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© Andrea Danti/fotolia.com
Der Nervenbotenstoff Serotonin – auch als Glückshormon bekannt, wird über einen Serotonintransporter in die Zellen überstellt.
 

Vom Glückshormon-Transporter und dem Depressionsnetzwerk

Depressive Verstimmungen könnten per Bluttest diagnostiziert werden, zeigt eine aktuell publizierte Untersuchung aus Österreich.

Forscher der Medizinischen Universität Wien haben die Möglichkeit eines Bluttests zum Nachweis einer Depressionserkrankung nachgewiesen. Während Bluttests für psychische Erkrankungen bis vor Kurzem noch für unmöglich gehalten wurden, zeigt eine aktuelle Studie deutlich, dass eine Depressionsdiagnostik auf diese Art prinzipiell möglich und in greifbare Nähe gerückt ist.

Der Serotonintransporter (SERT) ist ein Protein der Zellmembran, das den Transport des Nervenbotenstoffs Serotonin (im Volksmund das „Glückshormon“ genannt) in die Zelle ermöglicht. Im Gehirn reguliert der Serotonintransporter neuronale Depressionsnetzwerke. Depressive Verstimmungen lassen sich neurochemisch häufig auf einen Mangel an Serotonin zurückführen. Deshalb dient der Serotonintransporter auch als Angriffspunkt für die wichtigsten Antidepressiva.

Der Serotonintransporter kommt aber auch in großer Menge in zahlreichen anderen Organen wie dem Darm bzw. Blut vor. Studien der vergangenen Jahre wiesen nach, dass der Serotonintransporter im Blut genauso funktioniert wie im Hirn. Dort sorgt er an Blutplättchen für die notwendige Serotoninkonzentration im Blutplasma.

Forscherinnen und Forscher der Medizinischen Universität Wien haben nun mittels funktioneller Magnetresonanztomographie des Gehirns und pharmakologischer Untersuchungen nachgewiesen, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Serotoninaufnahmegeschwindigkeit an Blutplättchen und der Funktion eines Depressionsnetzwerks im Gehirn besteht.

Depressionsnetzwerk „Default Mode Network“

Dieses Netzwerk wird „Default Mode Network (deutsch: Ruhezustandsnetzwerk)“ bezeichnet, weil es vor allem in Ruhe aktiv ist und Inhalte mit starkem Selbstbezug verarbeitet. Erkenntnisse der vergangenen Jahre konnten zudem zeigen, dass es während komplexer Denkaufgaben aktiv unterdrückt wird, was unabdingbar für eine ausreichende Konzentrationsleistung ist. Interessanterweise fällt es depressiven PatientInnen schwer, dieses Netzwerk bei Denkvorgängen zu unterdrücken, was zu negativen Gedanken und Grübeln sowie einer schlechten Konzentrationsleistung führt.

Bluttest nach Depressionen prinzipiell möglich

„Dies ist die erste Studie, die die Aktivität eines bedeutenden Depressionsnetzwerks im Gehirn mittels eines Bluttests vorhersagen konnte. Während Bluttests für psychische Erkrankungen bis vor Kurzem noch für unmöglich gehalten wurden, zeigt diese Studie deutlich, dass ein Bluttest zur Depressionsdiagnostik prinzipiell möglich und in greifbarer Nähe ist“, erklärt Studienleiter Doz. Dr. Lukas Pezawas von der Abteilung für Biologische Psychiatrie an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien. Durch dieses Ergebnis rückt eine Depressionsdiagnostik durch Blutabnahme in greifbare Nähe.

Die Studie wurde von Christian Scharinger und Ulrich Rabl unter der Leitung von Lukas Pezawas an der Abteilung für Biologische Psychiatrie, Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien, in Zusammenarbeit mit Gruppen des Sonderforschungsbereichs SFB-35 und anderen Institutionen der MedUni Wien sowie internationalen Kooperationspartnern (TU Dresden; Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim) durchgeführt. An der MedUni Wien waren neben weiteren Forschern der Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie das Exzellenzzentrum für Hochfeld-MR, das Klinische Institut für Labormedizin und das Institut für Pharmakologie an der Studie beteiligt.

 

Originalpublikation:

Scharinger C, Rabl U, Kasess CH, Meyer BM, Hofmaier T, Diers K, Bartova L, Pail G, Huf W, Uzelac Z, Hartinger B, Kalcher K, Perkmann T, Haslacher H, Meyer-Lindenberg A, Kasper S, Freissmuth M, Windischberger C, Willeit M, Lanzenberger R, Esterbauer H, Brocke B, Moser E, Sitte HH, Pezawas L. (2014) Platelet serotonin transporter function predicts default-mode network activity. PLoS One 9: e92543.

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