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So sehen sich Männer am liebsten: kraftstrotzend, viril und sichtlich gesund. Ist die Realität anders, wird sie so lange wie möglich geflissentlich ignoriert.
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Mag. Romeo Bissuti Psychologe und Leiter von MEN, einem Gesundheitszentrum für Männer und Burschen im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital

 
Allgemeinmedizin 27. Juni 2009

Männer müssen motiviert werden

Vom Umgang mit dem „starken“ Geschlecht in der Ordination.

Männer kommen in die Ordinationen niedergelassener Ärzte oft erst dann, wenn Krankheitssymptome unübersehbar geworden sind. „Seinen Mann stehen“ wird bei vielen Männern auch dahingehend interpretiert, dass ihre Anwesenheit am Arbeitsplatz immer erwartet wird, egal wie gesund oder krank sie sind. Und Überstunden sind natürlich selbstverständlich.

 

Über die eigene Krankheit zu sprechen, das wird von einigen Männern als Zeichen der Schwäche gesehen. Dies gilt insbesondere im Fall von unspezifischen Symptomen oder psychischen Problemen.

„Untersuchungen zeigen, dass Gespräche mit Medizinern am längsten dauern, wenn Ärztinnen mit Frauen reden. Die kürzesten Gespräche finden zwischen Ärzten und männlichen Patienten statt“, berichtet Mag. Romeo Bissuti, Psychologe und Leiter von MEN, einem Gesundheitszentrum für Männer und Burschen im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital.

Ursachen hierfür ortet er in der männlichen Angst vor Nähe oder der Furcht, zu viel von sich preiszugeben. Umso wichtiger sei es, bei Gesprächen mit Männern eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen. Dabei finde eine Gradwanderung statt: zwischen dem direkten Ansprechen von Problemen und geschickt den Männern einen Raum zu lassen, um eigene Themen einzubringen. Viele Männer neigten dazu, sich nur anlassbezogen um die Gesundheit zu kümmern. Aber auch ein tragischer Fall im nahen sozialen Umfeld könne ein Anlass sein, für die eigene Gesundheit sensibilisiert zu werden.

Nicht jeder ist Clint Eastwood

Es gibt das Klischeebild: Männer sprechen nicht viel, schon gar nicht über ihre Gesundheit. Doch dem widersprechen Bissutis Erfahrungen im Zentrum MEN – aber auch andere Projekte, die sich mit verschiedenen Themen direkt an Männer wenden. Es gelte, Interesse am Gespräch zu zeigen – nicht etwa Freude, dass so wenig der eigenen kostbaren Zeit in Anspruch genommen wird. „Männersprache“ werde dabei teils mit einer Ausdrucksweise verwechselt, die von technischen Begriffen und Fachwörtern wimmelt, auch, um die eigene Kompetenz unter Beweis zu stellen. Ein wichtiges Thema dabei: Gerade an männliche Ärzte gebe es die starke Erwartung, zu allem und jedem eine schnell umsetzbare Patentlösung zu bekommen, am besten im Form eines „Pulverls“, das, zwischendurch geschluckt, rasch die Rückkehr in den „Alltag“ ermöglicht. Denn man(n) soll/will ja möglichst schnell wieder „funktionieren“. Wobei es immer mehr Männer gebe, die nach anderen Formen eines männlichen Lebensstils suchen.

Zwischen Beruf und dem Rest des Lebens

„Dabei werden öffentlich zugängliche Gesundheitsstraßen oder Gesundenuntersuchungen von Männern sehr gut angenommen“, berichtet Bissuti, die Schwellenangst ist dort scheinbar geringer. „Auch in der Ordination ist es wichtig, Männer dort abzuholen, wo sie gerade sind. Also etwa in der Spannung zwischen dem Beruf und dem Rest des Lebens. Denn Vereinbarkeit ist auch ein typisches Männerthema.“ Bissuti verweist auf aktuelle Männerstudien, die das Interesse von Männern an Gesundheit und einem gesunden Lebensstil zeigen.

Manchmal ist es für Männer durchaus schwierig, sich in der intimen Situation der Arztpraxis zu öffnen. Ein zuvor besuchter Vortrag kann hier als Eisbrecher fungieren.

„Wir haben sehr positive Erfahrungen mit speziell für Männer initiierten Vorsorgeprojekten. Angesprochen fühlen sich dabei auch Männer mit Migrationshintergrund“, weiß Bissuti. Er hält es für wichtig, bewusst die positiven Aspekte eines gesunden Lebensstils anzusprechen. „Denn Männer wissen ja selbst, dass sie mit weniger Tabak und Alkohol bzw. bei bewusster Ernährung sich besser fühlen und im Alltag sicherer auftreten.“

Der Mann ist im Mittelpunkt

Oft wird gesunder Lebensstil nur mit Verzicht assoziiert oder er erscheint mit den Gegebenheiten des Alltags unvereinbar. Das Motto lautet daher: Je konkreter, desto besser! Wobei schon mit kleinen Schritten viel erreicht wird. Wichtig ist die Integrierbarkeit in den persönlichen Alltag und der Zugang zu weiterführenden Informationen oder Beratungsangeboten. „Oft werden Männer nur defizit-orientiert angesprochen. Das schreckt ab, viele Männer werden davon abgestoßen. Wir müssen die Ressourcen der Männer sehen und aktivieren“, so Bissuti.

Manchmal würden Männer auch von ihren Lebenspartnerinnen zum Besuch beim Arzt motiviert oder/und begleitet. Direkter Ansprechpartner müsste aber immer der Mann bleiben, auch wenn es sich um einen heranwachsenden Burschen handelt oder einen älteren Mann, der auf seine Umgebung nicht mehr ausreichend „kompetent“ wirkt.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 26 /2009

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