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©  picture alliance / dpa
Gruseleffekt bei einer Studie über Alzheimer.
 
Neurologie 14. September 2015

Domino-Effekt im Gehirn

Alzheimer-Krankheit könnte bei Hirn-Operationen übertragen werden, doch Aussagekraft der Studie wird bezweifelt.

Alzheimer an sich ist nicht ansteckend. So besteht auch keine Gefahr für Pfleger. Aber: Über chirurgische Instrumente oder Blutprodukte könne Amyloid-ß-Eiweiße übertragen werden, berichtet „Nature“. Allerdings ist die Studie für allgemeine Aussagen wohl zu klein.

Bei Hirn-OPs könnten Alzheimer-typische Eiweiße auf gesunde Menschen übertragen werden. Hinweise darauf fanden britische Forscher bei Verstorbenen, die zur Behandlung von Kleinwuchs verunreinigte Wachstumshormone aus menschlichem Gewebe erhalten hatten. Sie berichten davon im Fachmagazin Nature (525/2015; http://goo.gl/xzTLMs ). Ob die Patienten je Alzheimer bekommen hätten, ist unklar. Ein anderes typisches Merkmal der Erkrankung fanden die Wissenschafter nicht. Sie gehen davon aus, dass einige der Hormon-Spender an Alzheimer erkrankt waren. Durch die Übertragung der Hormone gelangten bestimmte Eiweiße in den Körper des Empfängers. Sie lösten dort Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn aus. Bei der Pflege oder dem Umgang mit Alzheimer-Patienten bestehe keine Gefahr einer Ansteckung.

Forscher um Zane Jaunmuktane vom National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London untersuchten Patienten, die an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD), einer anderen Hirn-Erkrankung, gestorben waren. Sie hatten meist als Kind Wachstumshormone aus den Hirnanhangdrüsen Verstorbener erhalten, die vermutlich mit Prionen verunreinigt waren.

Prionen bestehen aus Eiweißmolekülen, die auch im Gehirn gesunder Menschen vorkommen. Unter gewissen Umständen verändern sie ihre Form. Diese Fehlfaltung kann dann wie in einer Kettenreaktion auf die gesunden Eiweiße übertragen werden. Sie verklumpen, lagern sich im Gehirn ab und rufen die CJD-typischen Symptome hervor.

Die Wissenschafter untersuchten acht dieser Patienten, die im Alter zwischen 36 und 51 Jahren an CJD gestorben und entdeckten in deren Gehirn neben den CJD-Merkmalen auch Ablagerungen von Amyloid-ß-Eiweißen in den Blutgefäßen und in der grauen Substanz. Diese Plaques sind typische Kennzeichen von Alzheimer und bei jüngeren Menschen ungewöhnlich. Bei Patienten, die an anderen Prionen-Erkrankungen verstorben waren und die zuvor keine menschlichen Wachstumshormone erhalten hatten, fanden die Forscher solche Auffälligkeiten nicht.

Aus diesen Beobachtungen entwickelten sie folgende Hypothese: Einige Spender der Hirnanhangdrüsen, aus denen die Wachstumshormone gewonnen wurden, hatten Alzheimer. Dadurch konnten Amyloid-ß-Eiweiße auf den Empfänger der Hormone übertragen werden. Im Gehirn sorgten sie über einen Domino-Effekt für die Fehlfaltung körpereigener Amyloid-ß-Eiweiße, die typisch für Alzheimer sind. Die Amyloid-ß-Eiweiße würden sich damit ähnlich wie Prionen verhalten. Die Ablagerung sogenannter „Tau-Proteine“, ein anderes Alzheimer-Anzeichen, war nicht zu beobachten. Womöglich hätten die Patienten diese entwickelt, wenn sie nicht zuvor an CJD verstorben wären.

Die Wissenschafts-Redaktion der Süddeutschen ätzt: Werden Operationsbestecke, die von Eiweiß schwer zu befreien sind, die Menschheit in eine Massendemenz stürzen? Wird jeder chirurgische Eingriff zum tödlichen Risiko? Wer bekäme bei solchen Fragen keine Angst. Dabei handelt es sich nur um eine Hypothese. Und die ist schlicht ein paar Nummern zu groß, um sie aus einer so kleinen und lückenhaften Studie abzuleiten. Immerhin betonen die Studienautoren selbst: Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Alzheimer-Erkrankung an sich ansteckend ist. Dennoch sollte geprüft werden, ob bei Eingriffen Amyloid-ß-Eiweiße übertragen werden können. Es sei bekannt, dass diese Eiweiße an Metalloberflächen hafteten und übliche Sterilisationsmethoden überstehen.

APA Science/Nature, Ärzte Woche 38/2015

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