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Manche wissen noch immer nicht, was Gender Medicine ist.
"Mein größter Wunsch ist es, eine interdisziplinäre Kooperation auf breiter Basis aufzubauen", Univ. Prof.in Dr.in Alexandra Kautzky-Willer. 
 
Gendermedizin 15. Jänner 2010

Gender goes Medicine

Mit der neuen Professur für Gender Medicine an der Med Uni Wien gibt es nicht nur ein neues, spannendes und multidisziplinäres Fachgebiet, sondern endlich wieder eine Frau in einer medizinischen Spitzenposition. Im SpringerMedizin.at Interview erzählt die erste Professorin für Gender Medicine in Österreich, von ihren beruflichen und privaten Erfahrungen, ihren hohen Erwartungen und ihren persönlichen Zielen.

Immer mehr Frauen entscheiden sich für den Arztberuf. Während beim Studium der Anteil der Studentinnen zuletzt auf 60 Prozent angestiegen ist, bleibt es nach wie vor für Medizinerinnen schwierig im Spital in Spitzenpositionen aufzusteigen. Von den 14.132 Ärztinnen und Ärzten sind dort, nach einer Aussendung der Ärztekammer, nur 6.861 Frauen und nur jede zehnte Führungsposition wird weiblich besetzt. Somit ist die neue Professur von Alexandra Kautzky-Willer eine Ausnahme mit Vorbildwirkung.  

Sie bezeichnen selbst Ehrgeiz als Ihre größte Stärke, aber auch als ihre größte Schwäche, warum?

Kautzky-Willer: Weil man als ehrgeiziger Mensch nie wirklich zufrieden ist. Kaum hat man etwas erreicht, fragt man sich auch schon: Was kann ich noch machen? Damit legt man sich die Latte immer höher. Andere überfordert man leicht damit. Fordern ist gut, überfordern nicht.

Sind Sie so gesehen mit ihrer neuen Professur jetzt noch zufrieden oder sind Sie schon einen Schritt weiter?

Kautzky-Willer: (lacht) Ja im Augenblick bin ich sehr zufrieden, ich habe ja jetzt viele Ziele und Visionen, die zusätzlich nicht leicht umzusetzen sind. Gender Medicine ist ein neuer Bereich und muss deshalb mehr oder weniger aus dem Nichts aufgebaut werden. Es gibt auf der Uniklinik keine eigene Abteilung, sondern zur Zeit diesen Bereich als Teil der Endokrinologie. Trotzdem sollen aber alle Fachbereiche abgedeckt werden, dementsprechend groß und schwierig ist diese Aufgabe und gleichzeitig natürlich auch eine Herausforderung.

Sie haben es bereits angesprochen: Sie übernehmen nicht einfach ein Fachgebiet, sondern bauen einen interdisziplinären Fachbereich auf. Wo wollen Sie bei dieser umfassenden Aufgabe beginnen?

Kautzky-Willer: Ich komme ja von der Endokrinologie, Diabetes, Stoffwechsel und Hormone spielen eine sehr große Rolle bei den geschlechtsspezifischen Unterschieden. Diabetes ist eine interdisziplinäre Erkrankung, wo geschlechterspezifische Unterschiede auffällig sind und über hormonelle Veränderungen per se hinaus gehen. Auch anatomische oder genetische Unterschiede, wie Körperbau, Plasmavolumen, die Filtrationsleistung der Niere, die Abbautätigkeit der Leber – einfach alles unterscheidet Mann und Frau. Dieser multidisziplinäre Kernbereich kommt mir natürlich zu Gute. Jetzt muss ich zusätzlich durch Kooperationen und durch Kontakte zu anderen Gebieten die Gender Medicine voran bringen.

Wie groß schätzen Sie das Interesse in der Kollegenschaft ein?

Kautzky-Willer: Teilweise wissen Kolleginnen und Kollegen noch immer nicht genau worum es da eigentlich geht. Solange sie das nicht wissen, können sie sich auch kein Bild machen. Anders ist das bei jüngeren und auch Abteilungleiterinnen und -leitern, die  sich schon länger für die Gender Medicine interessieren. So hat auch die MUW (Medizinische Universität) die geschlechterspezifische Lehre und Forschung als eines ihrer Ziele im Mission Statement festgehalten. Insofern ist der Boden gut und auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist hier im AKH auf einem guten Boden.

