zur Navigation zum Inhalt
 
Pulmologie 26. Oktober 2015

Viel Bewegung im Feld der Komponentendiagnostik

Expertenbericht: Konfusion und Komponenten – was macht in der pneumologischen Praxis Sinn?

Die Komponentendiagnostik hat viele Möglichkeiten mit sich gebracht, die Allergiediagnostik jedoch komplizierter gemacht und stößt langsam an ihre Grenzen: Es sind noch lange nicht alle notwendigen Allergenkomponenten kommerziell verfügbar, weshalb eine In-vitro-Diagnostik noch lange ihren Stellenwert behalten wird.

Die Diagnose von Immunglobulin E (IgE) vermittelten, Typ 1 allergischen Reaktionen beruht auf den drei Säulen: Anamnese, Hauttest und In-vitro-Test. Die Anamnese ist der wichtigste Faktor in der Diagnostik. Eine möglichst große Erfahrung des Arztes ist der bestimmende Faktor für die Sensitivität und Spezifität der Anamnese. Wichtige Hinweise ergeben sich aus den Fragen:

• Wann? (z. B. „ganzjährig“ gegenüber „saisonal“, „morgens“)

• Wo? (z. B. „Immer beim Betreten des Arbeitsplatzes, in dem es Klimaanlage gibt“, „Immer in der Wohnung der Großmutter, die einen Hund hat“, „Im Bett“)

• Wie? (z. B. „Juckreiz in den Augen und Nasenrinnen beim Spazierengehen“, „Hustenreiz beim Streicheln der Katze“, „Atemnot nach dem Essen einer Sellerie-Suppe“)

Als nächster Schritt folgt meist der Hauttest. Dieser dient dazu, eine Hypothese zu testen (z. B. „Ich vermute eine Allergie auf Birken- oder Eschenpollen, weil der Patient Mitte April unter Schnupfen und Husten leidet, die sich auf Antihistaminika bessern.“). Während für die Anamnese lediglich der Experte ausschlaggebend ist, ist auch ein Experte bei Hauttest und In vitro-Test auf die Qualität Dritter angewiesen. Für die Hauttests werden im Allgemeinen dieselben Substanzen eingesetzt, die auch für die Immuntherapie Anwendung finden und sind für die Majorallergene von den namhaften Herstellern standardisiert(siehe Textbox).

Stellenwert von In-vitro-Tests

Die Bedeutung der In-vitro-Tests hat in den letzten Jahren zugenommen. In-vitro-Tests mit Extrakten bringen nicht wesentlich mehr Informationen als in vivo Hauttests mit Extrakten. Allergenextrakte sind Antigene aus natürlichen Quellen wie Pflanzenpollen, Speichelproteine von Haustieren, Milbenproteine, Insektengifte oder Nahrungsmittel. Patienten sind im Normalfall aber nur gegen einzelne Allergenkomponenten und nicht gegen alle sensibilisiert und weisen sehr individuelle Sensibilisierungsmuster auf (siehe Textbox). Interessanterweise sind diese Muster im einzelnen Patienten über viele Jahre sehr stabil.

Die Komponentendiagnostik kann entweder mit Einzelmessungen oder mit dem Allergen Micro-Array („Allergenchip“) durchgeführt werden. Auf dem Chip befinden sich mehr als 100 Allergenkomponenten in miniaturisierter Form aufgetragen. Obwohl der Allergenchip in vielen klinischen Studien erfolgreich eingesetzt wurde, ist im Moment der hohe Preis pro Messung ein Hindernis in der breiten Anwendung. Außerdem ist er seit einem Jahr nicht lieferbar.

Für die Praxis kann man zwischen einfachen Allergenen mit einer dominierenden Komponente (z. B. Birkenpollen, Katze, Eschenpollen, Bienengift) und solchen mit mehreren dominierenden Komponenten (z. B. Hausstaub, Gräserpollen, Latex, Hund, Erdnuss, Wespen- und Bienengift) unterscheiden. Eine Sensibilisierung gegen Majorallergene (siehe Textbox) ist vor allem für die Indikationsstellung zur Immuntherapie interessant.

Ist ein Patient gegen Minorallergene (siehe Textbox) sensibilisiert, so ist er zwar ein echter Allergiker, doch ist nicht sichergestellt, dass der Allergenextrakt, mit dem der Patient behandelt werden soll, dieses Minorallergen auch in ausreichender Menge enthält. Im Bereich der Pollenallergien sind die wichtigsten Majorallergene definiert. Für die wichtigsten Aero-Allergene sind die Komponenten definiert (siehe Tab. 1). Für die Indikationsstellung zur spezifischen Immuntherapie sollten die Patienten eine Sensibilisierung gegen die Majorkomponenten aufweisen, weil die Hersteller ihre Extrakte auf diese Komponenten eichen und davon ausgegangen werden muss, dass Minorkomponenten nur ungenügend in den Extrakten für die Immuntherapie vorhanden sind.

Eine weitere wichtige Indikation für die Komponentendiagnostik ist die Lebensmittelallergie. Bei Reaktionen auf Speicherfrüchte wie Erdnüsse sind die meisten Komponenten identifiziert (siehe Tab. 2). Bei einer Sensibilisierung gegen diese Komponenten ist die Verordnung eines Notfallsets mit Adrenalin Pen zu erwägen.

