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Foto: charite berlin
Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek leitet das Institut für Geschlechterforschung an der Charité in Berlin.
 
Gendermedizin 9. September 2009

Interview

„Frauen sind in klinischen Studien unterrepräsentiert. Sie haben zudem nicht nur andere Gesundheitsprobleme als Männer, sie kommen auch später in den Genuss von Spitzentherapien.“

Im Rahmen der Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer sprach die Ärzte Woche mit einer Pionierin der Genderforschung, Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek. Die Kardiologin hatte in den USA schon vor etwa zwei Jahrzehnten mit Studien für die Grundlagen der geschlechtsspezifischen Medizin begonnen und leitet derzeit an der Berliner Charité das Center for Cardiovascular Research und das erste Institut für Genderforschung.

 

Spielt der Geschlechtsunterschied in der Medizin tatsächlich eine Rolle?

REGITZ-ZAGROSEK: Die häufigsten Krankheitsbilder haben bei beiden Geschlechtern verschiedene Manifestationen und treten in verschiedenen Lebensabschnitten auf. 30 Prozent der Frauen erleiden einen Herztod – bei Männern steht der Herztod mit 26 Prozent „nur“ an zweiter Stelle. Herzinfarkte treffen Frauen in der Regel zehn Jahre später als Männer.

 

Besteht hier ein Zusammenhang mit dem weiblichen Hormonhaushalt?

REGITZ-ZAGROSEK: Sicherlich spielt der Beginn der Menopause eine Rolle – so wie bei anderen Krankheiten, der Osteoporose oder Depressionen, auch. Aber die Frau erlebt während der Schwangerschaft auch ein natürliches Herztraining. Das Herz arbeitet intensiver und wird in dieser Zeit um etwa 30 Prozent größer. Danach bildete sich der Herzmuskel langsam zurück. Erst nach der Produktionsphase steigt das Risiko eines Infarktes.

 

Kann man also sagen, dass Frauenherzen anders schlagen?

REGITZ-ZAGROSEK: Ja, das kann man durchaus so sagen. Schlaganfälle, Angina pectoris, akute Koronarsyndrome und Infarkte bei offenen Kranzarterien sind bei Frauen häufiger als bei Männern. Geschlechtsunterschiede finden sich auch bei der Häufigkeit der nicht-obstruktiven koronaren Herzerkrankungen bei Frauen. Ebenso gibt es Unterschiede bei der Herzinsuffizienz – sie tritt bei Frauen weit häufiger auf. Es überwiegt die diastolische Dysfunktion, der Herzmuskel ist weniger dehnbar. Die Diagnose ist sehr schwierig, es gibt keine Leitlinien, das EKG ist nicht aussagekräftig genug. Einige spezielle Syndrome – Tako Tsubo Kardiomyopathien – treten zu 90 Prozent bei Frauen auf und sind vor allem stressinduziert. Auch Diabetes mellitus bedeutet für Frauen ein fünffach höheres Risiko für koronare Herzerkrankungen als für Männer.

 

Wie unterschiedlich wirken Medikamente?

REGITZ-ZAGROSEK: Ein typisches Beispiel dafür ist die Aspirin-Story. Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure kann Männer vor Schlaganfall und Herzinfarkt schützen. Bei Frauen wurde das vorerst nicht untersucht. Jetzt weiß man, dass der Wirkstoff vorbeugend gegen Schlaganfall wirkt, nicht aber die Gefahr eines Infarktes reduziert. Vorsicht ist bei der Gabe von Digitalis angebracht. Es führt bei Herzinsuffizienz im Vergleich zur Placebo-Gruppe zu einer „Übersterblichkeit“ bei Frauen. ACE-Hemmer wurden vor allem an Männern getestet und führen hier zu einem signifikanten Rückgang der Mortalität. Sie bringen auch Frauen Vorteile – allerdings mit mehr Nebenwirkungen. Auch bei Gerinnungshemmern müssen Frauen mit mehr Blutungskomplikationen rechnen. Da Frauen in klinischen Studien immer noch unterrepräsentiert sind, werden schlechtere Ergebnisse und Nebenwirkungen bei Frauen zu wenig beachtet.

 

Gibt es im Alltag Gender-spezifische Unterschiede bei der Therapie?

REGITZ-ZAGROSEK: Frauen kommen oft erst später in den Genuss von Spitzentherapien. Bei Myokardschäden etwa werden bedeutend mehr Männer als Frauen stationär aufgenommen – 2007 waren es in Österreich 10.082 Männer und 6.605 Frauen. Es zeigt sich immer wieder, dass Frauen bei gleicher Diagnose und gleichem Risikoprofil weniger intensiv behandelt werden. Bemerkenswert ist, dass Interventionen vor allem bei jüngeren Frauen in der Regel mit größeren Risiken einhergehen als bei Männern. Das gilt unter anderem für Bypass-Operationen, für Schrittmacher, ICD-Implantationen und mechanische Kreislaufunterstützungen.

Unterschiede zwischen Mann und Frau manifestieren sich aber auch im Krankheitsbewusstsein, im Krankheitsverhalten und in den beeinflussenden Rahmenbedingungen. Hier besteht noch großer Forschungsbedarf. Zudem sollten neue Erkenntnisse bei der Ausbildung der Ärzte stärker berücksichtigt werden.

 

Das Gespräch führte Dr. Gerta Niebauer

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