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Allgemeinmedizin 7. Februar 2008

Unermüdliche Streiterin (Teil 5)

27-mal hat sich Prof. Dr. Margarethe Hochleitner seinerzeit um einen Ausbildungsplatz an der Innsbrucker Universitätsklinik für Innere Medizin beworben. Hartnäckigkeit scheint der renommierten Kardiologin und Vizerektorin der Medizinischen Universität Innsbruck bereits in die Wiege gelegt worden zu sein.

Im fünften Teil unserer Serie erzählt die Internistin Margarethe Hochleitner, warum ein Platz hinter dem Kachelofen Auswirkungen auf die Berufswahl haben kann, wie ein Schrittmacher ihre Karriere förderte und wieso Krimis ein Stimmungsbarometer sind.

Wann hatten Sie zum ersten Mal den Wunsch, Ärztin zu werden?
Hochleitner: Da war ich ungefähr drei Jahre alt. Mein Vater war Kinderarzt. Ich habe mich in seiner Praxis immer hinter dem Kachelofen versteckt und ihn bei seiner Arbeit beobachtet. Mich haben damals schon die Patientinnen und Patienten fasziniert.

Haben Sie aus Ihrem Elternhaus Unterstützung erfahren?
Hochleitner: Gar nicht. Meine Eltern waren strikt gegen ein Medizinstudium. Mein Vater wollte, dass ich Geschichte studiere, weil er sich das als junger Mensch nicht gestattet hatte. Meine Mutter – die aus einer Kaufmannsfamilie stammt – sah mich auf der Hochschule für Welthandel. Als ich 18 Jahre alt war, ist mein Vater gestorben. Ich habe während meines Studiums von der Waisenrente der Ärztekammer gelebt, mir nie etwas Neues zum Anziehen gekauft und schnell studiert. Dazu kamen auch einige Begabtenstipendien.

Wie haben Sie als Frau Ihr Medizinstudium erlebt (Hochleitner schloss ihr Medizinstudium 1975 ab)?
Hochleitner: Zu meiner Zeit war der Frauenanteil an den medizinischen Fakultäten gering. Das hat sich ausgewirkt: Bemerkungen wie: „Die Schönen heiraten sowieso!“ oder „Gehen Sie nach Hause und lernen Sie kochen!“ habe ich irgendwann einfach nicht mehr gehört. Schwierig wurde es, als ich mich um einen Ausbildungsplatz an der damals einzigen Universitätsklinik für Innere Medizin beworben habe. Erst nach 27 Bewerbungen – damals bei Prof. Dr. Herbert Braunsteiner – habe ich einen Ausbildungsplatz erhalten. Ich war damals regelrecht berühmt als die, „die der Braunsteiner nicht haben will“. Es wurde dann ein wenig leichter, ich war auf der Privatstation tätig und meine Patienten haben mich sehr gern gehabt. Das lief unter dem Motto: Solange die Patienten zufrieden waren, durfte ich dort dienen.

Warum haben Sie sich für Kardiologie entschieden?
Hochleitner: Das Herz-Kreislauf-System hat mich zeitlebens fasziniert. Als junge Ärztin war ich zudem von den technischen Möglichkeiten wie Herzkatheter und Herzschrittmacher begeistert. Ich habe mich dann auch mit einer neuen Schrittmacherindikation habilitiert, die heute in der Kardiologie anerkannt und etabliert ist. Ich war übrigens die erste Frau, die sich in Innsbruck für Innere Medizin habilitiert hat. Später war es der Gender-Aspekt, den ich spannend gefunden habe: Die Unterschiede, wie und wann Frauen und Männer Herzerkrankungen aufweisen, der unterschiedliche Umgang der Medizin mit herzkranken Frauen und Männern. Das hat mich interessiert, vor allem aber wollte ich die Benachteiligung, die Frauen auch hier ganz konkret erfahren, zum Thema machen.

Was war die Initialzündung für Ihr feministisches Engagement an der Fakultät?
Hochleitner: Ich wollte immer Medizin studieren, und ich war immer Feministin. Und ich wurde bereits als Kind dazu erzogen, mich zu engagieren. In meiner Familie waren zudem immer alle Frauen berufstätig, schon meine Urgroßmütter und Großmütter. Als ich in der Abteilung für Innere Medizin meine Ausbildung begonnen habe, gab es nur wenige Kolleginnen. Und erstaunlicherweise wurden es damals nicht mehr, sondern immer weniger. Das hat mich schon sehr dazu motiviert, hier etwas zu verändern. Auch alle Universitätsgremien waren – als ich begonnen habe, mich zu engagieren – frauenfrei. Ich dachte damals: In jedes Gremium muss unbedingt eine Frau, weil der weitere Frauen nachfolgen werden. Nichts da: Schlussendlich saß ich in den meisten Gremien, und wenn ich diese wieder verließ, wurde wieder ein Mann optiert.