Im kardiovaskulären Bereich ist Gender Medicine mittlerweile schon etabliert, in Ihrem Fachbereich möglichweise…

Kautzky-Willer: …etabliert?…also im kardiovaskulären Bereich noch am ehesten., von dort kam Gender Medicine letztlich auch. Die meisten Frauen, die sich damit beschäftigt haben – das ist ja auch typisch, dass sich Gender Medicine aus der Frauenbewegung heraus aus den USA kommend entwickelte - also diese Vorreiterinnen waren meist Kardiologinnen. Heute kennen wir die genderspezifische Symptomatik vor dem Herzinfarkt, die unterschiedliche Therapie, die schwerwiegenden Folgen damals. Aber auch hier ist anzumerken, dass Frauen vor der Menopause geschützt sind und erst danach der Risikoanstiegt folgt, außer sie haben Diabetes, dann kehrt sich das um. Genau da gibt es zum Beispiel großen Forschungsbedarf, weil es noch völlig unklar ist, warum das so ist. Wie die Wechselwirkung zwischen Sexualhormonen und der Insulinsignalkette aussieht und was alles betroffen ist.

Das heißt der Schwerpunkt wird in der Forschung liegen?

Kautzky-Willer: Ja, ausgehend von meinen Spezialgebieten, den Volkskrankheiten Diabetes und Übergewicht. Wir planen verschiedenste Projekte. Auch die Biobank hier im AKH bietet gute Möglichkeiten oder die Kooperation mit dem Hochfeld MRT Zentrum, wo wir Knorpel- und Gelenke geschlechtsspezifisch anschauen.

Hat Gender Medicine Ihrer Meinung nach in der Praxis - im niedergelassenen Bereich - bereits den Stellenwert, den sie braucht?

Kautzky-Willer: Also meiner Meinung nach derzeit noch zu wenig. Hier gibt es sicher Punkte, auf die aufmerksam gemacht werden muss. So haben wir zum Beispiel in den neuen Leitlinien der Österreichischen Diabetes Gesellschaft eine eigene Empfehlung für die Praxis - geschlechtspezifische Versorgungsweise Männer und Frauen. Das ist ein erster Schritt, darauf sind wir stolz.

Auch wenn man die Diagnose von Diabetes bedenkt. Frauen haben häufiger eine gestörte Glukosetoleranz, das heißt, hier muss man eben auch einen Zuckerbelastungstest machen. Männer haben eher eine erhöhte Nüchernglukose, die finde ich natürlich in der Routine leichter. Genau so gibt es in der Therapie Unterschiede. Frauen sind schlechter eingestellt. Man muss also darauf achten, dass die Zielwerte für Cholesterin und Blutdruck besser erreicht werden, also das sind schon Ansätze.

Auch im kardiovaskulären Bereich gibt es bereits Empfehlungen speziell für Frauen. Das heißt zusammengefasst: Erste Schritte gibt es, aber in vielen Bereichen ist das Wissen noch viel zu dünn, da die Basis, die Evidenzen fehlen. Das Primäre ist sicherlich die Forschung.

Die Professur ist ein Höhepunkt Ihrer Karriere. Sie sind aber auch Mutter eines mittlerweile erwachsenen Sohnes. Wie konnten Sie den schwierigen Spagat Karriere-Familie schaffen?

Kautzky-Willer: Nur mit Unterstützung. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern gerade in Pension gegangen sind, als ich meine erste Stelle bekam. Das heißt, sie haben die Pflege meine Sohnes während meiner Arbeit übernommen, der damals noch sehr klein war. Ich wusste, dass er in besten Händen ist und das gab mir das sehr beruhigende Gefühl, das man braucht, um sich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren. Sowohl mein Mann als auch und meine Eltern haben mich immer tatkräftig unterstützt. Hätte ich das nicht gehabt, weiß ich nicht wie meine Karriere verlaufen wäre, da mir natürlich auch meine Familie sehr wichtig ist.

Wie lange dauert ihr durchschnittlicher Arbeitstag?

Kautzky-Willer: Irgendwie endet er ja nie. Wenn man zu Hause noch die E-Mails liest und am Computer arbeitet und etwas schreibt. So passiert es immer wieder, dass man Wochenenden und auch Nächte arbeitend verbringt. Deshalb kann man das gar nicht sagen. Auch wenn man nach Hause geht, geht es noch weiter.

