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Pulmologie 7. September 2016

Stress, der auf Lungen lastet

Asthma bronchiale. Ruhe in der Schwangerschaft führt zu gesünderen Kindern. Sagt der Hausverstand. Neu ist der Konnex zwischen vorgeburtlicher Entwicklung und respiratorischer Gesundheit.

Asthma bronchiale bei Kindern hat in den vergangenen Jahrzehnten ständig zugenommen und ist nun die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter. Vor der Diagnosestellung des Asthma fällt bei den Kindern Giemen auf, ein Symptom mit einer Prävalenz zwischen 2 und 32 Prozent. Das Auftreten von Giemen bereits im ganz jungen Lebensalter ließ den Verdacht aufkommen, dass nicht nur exogene Faktoren wie zum Beispiel die Luftverschmutzung daran wesentlichen Anteil haben, sondern die Grundlagen für diese Entwicklung bereits intrauterin gelegt werden.

Bei Verhaltensstörungen, ADHS, gestörter kognitiver Entwicklung und Diabetes mellitus wurden mittlerweile Assoziationen zwischen psychischen Belastungen der Mutter und der embryonalen und fetalen Entwicklung gefunden. Über Zusammenhänge zwischen der vorgeburtlichen Entwicklung und der respiratorischen Gesundheit wissen wir dagegen wenig.

Die Patienten und die Methoden

Durch eine Recherche in einschlägigen medizinisch-wissenschaftlichen Datenbanken mit den Stichworten „pränataler Stress“ und „Asthma“ oder „Giemen“ wurden die zwischen 1960 und November 2013 erschienenen Untersuchungen zu mütterlichen Stress in der Schwangerschaft und dem Auftreten von Asthma und Giemen im frühen Kindesalter gesammelt, die Daten extrahiert, qualitativ klassifiziert und metaanalytisch ausgewertet. Dabei berücksichtigte man nur Originalarbeiten, nicht dagegen Übersichtsartikel, Editorials oder Kommentare. Sofern keine näheren Angaben zum Stress der Mutter in der Schwangerschaft oder zur respiratorischen Morbidität der Kinder vorlagen, wurden alle Autoren der Studien per E-Mail kontaktiert, um mehr Informationen zu erhalten. Die methodische Qualität wurde anhand der Newcastle-Ottawa Scale (NOS) für nicht randomisierte Studien in Metaanalysen klassifiziert.

Die Ergebnisse

Die systematische Suche brachte 2.572 Treffer ohne Doubletten, von denen 2.175 allein aufgrund des Titels aus der Analyse ausgeschlossen werden konnten. Von den verbliebenen 397 Studien wurden 373 nach der Lektüre des Abstracts verworfen. 10 von 24 verbliebenen Studien wurden ausgeschlossen, da keine ausreichende quantifizierte Stressmessung der Mutter während der Schwangerschaft vorlag und/oder eine ungenügende Definition von Asthma und Giemen angewandt wurde.

Unter den verbliebenen 14 Studien fanden sich 3, die dasselbe Kollektiv untersuchten und eine mit ungenügenden Daten bzw. einer nicht erfolgreichen Kontaktaufnahme mit dem Autor. Somit verblieben letztlich nur 10 Studien für die formelle Metaanalyse.

Kinder, deren Mütter sich während der Schwangerschaft als stressbelastet bezeichneten, hatten im Vergleich zur Gruppe von Kindern ohne Stress in der Schwangerschaft ein um 56 Prozent erhöhtes Risiko, im Kindesalter Asthma, Giemen oder andere respiratorische Erkrankungen zu bekommen. In den Studien mit mäßiger Qualität lag die Odds Ratio bei 1,54, in den drei qualitativ hochwertigen Studien sogar bei 1,77.

Der Unterschied zwischen den Studien mit mäßiger und hoher Qualität war statistisch nicht signifikant, was einen methodischen Bias unwahrscheinlich macht. Eine Subgruppenanalyse entsprechend der Stressbelastung in den verschiedenen Schwangerschaftsperioden wurde versucht, war aber aufgrund der fehlenden Angaben bzw. geringe Zahlen nicht möglich. Nur in einer einzigen Studie wurde diese Frage adressiert mit dem Ergebnis, dass kein signifikanter Unterschied des Effekts der Stressbelastung im jeweiligen Trimester der Schwangerschaft festgestellt wurde.

Die Schlussbemerkung

Es handelt sich um den ersten systematischen Review und die erste Metaanalyse über die Assoziation zwischen vorgeburtlichen psychischen Stress der Mutter und der respiratorischen Gesundheit des Kindes. Obwohl sich die Datensammlung bis in das Jahr 1960 zurück erstreckte, erschien der erste Artikel zu dieser Frage erst im Jahr 2009. Zwischen 2009 und 2013 folgten weitere 13 Studien zu diesem Thema. Dementsprechend ist die Zahl der untersuchten Personen relativ klein. Viele Untersuchungen werden der komplexen Thematik nicht gerecht, da sowohl Stress in der Schwangerschaft wie auch Giemen und Asthma im frühen Kindesalter unscharf definiert und methodisch sehr heterogen zu erfassen sind. Daher haben die Autoren auch sehr strenge Kriterien für die Auswahl der Studien angelegt, was naturgemäß die Zahl der untersuchten Personen reduziert hat. Aber auch dieses Verfahren hat seine Grenzen.

Selbst die noch relativ einfache quantitative Erfassung von Stress in der Schwangerschaft sagt noch nichts aus darüber, inwieweit die werdende Mutter diesen Stressor tatsächlich als solchen empfunden hat und welche Coping-Mechanismen ihr aufgrund persönlicher Eigenschaften und des sozialen Umfelds zur Verfügung standen.

Gar keine Aussage lässt die Studie zur Frage zu, auf welche Weise bei den hier untersuchten Kindern gerade der Respirationstrakt durch die Stressbelastung der werdenden Mutter in der Schwangerschaft in Mitleidenschaft gezogen wurde. Über den Einfluss neuroendokriner, immunologischer, entzündlicher oder vaskulärer Pathomechanismen, welche die Lungenreifung, das Wachstum und die Funktion beeinträchtigen könnten, lässt sich trefflich spekulieren. Eines ist sicher: Eine Stressbelastung der werdenden Mutter kann sich ungünstig auf die embryonale und fetale Entwicklung auswirken; ob dabei ZNS, metabolisches System oder die Lunge betroffen sind, haben wir noch keineswegs verstanden.

Prof. Dr. Hermann Sebastian Füeßl ist als leitender Arzt des Somatischen Querschnittsbereichs am Klinikum München-Ost tätig.

Der Artikel basiert auf der Veröffentlichung „Prenatal maternal psychological stress and childhood asthma and wheezing: a meta-analysis“ in der Zeitschrift „European Respiratory Society“ 47 (1)/2016, DOI 10.1183/13993003.00299-2015, © ERS.

Hermann S. Füeßl

, Ärzte Woche 36/2016

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