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Allgemeinmedizin 20. Februar 2008

"Endlich eine Frau, die sich das zutraut!" (Teil 7)

Sie musste die größte gynäkologische Operation „zur Probe“ durchführen, bevor man sie zum Abteilungsvorstand im Kaiser Franz Josef Spital kürte: Dr. Karoline Kahn bestand die Prüfung mit Bravour und erntete dafür Spott und Häme.

 OP-Saal
Dr. Karoline Kahn im Operationssaal: „Wertheim unter Beobachtung“.

Foto: Privat

Im Gespräch mit der Ärzte Woche berichten Dr. Karoline Kahn, die seit 1994 in Pension ist, und Dr. Peter Kahn, Internist und Nuklearmediziner und seit mehr als 50 Jahren ihr Ehemann, über den Wirbel um ihre Bestellung zur Primaria, über die Wichtigkeit einer gleichberechtigten Partnerschaft und warum es sinnvoll ist, wenn Mutter und Vater sich auf die Geburt vorbereiten.

Warum wollten Sie Ärztin werden?
Karoline Kahn: Das wollte ich ursprünglich gar nicht. Meine Mutter wollte, dass ich Kinderärztin werde. Ich wollte eigentlich lieber Mathematik studieren. Bei der Immatrikulation 1950 habe ich mich dann aber doch für die Medizin entschieden. Nach der Promotion 1957 habe ich mich für einen Ausbildungsplatz auf der Gynäkologie im Kaiser Franz Josef Spital beworben. Die Wartezeit betrug damals vier Jahre, also absolvierte ich meinen Turnus zum praktischen Arzt und stieg dann in die Ausbildung ein. Ich wollte unbedingt in ein chirurgisches Fach, die große Chirurgie war aber damals für Frauen unmöglich – also wurde es die Gynäkologie.

Und nach der Ausbildung?
Karoline Kahn: Ich blieb als Dauersekundarärztin, ich glaube, das gibt es heute gar nicht mehr, am KFJ. Und als ein Oberarztposten frei wurde, habe ich mich – damals schon unter Prof. Grünberger – darum beworben. Als über die Stelle entschieden worden war, lag ich gerade – frisch operiert – im Krankenbett. Mein Chef hat mich aufgesucht und gesagt: „Naja, ich weiß schon, dass Sie gut operieren können. Aber die Frauen habe ich nicht so gern in meinem Fach.“ Die Stelle habe ich trotzdem bekommen. Ich war dann zehn Jahre Oberärztin bei ihm – bis er in Pension gegangen ist. Da hat er mich dann gefragt, ob ich mich nicht um seine Nachfolge bewerben will. Und das habe ich dann auch getan.

Da ging dann der Wirbel los?
Karoline Kahn: Das kann man wohl sagen. Ich war unter allen Bewerbern nicht nur die einzige Frau, sondern auch die einzige Nicht-Klinikerin. Politische Einflussnahme (die damalige Frauenministerin Johanna Dohnal befürwortete die Bestellung Kahns; Anm. der Red.) war noch das Geringste, das mir vorgeworfen wurde. Johanna Dohnal hat übrigens angesichts meiner Bewerbung gesagt: „Gott sei Dank! Endlich eine Frau, die sich das zutraut!“ Die Medien haben geschrieben, ich würde die Position aus politischen Motiven erhalten, ich sei eine schlechte Ärztin etc. Mitten in dem ganzen Trubel kam mein Chef – der mir übrigens ein glänzendes Zeugnis für meine Bewerbung geschrieben hat – zu mir und sagte: „Die wollen, dass Sie einen Wertheim operieren, unter Beobachtung! Sind Sie dazu bereit?“ Und ob ich das war! Ich hatte diese Operation schon oft durchgeführt, zum Unterschied von vielen Klinikern. Mein Beobachter war der damalige Leiter der Semmelweisklinik, Alfred Rockenschaub. Der sagte nach dieser Operation zu mir: „So schön wie bei Ihnen habe ich das überhaupt noch nie gesehen!“ Damit war diese Sache dann auch erledigt.

Wie sind Sie mit all den Anwürfen umgegangen?
Karoline Kahn: Es war eine schwierige Zeit. Ich konnte nächtelang nicht schlafen, habe auch überlegt, Klage zu erheben. Aber der alte Dr. Stern (ein legendärer Wiener Rechtsanwalt, Anm.) hat mir davon abgeraten. Er hat zu mir gesagt: „Schauen Sie, sitzen Sie das aus – in sechs Monaten ist das alles vorbei!“

Und hatte er Recht?
Karoline Kahn: Ja. Ein halbes Jahr nach meiner Bestellung war Ruhe.
Peter Kahn: Ich habe mich über die Bewerbung meiner Frau gefreut und habe sie bewundert, weil sie so tüchtig war und ihren Kopf durchgesetzt hat. Ich habe ihr das natürlich zugetraut und sie bestärkt. Ich war mir sicher, sie wird diese Schmutzkübelkampagne vertragen, ohne einen Schaden davon zu tragen. Alle Artikel, die nach ihrer Bestellung erschienen sind, waren übrigens voll der Bewunderung für die Arbeit meiner Frau.