Das heißt, Ihr Beruf ist auch Ihr Leben und Ihr Leben Ihr Beruf?

Kautzky-Willer: Sicher. Es lässt sich kaum von einander trennen. Deshalb ist es so wichtig, dass der Beruf auch Spaß macht und wirklich interessiert. Ohne das Umfeld, die Unterstützung der Familie und natürlich die Freude daran kann man gar nicht die erforderliche Energie aufbringen.

Glauben Sie, fehlt vielen Frauen neben der beruflichen Förderung auch die private Unterstützung?

Kautzky-Willer: Das ist sicher ein Faktor. Frauen können nicht das Kind links liegen lassen oder die Familie vernachlässigen. De facto ist dieser Bereich ja nach wie vor in Frauenhänden. Ich glaube, Frauen lassen sich leichter unterdrücken und machen eher etwas, das sie gar nicht wollen. Dadurch geraten Sie in eine Schiene, aus der sie schwer wieder heraus kommen. Das heißt, Frauen müssen mehr Selbstbewusstsein entwickeln, „Role Models“ haben, die ihnen den Weg zeigen und den Mut finden, diesen Weg auch zu gehen. Eines ist aber klar: Das ist auch mit Verzicht verbunden. Dann ist natürlich viel Zeit und Energie in der Arbeit. Das will auch nicht jeder, aber jede Frau sollte die Entscheidung treffen können.

Haben Sie dieses Selbstbewusstsein von zu Hause mit bekommen oder mussten Sie sich dieses erst im Laufe ihrer Karriere erarbeiten?

Kautzky-Willer: Ich bin mir sicher, dass durch Erziehung, Erwartungshaltungen und Rollenbilder bereits genderspezifisch früh Einfluss genommen wird. Solange Buben zu Sport und Wettbewerb motiviert werden, während bei Mädchen eher das „Umsorgen“ unterstützt wird, färbt das auch auf die Einstellung im späteren Leben ab.

Die EU hat berechnet, dass Frauen durchschnittlich den doppelten Aufwand betreiben müssen, um eine Professur zu erhalten. In Österreich liegt der Faktor fast bei 3. Können Sie das aus Ihrer Erfahrung unterschreiben?

Kautzky-Willer: Also, dass es Frauen nach wie vor schwerer haben, ist keine Frage, vor allem den Durchbruch in höchste Positionen betreffend. Auf der anderen Seite hatte ich auch immer männliche Unterstützer. Heute ist für mich das Frauennetzwerk ein sehr wichtiger Faktor, da wir wirklich zusammen halten müssen, um einen Gegenpol zu den Männernetzwerken zu haben.

Hier an der MedUniWien gibt es den Club der Professorinnen, sind Sie schon aufgenommen?

Kautzky-Willer: Ich nehme an, bald eingeladen zu werden.

Was erwarten Sie sich von diesem Netzwerk?

Kautzky-Willer: Unterstützung in jeder Beziehung. Dass man wissenschaftlich kooperiert, dass sich daraus Gespräche, Kontakte und Projekte ergeben, aber auch, dass man versucht, den Nachwuchs zu fördern, wie zum Beispiel durch die Mentoring-Programme.

Was würden Sie als Ihren größten Erfolg betrachten?

Kautzky-Willer: Naja, das ist sicher die Professur für Gender Medicine. In der Praxis, dass endlich der Zuckerbelastungstest für den Mutter-Kind-Pass gekommen ist. Das war immerhin Arbeit der letzten zehn Jahre. Kleine Erfolge habe ich natürlich bei vielen Projekten, wenn zum Beispiel eine Hypothese bestätigt wird, oder wenn man einen Forschungspreis gewinnt.

Sie haben einen unglaublich breiten Fachbereich vor sich. Welchen Wunsch haben Sie da für die Zukunft?

Kautzky-Willer: Der größte Wunsch ist natürlich, dass man die eigenen Pläne realisieren kann, eine interdisziplinäre Kooperation auf breiter Basis aufzubauen. Dass viele Interessenten aus den Fachdisziplinen gewonnen werden können. Ich glaube, dass das gelingen wird. Auch wenn es langwierig und aufwändig ist.

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Andrea Niemann

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