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Gendermedizin 7. März 2011

100 Jahre Frauentag: Die Medizin bleibt männlich

Anlässlich des internationalen Frauentages stellt SpringerMedizin.at  das "Führungshandbuch für Ärztinnen" von Gabriele Kaczmarczyk kostenfrei auf SpringerLink zur Verfügung. Hier zu lesen: Ein Auszug  über die aktuelle Situation der Frauen in der Medizin in Deutschland. Die Situation in Österreich ist ähnlich.

Die Situation heute

Der Anteil von Frauen unter den Assistenzärztinnen in ausgewählten Fächern der Medizin lag 2001 zwischen 61 Prozent (Gynäkologie und Geburtsmedizin) und 20 Prozent (Chirurgie), wobei in allen Fächern (außer der diagnostischen Radiologie) ein Anstieg bis 2006, besonders in der Frauenheilkunde/Geburtsmedizin zu verzeichnen ist (. Abb. 2.3).

Abb 1

In Leitungspositionen betrug 2001 der Frauenanteil in der Frauenheilkunde/Geburtsmedizin 5,5 Prozent, in der Chirurgie 1,4 Prozent. Den höchsten Frauenanteil hatte die Allgemeinmedizin mit 33 Prozent Frauen, weitere Informationen zu den anderen Fächern gibt . Abb. 2.4.

Abb2

Der Anteil von Frauen in den Leitungspositionen ist im Vergleich 2001 zu 2006 meist nur geringfügig gestiegen (außer Anästhesiologie und Kinderchirurgie, wo er abgenommen hat) oder gleich geblieben ist (Neurologie).

Bemerkenswert ist allerdings auch, und dies wird durch eine etwas anders strukturierte Darstellung deutlich, dass offensichtlich nur wenige Frauen, die 2001 Assistenzärztinnen waren, den Aufstieg in eine Leitungsposition fünf Jahre später (2006) geschafft haben. Besonders deutlich ist dies in der Frauenheilkunde/Geburtsmedizin zu beobachten: Im Jahre 2001 waren 61 Prozent der Assistenzärzte weiblich, fünf Jahre später waren aber nur 11 Prozent Frauen in Leitungspositionen vertreten (. Abb. 2.5).

Abb3 

Umgekehrt: Waren 2001 nur 39 Pozent der Assistenzärzte männlich, so waren fünf Jahre später 89 Prozent Männer in Leitungspositionen vertreten. Also ist es nicht erstaunlich, dass im Vorstand der deutschen Menopausengesellschaft zu 75 Prozent Männer vertreten sind, so auch im Vorstand der Stiftung »Endometrioseforschung «.

Was würde eigentlich an dem Bild der Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Männergesundheit stören? Die Leitung an Universitätskliniken erfordert eine besondere Beachtung, weil hier Lehrmeinungen, Standesdenken und Verdienstmöglichkeiten meist anderen (und öffentlich nicht thematisierten) Regeln folgen als in städtischen oder konfessionellen Häusern. Hierarchien sind an den Wirkungsstätten der »meinungsbildenden Persönlichkeiten« besonders stark repräsentiert und grenzen Frauen oft aus. Es fällt nicht schwer, Parallelen zu den institutionalisierten Männerbünden »Kirche« (zwar »Mutterkirche«, aber bitte meist ohne Priesterinnen!) und »Militär« (Krieg ist für Frauen in der Regel nur in der Rolle des Opfers denkbar) zu ziehen.

Das innere Bild einer Klinik mit vorbeihuschenden Göttern in Weiß (früher in einer deutschen Universitätsklinik sichtbar innerhalb der Ordnung noch weiter unterschieden durch Kittelknöpfe aus Goldimitat, Silberimitat und Plastik) erzeugt Respekt und das Gefühl eigener Hilflosigkeit, letzteres vor allem bei Patienten und Patientinnen. Hierarchien werden von den jüngeren Ärzten und Ärztinnen oft fraglos akzeptiert, allerdings aufgrund eigener Erfahrungen oft mit dem unbestimmten Gefühl oder gar aus unmittelbarer Anschauung, dass eine leitende Position nicht automatisch die Fähigkeit zu professioneller Führung einschließt.

In einer Umfrage, an der sich 80% der deutschen medizinischen Fakultäten beteiligten, kam es im Vergleich 2001/2005 unter anderem zu den in . Abb. 2.6 dargestellten Ergebnissen.

Abb4

Bei einem signifikanten Anstieg der weiblichen Studierenden auf 60 Prozent im Jahre 2005 (2009 sind es um die 70 Prozent), blieb der Anteil an Professorinnen fast unverändert, insbesondere in den entscheidenden Positionen der C4-Stellen, hier stieg in fünf Jahren der Frauenanteil lediglich von 4,5 auf 5,6 Prozent.

Zur Zeit (2009) gibt es eine Dekanin und 35 Dekane in Deutschland, einige Prodekaninnen sind für die Lehre zuständig (viel Arbeit, eher geringer Einfluss, wenig Geld zu verteilen), kaum eine für Forschung (viel Arbeit, eher starker Einfluss, viel Geld zu verteilen).

Viele gesellschaftliche Bereiche, die nichts mit der Medizin zu tun haben, werden inzwischen von Frauen geführt. Die Medizin stellt ein meist nicht beachtetes Schlusslicht dar. 

Es ist jedoch anzunehmen, dass für die Herausforderungen einer modernen Medizin mit all ihren unterschiedlichen Facetten und Notwendigkeiten nicht nur die Mitwirkung von Frauen, sondern auch die Führung durch dafür qualifizierte Frauen (die ja entgegen den Befürchtungen besorgter Männer tatsächlich vorhanden sind) unerlässlich ist. Die Frauen selbst müssen jedoch den Aufstieg trotz der instabilen letzten Stufen der Karriereleiter wagen und bereit sein, den Anker zu werfen!

Quelle: Führungshandbuch für Ärztinnen
2010, 7-24, DOI: 10.1007/978-3-642-03976-8_2

"Frauen in Führung!"
Auf SpringerLink kostenfrei online lesen

Literatur

Baer S, Lepperhoff J (2006) Instrumente zur Förderung von Chancengleichheit. Archiv für Wissenschaft und Praxis in der sozialen Arbeit, 37(4): 20-32

Brinkschulte E (Hrsg) (1994) Weibliche Ärzte. Zur Durchsetzung des Berufsbildes in Deutschland, 2. Aufl. Berlin:

Hentrich Carnes M, Morrissey C, Geller SE (2008) Women´s Health and Women´s Leadership in Academic Medicine: Hitting the Same Glass Ceiling? Journal of Women´s Health 17: 1453-1462

Hochleitner M (2002) »Hier hat niemand auf Sie gewartet« – Frau in der Medizin: »Ärztinnenstudie« 2002. Innsbruck: University Press

Kaczmarczyk G (2007) Chancengleichheit an medizinischen Fakultäten und Universitätsklinika in Deutschland 2001/2005. Erstellt im Auftrag der Kommission Klinika der Bundeskonferenz der Frauenbeauftragten an deutschen Hochschulen

Erxleben D (1993) Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten. Zu finden bei Johann Andreas Rüdiger, 1742. Zürich: eFeF Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Statistisches Jahrbuch 2001 und 2006. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt

Quelle: Gabriele Kaczmarczyk/ Führungshandbuch für Ärztinnen
2010, 7-24, DOI: 10.1007/978-3-642-03976-8_2

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