Wollten Sie in dieser Zeit jemals aufgeben?
Karoline Kahn: (überzeugt) Nein. Nie. Ich war entschlossen, das zu machen und nur weil da jetzt böse Leute auf mich losgehen, gebe ich sicher nicht auf, justament nicht. Zudem ist mein Team an der Abteilung felsenfest hinter mir gestanden. Alle haben mich bestärkt. Außerdem weiß man ja nie, welcher Chef nachkommt – da habe ich mir gedacht, es ist gescheiter, ich mach das selbst. 1980 habe ich meine Ordination im fünften Bezirk in Spitalsnähe eröffnet.

Sie haben nach dem Studium eine Tochter bekommen – war der Spagat zwischen Kind und Job schwierig?
Karoline Kahn: Nein, weil mein Mann und ich uns das immer aufgeteilt haben. Wenn ich Nacht- oder Wochenenddienste hatte, hat er unsere Tochter versorgt. Das war problemlos.
Peter Kahn: Wissen Sie, wenn man eine Harnprobe analysieren kann, kann man auch Essen für die Tochter machen, wickeln, füttern und spazieren gehen. Das ist wirklich keine Hexerei.

Hatten Sie je das Gefühl, aufgrund Ihres Frau-Seins benachteiligt zu werden?
Karoline Kahn: Eigentlich nicht, obwohl mir natürlich schon bewusst war, dass ich die erste Primaria einer Gynäkologie im gesamten deutschen Sprachraum war. Und es war natürlich auch klar, wenn ich meine Position halten will, muss ich mehr arbeiten und fleißiger und besser sein als die männlichen Kollegen, um die gleiche Anerkennung zu erhalten.

Auf welche Erfolge sind Sie stolz?
Karoline Kahn: Wir haben die sanfte Geburt propagiert und damals schon mit Moxibution, Akupunktur und Homöopathie gearbeitet. Wir haben auch die Väter erstmals zur Geburt zugelassen. Als der erste dann allerdings wie ein Stück Holz umgefallen ist, und wir nicht wussten, um wen wir uns zuerst kümmern sollten, um die Mutter, den Vater oder das Kind, haben wir begonnen, Vorbereitungskurse für Mütter und Väter abzuhalten. Wir hatten eine sehr niedrige Sectiorate, sie lag bei vier Prozent, darauf bin ich auch stolz. Und in den 90er Jahren habe ich begonnen, eine Wechselambulanz aufzubauen, da haben uns die Frauen fast die Tür eingerannt. Wir hatten so großen Zulauf, wir mussten ein eigenes Institut aufmachen. Das existiert heute noch, inklusive Kassenverträgen, darauf bin ich auch stolz. Ebenfalls zu Beginn der 90er Jahre begannen wir die endoskopischen Operationstechnik einzuführen.

Woher haben Sie sich die Kraft für Ihre Arbeit geholt?
Karoline Kahn (blickt ihren Mann an): Aus meiner Familie. Und natürlich auch aus meinem Team im Krankenhaus, das immer 100-prozentig hinter mir gestanden ist.

Was raten Sie jungen Kolleginnen, die Karriere in der Gynäkologie machen wollen?
Karoline Kahn: Dranbleiben, durchsetzen, bemühen, nicht locker lassen. Um Gespräche mit dem Vorstand bitten, seine Ansichten deponieren, wissenschaftlich arbeiten, um Unterstützung bitten – von nichts wird nichts.

Führen Frauen anders als Männer?
Kahn: Auf jeden Fall. Ich glaube schon, dass Frauen in meinem Fach mehr Einfühlungsvermögen haben. Ich kenne genug Kollegen, die das nicht so haben. Und es gehört Teamgeist dazu. Ich glaube auch, Frauen haben eher Verständnis für familiäre Situationen als Männer.

Wie sehen Sie aus heutiger Sicht (Dr. Kahn ist seit 14 Jahren in Pension) auf Ihre Karriere zurück?
Karoline Kahn: Sehr positiv. Ich freue mich, dass ich das gemacht habe, dass ich nichts Schreckliches erlebt habe und ich freue mich über mein wunderbares Team. Eins habe ich noch vergessen: Anlässlich meiner Pensionierung habe ich das Goldene Verdienstzeichen der Stadt Wien erhalten. Eine Würdigung meiner Arbeit – das war ein guter Abschluss.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 8/2008

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