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Foto: Michael Hirschka / pixelio.de

Männer - Die ganze Wahrheit

Pfau, Georg; Hartl Thomas 248 Seiten;
19,80 Euro Goldegg Verlag, März 2011
ISBN 9783902729309

Das Buch geht dem Wesen des Mannes auf den Grund: Es behandelt die Suche nach Identität, den Umgang mit der neuen Rolle in der Gesellschaft, dem Wechselspiel der Geschlechter und die biologischen Tatsachen, die manchmal im Widerspruch zu modernen Anforderungen an den Mann stehen. Die Autoren berichten zahlreiche Fallgeschichten von typischen psychischen, sexuellen und gesundheitlichen Problemen, die Männer ungern mit ihrem Arzt besprechen.

 
Allgemeinmedizin 8. März 2011

„Frauen sind toll, Männer sind naja ...!“

Kämpfer und Jäger sind etwas aus der Mode gekommen. Das kann Auswirkungen auf die sexuelle Identität des Manns haben.

Dirk ist ein 17-jähriger junger Mann. Mit seinem gewinnenden Aussehen und seinem spitzbübischen Lächeln ist er der Liebling der Mädchen. Er ist der geborene „Sunny Boy“. Ganz abgesehen davon hat er nur die besten Noten in der Schule. Doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes.

Von Beginn an litt Dirk an Erektionsstörungen, die er „sich nicht erklären konnte“. Auf Anraten seines Vaters scheute er nicht den Besuch beim Arzt, ganz im Gegenteil, er suchte gleich mehrere auf. Offenbar bekam er nicht, was er wollte. „Die von mir konsultierten Ärzte behaupteten, es wäre alles in Ordnung! War es aber nicht – es ging ja nicht!“, brachte er die Sache auf den Punkt. Dirk war verzweifelt und fühlte sich unverstanden.

Traumatisches „Erstes Mal“

Er war gesund, zweifelsohne, aber „nur“ im biologischen Sinne. Die Untersuchung des Genitales war „unauffällig“, so stand es auch in dem Befund. Fast einhundert Prozent der sexuellen Störungen junger Männer sind psychosomatisch bedingt und führen auf Umwegen zu schwerwiegenden sozialen Konsequenzen. Die Exploration dieses Falles brachte etwa folgendes Ergebnis: Dieser junge Mann war beim berühmten „Ersten Mal“ traumatisiert worden. Ein um zwei Jahre älteres Mädchen verführte ihn auf der Damentoilette der Schule. „Als es nicht gleich funktionierte“, so erzählte der Patient, „ließ sie plötzlich von mir ab – nicht ohne mir zu verstehen zu geben, dass ich für ihren Geschmack zu klein gebaut war.“ Mehr hatte dieser selbstverliebte Mann nicht gebraucht. Er war in seinem sexuellen Selbstwert erschüttert.

Dieses Ereignis veränderte sein Leben. Von nun an vermied er es, mit anderen gemeinsam zu duschen, und – noch viel schlimmer – er redete sich ein, für eine Beziehung nicht geeignet zu sein. So etwas jedenfalls wollte er nicht noch einmal erleben. Die psychische Traumatisierung führte zum Gefühl der Defizienz, das sich in Form einer erektilen Dysfunktion somatisierte.

Biologisch gesund, aber ...

Wie jeder Arzt weiß, ist Gesundheit dreidimensional. Das biologische (somatische) Wohlbefinden macht noch nicht zufrieden. Um einen in sich gefestigten – akkuraten – Mann vorzufinden, muss die biologische noch mit sozialer und psychischer Gesundheit zusammentreffen. Es ist das unumstößliche Paradigma der Sexualmedizin, dass sich diese drei Dimensionen nicht trennen lassen. Jeder Mensch ist zu jeder Zeit und untrennbar zu 100 Prozent ein biologisches, zu 100 Prozent ein psychologisches und zu 100 Prozent ein soziales Wesen.

Störung der sexuellen Identität

Leider scheint dies nicht immer berücksichtigt zu werden. Die „Störung der sexuellen Identität“ – die Verunsicherung im sexuellen Selbstwert – ist eine der am häufigsten gestellten Diagnosen in der Sexualmedizin. Dies hat gute Gründe, ist doch das wichtigste Geschlechtsorgan des Menschen das Gehirn. Alle weiteren Geschlechtsorgane – der Mund, die Hände, die Genitalien – sind lediglich die Tools, mit denen Sexualität umgesetzt wird.

Die Störung der sexuellen Identität hat mehrere Ursachen. Zunächst einmal das von Mythen geleitete Leistungsdenken in der männlichen Sexualität, das störungsanfällig zu sein scheint. Es stellt den Phallus und dessen Erektionsfähigkeit in den Mittelpunkt. Die Fragen „Wie lang kann ich? Wie oft kann ich?“ sind die gültigen Indikatoren für guten Sex. Das Spiel der Liebenden wird degradiert zum Leistungssport.

Eigentlich sollte Sexualität als „intimes Zusammensein“ verstanden werden, ein Spiel, das nur in jenem Umfang stattfinden kann, der von beiden Partnern gewünscht wird und auch möglich ist. Wir Ärzte müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, durch die häufig unreflektierte medikamentöse Therapie der Erektionsstörung eben diese fehlerhafte Entwicklung noch zu zementieren. Jede Erektionsstörung hat eine Ursache, manchmal eine Gefäßverengung, sehr viel häufiger aber eine Störung der sexuellen Identität.

Kämpfer und Jäger ohne Auftrag

Die „Störung der sexuellen Identität“ von Männern hat auch noch andere Ursachen. Die Genderforscherin Alice Eagly schreibt, dass „Frauen von beiderlei Geschlecht positiver bewertet werden als Männer“. Was nichts anderes heißt, als dass selbst Männer ihr eigenes Geschlecht als das schlechtere beurteilen. Etwa so: „Frauen sind toll, Männer sind naja ...!“

Auch dafür gibt es viele Gründe. Der Mann, dessen evolutionsbiologischer Auftrag durch Jahrmillionen das Kämpfen, Jagen und Experimentieren war, ist quasi aus der Mode gekommen, denn die Werte haben sich verändert. Wir leben in einer unkriegerischen und individualisierten Welt. Ehemals männliche Werte wie Heldentum und Zeugungskraft sind nicht mehr gefragt. An ihre Stelle sind Teamgeist und soziale Kompetenz getreten, Eigenschaften, die eher als weiblich konnotiert werden. Der Mann wird in den Medien als „Auslaufmodell“ klassifiziert. Dies entbehrt zwar jeder rationalen Grundlage, prägt aber im nicht unwesentlichen Ausmaß das öffentliche Bild des Mannes und dessen Selbstwert.

Besondere Förderung

80 Prozent aller Alkoholiker dieses Landes sind männlich und 90 Prozent aller Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss werden von Männern verursacht.

Im Bildungssystem geraten die Buben immer mehr ins Hintertreffen. Seit Jahren erreichen deutlich weniger Männer einen höheren Bildungsabschluss als Frauen. 2011 wird der Frauenanteil bei den Maturanten bei 56 Prozent liegen (versus 44 Prozent Burschen!). Und das wird sich in den nächsten Jahren nicht verändern.

Dass Männer einer besonderen Förderung bedürfen, lässt sich nicht leugnen, wenigstens nicht in deren „sexueller Identität“. Die Männersprechstunde ist ein wichtiger Dienst an der Gesellschaft, denn die Männer ins Hintertreffen gelangen zu lassen, kann nicht im Interesse der Allgemeinheit sein.

 

www.sexualmedizin-linz.at

Von Dr. Georg Pfau, Ärzte Woche 10 /2011

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