimulation mit abschließendem Orgasmus kann die Schmerzschwelle signifikant herabgesetzt werden, und das gibt dem Patienten die Möglichkeit der Selbsterfahrung und ebenso der schmerzfreien Positionsfindung. Daher sollte eine Therapie immer in Zusammenarbeit mit einer Physiotherapie stattfinden. Hier sollte das Augenmerk auf Lösung der Verspannung, Verbesserung der Beweglichkeit des Beckens sowie auf Ansprechen und Diskutieren sexueller Probleme gelegt werden. Oft sind Schmerzen beim Geschlechtsverkehr mit einer Beckenbodenschwäche zu assoziieren. Eine isometrische und fortführend passive/aktive Heilgymnastik zur Kräftigung des Beckenbodens kann zu deutlicher Schmerzreduktion und damit zu besserem Sex führen.

Sexuelle Zufriedenheit durch das „Good enough sex“-Modell

Zusammenfassend sind sexuelle Aktivitäten bei chronischen Rückenschmerzen eindeutig zu befürworten. Jedoch ist es wichtig, realistische Erwartungen zu setzen. Hier bedient man sich in der Psychologie des „Good enough sex“-Modells. Dieses Konzept dient der sexuellen Zufriedenheit. Dabei variiert die Qualität von Tag zu Tag. Der Patient soll den Moment des Erlebens in den Vordergrund stellen. Das trägt nicht nur zum verbesserten Stressabbau bei, sondern steigert das Vergnügen und fördert das Erwachsenenspiel.

Die Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil im Leben unserer Patienten, daher sollte dieses Thema und dessen Aufklärung den Weg in den medizinischen Alltag finden. Die Qualität des Sexuallebens hat nichts mit dem Alter zu tun. Nicht alleine die Position ist ausschlaggebend, vor allem die psychische Komponente im Hintergrund sollte unsere Aufmerksamkeit erregen.

 

Dr. Andreas Lunzer ist auf der Universitätsklinik für Orthopädie, Medizinische Universität Wien, tätig.

Von A. Lunzer , Ärzte Woche 16 /2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben