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Reformer Gerard van Swieten (1700-1772).
 
Chirurgie 11. Mai 2016

Der Medicus von Wien

Gerard van Swieten – Arbeitstier und Vampirjäger bei Hofe.

Maria Theresia hatte viele Berater und Stützen, die ihre Reformen vorantrieben: Ihr holländischer Leibarzt Gerard van Swieten war einer von ihnen. Er modernisierte das Gesundheits- und Bildungssystem im Habsburgerreich.

Gerard van Swieten hätte es nicht nötig gehabt, nach Wien zu kommen. Seine Praxis in Leiden lief ausgezeichnet. Die wenigen Katholiken im protestantischen Land kamen in Scharen zu ihm, schätzten seine Hausbesuche und umsichtige Art. Der Vater von fünf Kindern lebte bescheiden und zurückgezogen. Auf große gesellschaftliche Feste hatte er keine Lust, lieber widmete er sich wissenschaftlichen Studien oder Vorlesungen, die er als Privatdozent hielt. Die Niederlande waren das Zentrum der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung in Europa. Das Gesundheits- und Bildungswesen in Wien war hingegen veraltet und in fester Hand des Jesuitenordens.

Schon einmal hatte er dem Wiener Hof eine Absage erteilt. Nun kam erneut ein Brief. Schmeichelnde Worte von Maria Theresia, wie sehr sie seine Arbeit schätze und dass sie ihm ihr Vertrauen und ihre Freundschaft schenke. Ihr Schreiben vom 8. Jänner 1745 hinterließ Eindruck. Monate zuvor hatte er ihre Schwester, Erzherzogin Anna Maria, in Brüssel behandelt. Sie lag nach einer Totgeburt im Sterben. Van Swieten konnte nichts mehr für sie tun. Dennoch hatte es sich Maria Theresia in den Kopf gesetzt, den Holländer, einst Schüler des berühmten Hermann Boerhaave, nach Wien zu holen. Ein belesener, gläubiger Katholik, humanistisch gebildet, schien für sie der richtige Mann zu sein, der eingefahrene Strukturen verändern konnte. Sie sollte Recht behalten.

Am 7. Juni 1745 trat er seine Stelle am Habsburger-Hof an – seine Familie siedelte mit. Gerard van Swieten avancierte schnell zu den einflussreichsten Menschen am Hof, bestätigt Monika Grass, Archivarin am Josephinum. „Van Swieten war nicht nur ‚Leibarzt‘, also einer der persönlichen Ärzte, sondern auch Protomedicus, Direktor der medizinischen Fakultät, Studiendirektor, Präfekt der Hofbibliothek und Vorsitzender der Bücherzensurkommission – er war in sehr viele Entscheidungen eingebunden.“ Maria Theresia übertrug ihm die Autorität über alle medizinischen Angelegenheiten. Gemeinsam mit einer Hebamme stand er ihr bei allen Entbindungen bei. Er wurde gerufen, wenn eines der vielen Kinder krank war. Das Verhältnis zu seiner Vorgesetzten war eng, das zeigt auch diese Anekdote: Bei einem gemeinsamen Essen ließ sich van Swieten einen Eimer bringen und warf immer die gleiche Portion hinein, die Maria Theresia gegessen hat. Auf ihre Frage warum er dies tue, soll er geantwortet haben: „So schaut es im Magen Ihrer Majestät aus“– eine Anspielung auf ihren korpulente Körper und den damit verbundenen Problemen.

Als problematisch lässt sich auch der Zustand der medizinischen Fakultät beschreiben. Dort gab es zu wenig Promotionen, die Studenten zog es ins Ausland, wo sie wesentlich billiger studieren konnten. In Wien war der Doktorhut einfach zu teuer. Zudem fehlte es an wichtigen Fächern. Van Swieten sah die Mängel und handelte schnell. Oder besser gesagt ungewöhnlich. Um Studieren anzulocken, hielt er im Vorsaal der Hofbibliothek leidenschaftlich Vorlesungen über Anatomie oder Arzneimittellehre und brachte reichlich Anschauungsmaterial mit.

Er hob die Chirurgie, die bisher ein Handwerk war in den Rang eines Lehrfaches. Studenten konnten einzelne Studienabschlüsse in unterschiedlichen medizinischen Bereichen erwerben, etwa das Doktorat der Medizin, das Doktorat oder Magisterium der Chirurgie sowie das Magisterium der Geburtshilfe. Die Ausbildung zur Geburtshilfe war zuvor nur den Hebammen vorbehalten gewesen, die sie in einer vierjährigen Lehrzeit absolvierten. Zusätzlich führte van Swieten einen Lehrstuhl für Chemie und Pharmazie ein, ließ physikalische und chemische Labors errichten sowie eine Sezierkammer. Er berief auch bedeutende Mediziner nach Wien. Zum Beispiel seinen einstigen Mitschüler Anton de Haen. Gemeinsam gründeten sie 1754 die „.1 Wiener Medizinische Schule“, welche Wien zum medizinischen Zentrum Europas machte.

Nach holländischem Vorbild gestalteten sie den Unterricht anschaulich und praxisnah: Studenten lernten anhand von Leichen oder direkt bei den Patienten am Krankenbett. Aus sämtlichen Wiener Spitälern wählten die Professoren täglich verschiedene Fälle aus, an denen Krankheiten exemplarisch besprochen wurden. Zu einer umfassenden medizinischen Ausbildung gehörte für den Reformer auch die Pflanzenkunde sowie das Extrahieren von heilenden Wirkstoffen.

Van Swieten war zielstrebig. Wenn es galt, seine aufklärerischen Pläne zu realisieren, bewies er Durchsetzungsvermögen, verhielt sich oft ungestüm, schreibt Hanne Egghardt in „Maria Theresia und ihre Männer“. Besonders mit den Kirchenvertretern focht er Konflikte aus. Als Vertreter des Staates versuchte er, sie aus ihren Funktionen im Universitätsbereich zu verdrängen.

Der Holländer galt als Arbeitstier, werkte bis zu zwölf Stunden. Aus Constantin Wurzbachs „Biographischen Lexikon des Kaiserthums Österreich“ sind Einblicke in seine Tagesordnung überliefert: van Swieten stand täglich um fünf Uhr morgens auf und fuhr nach sechs Uhr zu Hofe. Um Acht oder Neun kehrte er zurück, arbeitete bis Zwei, ging dann zu Tisch, nahm arme Kranke an und besorgte seine Amtsgeschäfte. Gegen sieben Uhr fuhr er erneut an den Hof, arbeitete bis Neun und legte sich nach zehn Uhr zu Bett. Dennoch fand er die Zeit, um Arabisch und Ungarisch zu lernen oder rätselhafte „Vampire-Fälle“ zu klären. Als Aufklärer kämpfte er vehement gegen jede Form des Aberglaubens, etwa an die Erzählungen von Untoten, die nachts Dorfbewohner heimsuchten und töteten. 1725 kam es erstmals in einem Ort in Südböhmen zu unerklärlichen Todesfällen. Als Dorfbewohner den Sarg eines frisch Bestatteten öffneten, war das Entsetzen groß: der Tote zeigte keinerlei Anzeichen von Verwesung. Als sich 1755 Fälle häuften, bei denen vermeintliche Untote durch Pfählen, Abschlagen des Kopfes oder Verbrennen beseitigt wurden, schickte Maria Theresia ein Ärzteteam in die Region. Van Swieten beauftragte sie, den Bericht zu kommentieren. Er bezeichnete die Vorgänge als „Barbarei der Unwissenheit“, führte aber noch weitere Studien durch. 1768 hält er in seinem Bericht „Vampyirismus“ fest, dass der ungewöhnliche Zustand der Leichen, wie rosige Haut, fülliger Leib und austretendes Blut, auf Boden, Temperatur und eine Brustkrankheit zurückzuführen sind. Als „Vampirjäger“ hatte van Swieten seine letzte große Rolle am Habsburger-Hof. 1772 starb er mit 72 Jahren an den Folgen einer brandigen Vereiterung.

Tipps

Anlässlich des 300. Geburtstags von Maria Theresia startet am 13. März 2017 eine Jubiläumsausstellung über das Leben und Wirken einer der bedeutendsten Herrscherpersönlichkeiten der europäischen Geschichte, www.mariatheresia2017.at

Literaturempfehlung: Hanne Egghardt: Maria Theresias Männer. Kremayr & Scheriau 2015, ISBN 978-3-218-00988-1.

Sandra Lumetsberger, Ärzte Woche 19/2016

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