zur Navigation zum Inhalt
© dpa
Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche („Also sprach Zarathustra“) litt vermutlich am „MELAS“-Syndrom.
 
Neurologie 5. April 2016

Der 3. Schlaganfall war fatal

Expertenbericht: Wiener Augenärztin untersuchte Tod von Friedrich Nietzsche.

Mit nur 45 Jahren wird dem Philosophen eine Lebenserwartung von maximal zwei Jahren vorausgesagt. Doch er lebt noch zehn weitere Jahre.

Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) war ein klassischer Philologe und Philosoph, der erst posthum weltberühmt wurde. Bereits im Alter von vier Jahren stellte ein Augenarzt bei Nietzsche ungleich große Pupillen fest und ein sehr unterschiedliches Sehvermögen der Augen. Ab elf Jahren litt er unter wiederholten Kopfschmerzen mit Erbrechen. Alle zwei bis drei Wochen traten entsprechende Episoden auf, die jeweils mehrere Tage anhielten.

Ab seinem 31. Lebensjahr intensivierten sich seine Probleme zusehends mit Schmerzen, Obstipation und Appetitlosigkeit. Die Kopf- und Augenschmerzepisoden verschlimmerten sich, er klagte über verschwommene Sicht, tränende Augen und Lidkrämpfe, später kamen starke Rückenschmerzen, Sprechstörungen, Bewusstseinsstörungen, Lähmungserscheinungen und Gangstörungen hinzu. Manchmal war er erregt, desorientiert, euphorisch oder aggressiv, hatte Wahnvorstellungen. Zwischenzeitlich war er dann wieder völlig klar, spielte Klavier, las und ging spazieren.

Die scheinbar nicht in Zusammenhang stehenden Symptome können eine gemeinsame Ursache haben: Das MELAS-Syndrom. Das Akronym steht für „Mitochondriale Enzephalopathie — Laktatazidose — Schlaganfall-ähnliche Episoden“. Mutationen der mitochondrialen DNA, die ausschließlich über die Mutter vererbt werden. Alle Symptome hat Nietzsche in den Jahren 1889 bis zu seinem Tode mit nur 55 Jahren durchgemacht. „Zuletzt war er gelähmt, dement und wahrscheinlich blind“, so Dr. Christiane Koszka, Augenärztin aus Wien. 1888 wird in Basel die Diagnose einer progressiven Paralyse gestellt. Bestätigt wird dies durch den Jenaer Psychiatrie-Professor Otto Binswanger (1862 bis 1929).Biswanger sagt dem 45-Jährigen eine Lebenserwartung von noch zwei Jahren voraus, dies entspricht der damaligen Prognose bei Neurosyphilis. Der klinische Verlauf lässt eine Syphilis unwahrscheinlich erscheinen. Wichtig ist der Blick auf die Familienanamnese: Nietzsches Mutter hatte ebenfalls eine Anisokorie. Mehrere Mitglieder der Familie mütterlicherseits litten an Migräne und psychiatrischen oder neurologischen Krankheiten. Drei Dinge sprechen aus Sicht von Koszka für das MELAS-Syndrom: Der Beginn der Erkrankung im Kindesalter, die hohe Wahrscheinlichkeit einer Vererbung des Leidens durch die Mutter und die typischen Symptome und Komplikationen.

1898 erleidet Nietzsche einen ersten Schlaganfall. An den Komplikationen eines dritten im August 1900 stirbt er.

Der ungekürzte Originalartikel „Friedrich Nietzsche – Eine seltene Hirnkrankheit“ ist erschienen in Heilberufe 68/2016, DOI 10.1007/s00058-016-2132-5, © Springer Verlag.

Thomas Meißner, Ärzte Woche 14/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben