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Pferde benutzen das vomeronasale Organ, indem sie flehmen.
 
HNO 22. Dezember 2013

Stillgelegt

Das vomeronasale Organ hat beim Menschen offenbar keine Funktion mehr. Pheromone werden anders wahrgenommen.

Alle Säugetiere, einschließlich des Menschen, besitzen neben dem Riechepithel der Nasenschleimhaut noch ein zweites Geruchsorgan:  das subkortikal gelegene vomeronasale Organ, auch Jacobson-Organ genannt.

Bei kleinen Säugetieren steuert es das Sexual- und Reproduktionsverhalten: Wird es durch bestimmte Düfte oder Pheromone gereizt, bewirkt es bei Ratten, Mäusen und Hamstern vielfältige Verhaltensänderungen wie z.B. Aggression und Partnerwahl. Auch Zyklussteuerung und Geschlechtsreifung werden beeinflusst.

Auch größere Säugetiere verwenden das Organ: Pferde belüften es, indem sie „flehmen", und männliche Elefanten befördern Duftstoffe mit dem Rüssel direkt von der  Vagina der weiblichen Artgenossin in den eigenen Gaumen.

Und der Mensch? Reagiert unser vomeronasales Organ vielleicht unbewusst auf Pheromone und andere Duftstoffe?

Prof. Dr. Herwig Swoboda, Primar der HNO-Abteilung am Krankenhaus Hietzing, Wien, meint: „Nein. Die Funktionalität des vomeronasalen Organs beim Menschen ist zwar Gegenstand anhaltender Diskussionen. Es spricht jedoch vieles dafür, dass dieses Organ bei uns nicht mehr funktioniert." So ist der Vomeronasalschlauch (Ductus vomeronasalis) nur bei zwei Drittel eines Probandenkollektivs überhaupt nachweisbar. Seine Ausdehnung ist sehr unterschiedlich, er hat keine Verbindung zu Nerven und das Gewebe reagiert kaum auf Anfärbung mit neuronalen Markern. Im Gegensatz zu Ratten ist bei Menschen auch keine immunhistochemische oder elektrophysiologische Reaktion des vomeronasalen Organs auf Pheromon-Reize nachweisbar.

Wir brauchen es ja nicht mehr

Das Organ ist also höchstwahrscheinlich bei vielen Menschen gar nicht mehr vorhanden. Und wo es vorhanden ist, hat es keine Funktion mehr. Wenn Menschen auf Pheromone reagieren, dann tun sie dies offenbar über das respiratorische Epithel. Die Hypothese dazu: „Bei Primaten verlieren Pheromone in dem Maße Bedeutung, wie stereotype Verhaltensmuster durch komplexere Motivationsprozesse ersetzt werden" (Stephan Frings, Uni Heidelberg, www.sinnesphysiologie.de). Das heißt also: Der Mensch hat andere Wege gefunden, sein Sexualverhalten mit den Artgenossen zu koordinieren, und benötigt sein Jacobson-Organ nicht mehr. Mit zunehmender Ablösung des menschlichen Verhaltens von augenblicklicher Motivation und mit zunehmend selektiver werdender sozialer Bindung, hat das Jacobson-Organ an Bedeutung verloren. Man geht davon aus, dass es bei höheren Primaten schon seit 23 Millionen Jahren „stillgelegt" ist, so Swoboda.

Quelle: Vortrag im Rahmen des Kongresses „Menopause – Andropause – AntiAging", 5.-7. Dezember 2013, Wien

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