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Neurologie 5. März 2017

Das Inkontinenz-Tabu

Leitungsstörungen. Bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson ist die Verbindung zwischen Hirn und Blase gestört. Die Harnblase wird durch Reflexe entleert, ohne dass dies zuvor durch Harndrang bewusst wird. Inkontinenz muss aber nicht das soziale Aus bedeuten.

Selbst Ärzte halten das Problem einer Harninkontinenz häufig für zu geringfügig und sehen eine kurative Behandlung weder als möglich noch als nötig an. Zuverlässige Fallzahlen sind schlichtweg nicht zu haben. Die Schätzungen belaufen sich auf eine Häufigkeit von 5 bis 50 Prozent der Bevölkerung. Sicher ist nur, dass das Problem aufgrund des demografischen Wandels zunehmen wird.

Anhand der Symptome unterscheidet die International Continence Society fünf Formen der Harninkontinenz: Dranginkontinenz, Stressinkontinenz, unbewusster Harnverlust ohne Harndrang, postmiktionelles Tröpfeln nach der willentlichen Blasenentleerung und kontinuierlicher Harnverlust. Zu begrifflicher Verwirrung führt gelegentlich die diagnostische Einteilung in vier Formen: Dranginkontinenz, Stressinkontinenz, Reflexinkontinenz und Überlaufinkontinenz. Hinzu kommen weitere Formen der Harninkontinenz wie Mischformen, die extraurethrale Inkontinenz, Lachinkontinenz, die überaktive Blase sowie die funktionelle Harninkontinenz.

Wenn ein Erwachsener unwillentlich Urin verliert, ist das prinzipiell eine Harninkontinenz. Die Symptome können sehr unterschiedlich ausfallen, von Harnträufeln bis zum schwallartigen Abgang. Es kann unaufhörlich oder nur in bestimmten Situationen passieren. Betroffene sind entweder nur eingeschränkt oder überhaupt nicht in der Lage, das Wasserlassen zu kontrollieren.

Häufig steht das Problem im Zusammenhang mit Harnwegsinfektionen. Diese können eine Inkontinenz anbahnen. Aber auch die Inkontinenz selbst kann den Nährboden für weitere Harnwegsinfekte bilden. Nicht zuletzt tragen auch das Trinkverhalten (Zeit und Flüssigkeitsmenge, Alkoholkonsum) und die Abläufe beim Toilettengang (Regelmäßigkeit, Schwierigkeiten, die Kleidung zu öffnen etc.) zu ungewolltem Urinabgang bei.

Ein ständiger Harndrang kennzeichnet Dranginkontinenz. Häufig wird dafür auch der englische Begriff Urgeinkontinenz verwendet (engl.: to urge = drängen). Die Patienten müssen bereits beim geringsten Harndrang die Toilette aufsuchen, um nicht einzunässen. Dementsprechend häufig lassen sie Wasser (Pollakisurie) und müssen dies auch nachts regelmäßig tun (Nykturie). Die sensorische Form: Bei dieser Dranginkontinenz sendet die gereizte Schleimhaut der Harnblase verstärkt Reize zum Wasserlassen ans Gehirn. Mögliche Auslöser sind Entzündungen, Steinleiden und Tumore. Motorische Form: Eine Überempfindlichkeit des Miktionszentrums im Gehirn aktiviert die Blasenentleerung schon bei normalem Füllzustand. Dies kann auch bei starker Aufregung geschehen, wenn man sich vor Schreck oder Angst in die Hose macht, oder bei seelischen Konflikten, die zu Bettnässen führen.

Die Übertragung von Nervenimpulsen ist für die Steuerung der Blase unerlässlich. Können die Meldungen von Gehirn oder Rückenmark nicht mehr zur Muskulatur der Harnblase gelangen oder liegt eine Leitungsstörung innerhalb des Gehirns vor, wird die Harnblase nur noch aufgrund von Reflexen entleert, ohne dass dies durch Harndrang bewusst wird. Diese Inkontinenzform findet sich bei neurologischen Erkrankungen wie Polyneuropathien, Rückenmark-Schädigungen, MS, Schlaganfall, Alzheimer- oder Parkinson-Erkrankung. Nach Schätzungen sind bis zu 5 Prozent der Erwachsenen von einer anorektalen Inkontinenz betroffen.

Der Originalbericht „Inkontinenz: Tabuthema Nr. 1“ ist erschienen in „Heilberufe“ 69/2017, DOI 10.1007/s00058-017-2660-7, © Springer Verlag

Der 11. Kontinenz-Stammtisch der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich findet am 16.05.2017, um 18.00 Uhr in Rohrbach statt. Interessenten bitte beim oö. Landesstellenteam der MKÖ melden:

www.kontinenzgesellschaft.at

 

Petra Schicketanz

, Ärzte Woche 10/2017

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