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Gendermedizin 30. April 2008

Mehr als nur Bikini-Medizin

Auch wenn die Kunde von der abweichenden Symptomatik des Herzinfarkts bei Frauen schon ein wenig angegraut wirkt – die Gender-Medizin steht erst an ihrem Anfang. Geschlechtsspezifität bezieht sich aber nicht nur auf Diagnose und Therapie. Gender-Mainstreaming im ärztlichen Bereich bedeutet auch, dass Frauen und Männern ein befriedigendes Arbeiten als Mediziner und Medizinerinnen ermöglicht wird.

Kaum zu glauben: Mit dem Jahr 2008 ist die Zeit endlich reif für die erste Jahrestagung zur geschlechtsspezifischen Medizin. Die Berücksichtigung des „kleinen“ Unterschieds zwischen Mann und Frau, in biologischer und sozialer Hinsicht, ist freilich hoch an der Zeit.
Allzulange bediente sich die medizinische Forschung faktisch nur männlicher Probanden. Außer den Medikamenten für die „Bikini-Medizin“, die sich mit Brust, Gebärmutter und Eierstöcken beschäftigt, sind die Arzneien am „Normstudienobjekt“ Mann kalibriert. Aber Frauen sind in vielerlei Hinsicht anders als ihre männlichen Artgenossen, betonten die beiden Vorsitzenden der im Vorjahr gegründeten Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin (ÖGGSM), Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek und Dr. Michael Eisenmenger unisono. So wurde etwa erst nach Einführung der HIV-Therapie in den 90er Jahren in den Vereinigten Staaten erkannt, dass die Medikamentendosis für Patientinnen zu hoch war und die Frauen deshalb doppelt so häufig an Nebenwirkungen litten. In der Orthopädie sind Knie- und Hüftgelenkprothesen an männliche Patienten angepasst. Und Herz-Kreislaufmedikamente wirken signifikant verschieden, je nachdem, ob Frauen oder Männer sie schlucken. Digitalis: höhere Mortalität; Sotalol und Verapramil: Torsades de Pointes; ACE-Hemmer: mehr Husten; Acetylsalicylsäure: kein Effekt in der Primärprävention des akuten Koronarsyndroms bei Frauen.

Frauenkrankheit Herzinfarkt

Die Kardiologin Strametz-Juranek erinnerte daran, dass die Sterblichkeitsrate für Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems im Jahr 2006 laut Statistik Austria bei Frauen 49 Prozent betrug, während sie bei Männern beim geringeren Wert von 38 Prozent lag. Weil der Myokard-Infarkt bei Frauen im Schnitt um zehn Jahre später auftritt als die typische „Managerkrankheit“ der Männer, gewinnt die zunehmend steigende Lebenserwartung an Bedeutung. Nicht zuletzt weil es vor allem die Frauen sind, die ein hohes Alter erreichen. Strametz-Juranek: „Wir brauchen eine spezielle Forschung für die Bedürfnisse von alten Frauen.“ Außerdem, meint die Medizinerin, wird auf diesem Gebiet eine Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) eingegangen.

Benachteiligte Männer

„Mann sein ist an sich schon ein Risikofaktor für eine frühe Sterblichkeit“, rückt Dr. Michael Eisenmenger die Benachteiligung seiner Geschlechtsgenossen ins rechte Licht. Die Gründe lägen schon in der Biologie, an den Chromosomen und am typisch männlichen Verhalten. Und eine Benachteiligung gäbe es laut Eisenmenger auch in der medizinischen Forschung – denn es werde mehr Geld für die Erforschung von Brustkrebs ausgegeben, als für das Prostata-Karzinom. Erschwerend käme hinzu, dass Mann und Arzt auf Kriegsfuß ständen. Männer nehmen etwa das Angebot der Vorsorgeuntersuchung deutlich seltener in Anspruch als Frauen. Aber, so Eisenmenger: „Männer haben einen ,Trojaner‘ für ihr Gesundheitsbewusstsein, die Erektile Dysfunktion (ED)“. Rund 30 Prozent der Männer im Alter zwischen 30 und 50 Jahren gaben auf Anfrage an, bereits Probleme gehabt zu haben, eine ausreichende Erektion zu erlangen oder aufrecht zu erhalten.
Die bekannten Risikofaktoren für ED, Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Diabetes mellitus und Rauchen, sind die gleichen wie für den Herzinfarkt. Nur dass sie beim männlichen Geschlechtsorgan früher zum Versagen führen. Eisenmenger: „So gesehen ist der Penis die Antenne des Herzens.“ Urologen und Kardiologen sollten zusammenarbeiten und Lebensbedrohliches verhindern. Aber auch geschlechtsspezifisches Verhalten, sowohl von Patientenseite als auch ärztlicher Seite, hätte einen großen Einfluss, betonte Dr. Ingrid Pichler, Vorstandsmitglied der ÖGAM. So müsste die Wahrnehmung der geschlechtsbedingten Einflüsse auf das Kommunikations- und Untersuchungsverhalten geschult werden, um Unter- und Fehlbehandlungen zu vermeiden.
Mag. Sandra Steinböck von der Stabsstelle Gender Mainstreaming der MedUni Wien erzählte, dass ab dem Frühjahr 2009 ein Hochschullehrgang zum Thema Gender-Medizin starten wird. Steinböck: „Es ist eine wichtige Aufgabe der Gesellschaft, interdisziplinär und fachübergreifend genderspezifische Aus- und Weiterbildung anzubieten und zu fördern.“

Inge Smolek, Ärzte Woche 18/2008

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