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Für das bessere Verständnis von Männern und Frauen sorgte der deutsche Komiker Mario Barth mit seinem Langenscheidt-Wörterbuch Frau-Deutsch, Deutsch-Frau (ISBN: 9783468731228). Anscheinend ist aber auch das Verständnis der Pharmaforschung für das weiblich
 
Gendermedizin 9. September 2009

Jung, männlich, Maus

Das weibliche Geschlecht wird in der medizinischen Forschung häufig ignoriert.

Männer sind anders – Frauen auch. Dieser Bestsellertitel von John Gray bildete das Leitmotiv für die Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer „Gender Pharmazie – Gender Medizin“. In Pörtschach wurden die geschlechtsabhängigen Wirkabweichungen verschiedener Therapien diskutiert. Die geschlechtsspezifische Medizin fordert, dass alle Ergebnisse der Medizinforschung auf ihre Richtigkeit für beide Geschlechter geprüft und ihre Auswirkungen auf Geschlechtsunterschiede dokumentiert werden.

 

„Nicht eine Gleichbehandlung von Männern und Frauen, sondern eine gleichwertige Berücksichtigung der Realitäten und Bedürfnisse beider Geschlechter ist das Ziel der Genderforschung“, erklärte der wissenschaftliche Leiter der Fortbildung, Prof. Mag. pharm. Dr. Eckhard Beubler von der Medizinischen Universität Graz zu Beginn der Sommerakademie in Pörtschach.

Labormäuse sind männlich

Geschlechtsunterschiede waren bis vor etwa 15 Jahren auf biologische Faktoren beschränkt und konzentrierten sich auf das reproduktive System. Das Umdenken begann, als die FDA mit der Publikation Guidelines for the Study and Evaluation of the Gender Differences in the Clinical Evaluation of Drugs forderte, bei der Arzneimittelentwicklung Patienten beiderlei Geschlechts einzubeziehen und nach signifikanten Unterschieden zwischen Männern und Frauen zu suchen.

Während in den USA bei Studien für Medikamente mittlerweile 40 Prozent Frauen vorgeschrieben sind, gibt es in der EU keine Vorgaben. Das bedeutet, dass in Europa einige Medikamente nur an Männern getestet werden. Das wiederum könnte man so deuten, dass etwa ein Herzinfarkt bei einer Frau nicht richtig behandelt wird. Trotzdem werden die meisten Tests für die Zulassung von Medikamenten noch immer an jungen, männlichen Mäusen durchgeführt.

Der Herztod ist weiblich

„Eine Frau muss erst beweisen, so herzkrank zu sein wie ein Mann, um dieselbe Behandlung zu erhalten“, erklärte „The Yentl Syndrome” (B. Healy, New England Journal of Medicine, Vol.325 No 4, 274-276, 1991).

Obwohl sich in dieser Hinsicht bereits viel geändert hat, ist der Herztod noch immer männlich besetzt. Die Zahlen widerlegen das eindeutig. Der Herztod als Todesursache erreichte, laut Statistik 2006, bei Frauen 30 Prozent, bei Männern 26 Prozent. Dazu kommen noch Kreislauftodesfälle: 20 Prozent bei Frauen, aber bedeutend weniger, nämlich zwölf Prozent, bei Männern. Prof. Dr. Margarethe Hochleitner, Vizerektorin der Medzinischen Universität Innsbruck, sieht die Ursachen für diesen Unterschied nicht nur in den physiologischen Unterschieden der Frau, sondern auch aus der Gender-Perspektive. „Alle wissenschaftlichen Untersuchungen für Frauen brauchen einen längeren Weg bis zur Spitzenmedizin, und auch die medizinischen Anwendungen sind geringer“, erklärte die Kardiologin anlässlich der Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer. Im Zeitraum von 1995 bis 2000 hat die Zahl der Frauen, die an einer Herzkrankheit verstarben, um 9,5 Prozent zugenommen, bei den Männern hat sie um 9,5 Prozent abgenommen. „Diese dramatisch einseitige Entwicklung kann nicht einfach akzeptiert werden und ist nicht ausschließlich durch das Ansteigen der Lebenserwartung der Frau erklärbar“, betonte Hochleitner.

Die Herz-Risikofaktoren gelten für Frauen und Männer in unterschiedlichem Ausmaß. So wirkt sich bei der Frau ein Diabetes mellitus um das Fünf- bis Siebenfache gravierender aus als beim Mann. Die Zahl der Raucherinnen nimmt zu, die der rauchenden Männer ab. Männer sind körperlich aktiver (über 31 Prozent) als Frauen (23 Prozent).

Deutliche Unterschiede gibt es auch im Bereich des Lebenstils

„Im Bereich Lifestyle-Änderungen ist noch sehr viel zu tun, es sind vor allem auch geschlechtsspezifische Untersuchungen gefragt. Deutlich mehr betrifft das die medikamentöse Therapie. Wir wissen inzwischen, dass es hier deutliche Geschlechtsunterschiede gibt. Auch über die Präventivtherapien wissen wir sehr wenig, und wenn, dann nur aus Meta-Analysen. Gerade aufgrund der Häufigkeit von koronaren Herzerkrankungen ist hier die Prävention vorrangig“, forderte Herzspezialistin Hochleitner.

 

Von Dr. Gerta Niebauer, Ärzte Woche 37 /2009

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