In anderen Bereichen, wie Allergie auf Milch, Ei und Latex, lässt die Komponentendiagnostik aber derzeit nur sehr begrenzte klinische Schlüsse zu, weshalb diese dem Spezialisten vorbehalten bleiben sollte.

Grenzen der Diagnostik

Bei aller Euphorie über die Komponentendiagnostik sei erwähnt, dass noch lange nicht alle notwendigen Allergenkomponenten kommerziell verfügbar sind (z. B. Latex- oder Bienengiftallergie), weshalb speziell für ein Allergie-Screening die Komponentendiagnostik ungeeignet ist und eine In-vitro-Diagnostik mit Allergenextrakten noch lange im klinischen Alltag ihren Stellenwert behalten wird. Auch im Bereich der IgE vermittelten Reaktionen auf Medikamente hilft uns die Komponentendiagnostik nicht weiter.

Wie erwähnt kann eine noch so ausgeklügelte In-vitro-Diagnostik den entscheidenden Schritt nicht klären: Ob es sich bei der gefundenen IgE-Reaktivität bei einem Patienten um eine klinisch irrelevante Sensibilisierung oder um eine klinisch manifeste Allergie handelt, muss immer der Arzt nach dem Vorliegen der Testergebnisse beurteilen. Deshalb wird eine reine In-vitro-Diagnostik von IgE vermittelten Allergien niemals sinnvoll sein.

Schlussfolgerung und Ausblick

Das Feld der Komponentendiagnostik ist in Bewegung. Neue Komponenten kommen hinzu, deren klinische Wertigkeit oft noch unklar ist. Scheinbar gelöste Probleme geraten erneut auf den Prüfstand. Am Beispiel der Bienengiftallergie ist klar, dass eine alleinige Testung mit dem Majorallergen Api m1 nicht ausreicht und vielleicht in Zukunft neben Api m1, 4 & 10 auch noch mehr Bienengiftkomponenten zur Diagnostik eingesetzt werden müssen.

Einige schwierige Situationen hat die Komponentendiagnostik gelöst. Als Beispiel war bisher die klinische Relevanz von positiven Erdnuss-Pricktest bei gleichzeitiger Birkenpollenallergie unklar. Erdnuss enthält ebenfalls ein Bet v1 Homologes: Ara h8. Es konnte gezeigt werden, dass in nördlichen Ländern, in denen es Birken gibt, ca. die Hälfte der positiven Hauttests auf Erdnuss auf Ara h8 Sensibilisierung zurückzuführen sind. Außerdem enthält Erdnuss auch ein Profilin: Ara h5. Auch dieses kann klinisch irrelevante positive Hauttests bei Pollenallergikern hervorrufen. Somit können knapp 50 Prozent der positiven Pricktests auf Erdnuss auch ohne Provokationstestung als für den Patienten harmlos eingestuft werden.

Mag. Dr. Stefan Wöhrl ist am Floridsdorfer Allergiezentrum, Wien tätig.

Textbox: Definitionen von Begriffen rund um Allergenkomponenten

Allergenkomponente: Viele Allergene sind Mischungen aus verschiedenen Allergenkomponenten. Das spezifische IgE des Patienten richtet sich fast immer nicht gegen alle, sondern nur gegen eine bis wenige Komponenten, was ein patientenspezifisches Muster ergibt.

Majorallergen: In mehr als 50 % allergischer Patienten findet sich spezifisches IgE gegen diese Allergenkomponente. Es gibt Allergene mit einem, dominierenden Majorallergenen (Birkenpollen Bet v1, Katze Fel d1, Alternaria Alt a1), bei der das spezifische IgE bei fast allen Patienten ausschließlich gegen diese Komponente gerichtet ist. Die meisten Allergene sind komplexer, z. B. Gräserpollen Phl p1, 2, 5, & 6; Hausstaub Der p1, 2, 23; Wespengift Ves v1 & 5.

Minorallergen: In weniger als 50 % allergischer Patienten findet sich spezifisches IgE gegen diese Allergenkomponente. Komplexe Allergene wie Gräserpollen oder Latex bestehen aus Major- und Minorallergenen. Das Phl p11 aus dem Gräserpollen ist z. B. ein typisches Minorallergen. Patienten mit Sensibilisierungen gegen Minorallergene haben aber die gleichen Beschwerden wie Patienten gegen Majorallergene.

Panallergen: Speziesübergreifende Allergenkomponenten, die komplexe Kreuzreaktionen im Haut- und Bluttest mit Extrakten erklären können. Es gibt klinisch irrelevante Komponenten wie Profilin oder Polcalcin, die irrelevant positive Hauttests auf Pflanzenpollen erklären können. Parvalbumin (Gad c1 aus dem Kabeljau) aus den meisten Knochenfischen ist für die Fischsensibilisierung und Tropomyosin für das Hausstaubmilben (Der p10)-Schrimps (Pen a1) Kreuzreaktionssyndrom verantwortlich.

Stefan Wöhrl, Ärzte Woche 44/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben