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Leben 23. März 2016

Ötzi soll Stimme bekommen

Wie hat der letzte Schmerzensschrei des Gletschermannes kurz vor seinem Tod geklungen? Ärzte wollen das Geheimnis lüften.

Aussehen, Krankheiten, Essgewohnheiten – über Ötzi ist schon vieles bekannt. Nun will eine Gruppe von Forschern und Ärzte seine Stimme rekonstruieren.

Die letzten Minuten im Leben von Gletschermann Ötzi waren brutal: Ein Pfeil traf ihn von hinten, er blutete, hatte eine Kopfverletzung. Möglicherweise stieß er noch einen letzten Schmerzensschrei aus. Aber wie dieser vor 5.300 Jahren geklungen haben könnte, das weiß bis heute niemand. Die Eismumie gilt als eines der am besten erforschten Mordopfer der Welt –, doch seine Stimme hat noch niemand rekonstruiert. Das soll sich nun ändern: Eine Gruppe von Forschern und Ärzten will das Geheimnis lüften.

Das alles geschieht jedoch virtuell – der legendäre Eismann, der in der späten Jungsteinzeit lebte und 1991 im Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien gefunden wurde, bleibt in seiner gekühlten Igluzelle im Südtiroler Archäologiemuseum. Auf Basis von CT-Bildern soll die Rekonstruktion des Stimmkanals erfolgen. Hierbei werden die Wissenschaftler einige Herausforderungen zu bewältigen haben. Während der Knochenapparat sich relativ gut in 3D rekonstruieren lässt, sind Muskeln und Schleimhäute weniger gut fassbar, da diese Gewebekomponenten beim Ötzi natürlich geschrumpft sind. Von ihrer originalen Beschaffenheit hängt es aber ab, wie der Ton klingt, erklären die Forscher, die versuchen, die Stimme mithilfe von Software wiederherzustellen.

Ein weiteres Hindernis für die Ärzte ist Ötzis linker Arm, der über seinem Hals und damit auch über dem Stimmkanal liegt. Denn der Arm verhindert, dass die richtige Haltung des Zungenbeins gemessen werden kann, erklärt Francesco Avanzini, Projektleiter und HNO-Arzt des Ambulatoriums für Phoniatrie im Südtiroler Sanitätsbetrieb. Zudem sei klar, dass der Vokaltrakt kein starres Gebilde, sondern ständig in Bewegung ist und seine Form ändert. Dadurch verändert sich auch der Klang, und das wird aus einem starren CT schwer abzuleiten sein.

Bald erste Ergebnisse?

Schon in einigen Monaten hoffen die Forscher auf erste Ergebnisse ihres nach eigenen Angaben bislang weltweit einmaligen Projektes. „Es ist schwer vorherzusagen, aber wir vermuten, dass er – da er ein kleiner Mann war – vielleicht eine höhere Stimme hatte“, sagt Avanzini. Allerdings wird vermutet, dass Ötzi nicht viel anders geklungen haben kann als ein moderner Mensch. Denn sein Tod traf erst vor rund 5.000 Jahren ein und da ist in der Evolution im Bezug auf das Instrument Stimme nicht viel passiert.

Ganze Sätze soll Ötzi aber ohnehin nicht sprechen, da die Rekonstruktion der Sprache selbst nicht möglich sein wird, deshalb wird sich das Ergebnis auf Töne und Laute beschränken. Avanzini könnte sich gut vorstellen, dass beispielsweise der letzte Schmerzensschrei von Ötzi kurz vor seinem Tod zu hören sein wird. „Vielleicht ein „Ahhh“, als er vom Pfeil getroffen wurde, aber das werden wir sehen“, sagt er schmunzelnd.

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