Gab es Situationen, in denen Sie aufgeben wollten?
Hochleitner: Nein – den Gefallen wollte ich meinen Gegnern nicht tun. Ich bin jemand, den es nervt, Probleme festzustellen und dann nichts zu tun. Ich muss aktiv eingreifen und versuchen, Dinge zu ändern. Natürlich kann ich immer auch scheitern, aber dann kann ich wenigstens sagen: Ich habe es versucht.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihr Engagement und Ihre Tätigkeit?
Hochleitner: Bei meinen Patientinnen und Patienten. Hier erfahre ich das Gefühl, gebraucht zu werden, und erhalte emotionale Zuwendung. Ich gehe in der Früh auf Visite, die Patientinnen und Patienten freuen sich, mich zu sehen – das gibt es in keinem anderen Beruf. Das lässt durchaus auch Berufsärgernisse vergessen. Auch aus meinem Privatleben schöpfe ich viel Kraft. Ich lese gern und viel – das Eintauchen in ein gutes Buch eröffnet mir eine ganz andere Welt. Wenn es mir schlecht geht, lese ich Krimis. Oft merke ich erst retrospektiv, wie schwierig eine bestimmte Zeitspanne war, weil ich besonders viele Krimis gelesen habe.

Welchen Stellenwert hat ein ausgefülltes Privatleben für Sie?
Hochleitner: Einen sehr großen. Ein Privatleben musst du haben, sonst überlebst du den Job nicht. Das war mir immer möglich, weil ich keine Kinder habe. Ich musste nie diesen Spagat Karriere und Kind bewältigen. Ich wollte auch nie Kinder. Ich denke, mein Leben wäre deutlich schwieriger gewesen mit einem Kind. Obwohl ich sicher bin, es wäre mit Unterstützung meiner Mutter und bezahlter Hilfe möglich gewesen, wenn ich meine Meinung geändert hätte. Heute habe ich drei Patenkinder, die ich sehr mag.

Ihr Rat an junge Kolleginnen?
Hochleitner: Zwei Dinge sage ich jungen Ärztinnen in Ausbildung: Erstens: Habilitation oder Tod! Diese Entscheidung müssen sie sehr früh treffen. Ohne Habilitation ist eine Karriere heute einfach nicht mehr möglich. Zweitens: Versuchen Sie nicht, mit Männern zu konkurrieren, ohne sich auch deren Ressourcen zu versichern. Frauen haben nun einmal keine zuarbeitende Ehefrau, sondern müssen meist alles selbst erledigen. Unter dieser Doppelbelastung das Gleiche erreichen zu wollen wie Männer, ist idiotisch. Ich rate allen Frauen, so viele Leistungen wie möglich zuzukaufen, um sich freizuspielen: Haushaltshilfe, Kinderbetreuung, was immer möglich ist, um sich für ihre Arbeit Zeit und Ressourcen freizuschaufeln. Ich habe das immer getan.

Sie sind seit Oktober 2005 Vizerektorin für Personal, Personalentwicklung und Gleichstellung. Was sind Ihre Anliegen?
Hochleitner: Ohne auf den Arbeitsschwerpunkt, nämlich Personal, einzugehen, will ich – was den Bereich Gleichstellung betrifft – die Frauen an der Medizinischen Universität fördern. Das tun wir schon mit unserem Mentoring-Programm. Seit 1. Jänner 2007 haben wir ein Wiedereinsteigerinnenprogramm für Medizinerinnen. Damit können wir Frauen, die in Karenz sind, geringfügig anstellen und sie an die Klinik „binden“. Sie können alle Ressourcen nützen und können vermitteln: Ich bin auch weiterhin an der Klinik. Derzeit arbeiten wir an einer Bedarfskinderbetreuung, damit Ärztinnen ihre Kinder in guter Obhut wissen, wenn sich unvorhergesehene Betreuungslücken auftun. In der Ausbildung bekommt die Gendermedizin einen wichtigen Stellenwert, als Pflichtfach seit diesem Wintersemester und als Wahlpflichtfach seit drei Semestern. Ich versuche in dieser Position eine Gratwanderung: Ich möchte so viel wie möglich für die Frauen an der Medizinuniversität tun, ich möchte aber mit meinen Aktionen keine Aggressionen auf die Frauen ziehen, weil das kontraproduktiv wäre. Bisher ist das ganz gut gelungen, denke ich.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Hochleitner: Ich weiß es nicht, so weit plane ich nicht voraus. Ich denke aber, ich werde die gleichen Dinge tun, die ich jetzt tue: Frauenförderung betreiben, meine Projekte vorantreiben, netzwerken. Und privat: Ich liebe Italien, das Essen, die Luft, die Menschen, und ich bin sicherlich auch in zehn Jahren noch nicht so alt und gebrechlich, dass ich nicht mehr in dieses Land fahren kann.

 Zur Person

Sabine Fisch, Ärzte Woche 6/2008

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