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Neurologie 6. Juni 2013

Neue Immuntherapie gegen Multiple Sklerose

Mit einer individuellen, spezifischen Impftherapie soll bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) diese offenbar auf autoimmunologischen Prozessen basierende Erkrankung gedämpft werden.

Diesen Weg hat erstmals in einem Versuch an Menschen ein Wissenschafterteam um Andreas Lutterotti von der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie (MedUni Innsbruck) und dem Projektleiter Roland Martin (Universitätsspital Zürich) beschritten.

Fazit, so die Veröffentlichung in Science Translational Medicine: Die Sache ist machbar und offenbar nicht toxisch.

Der Hintergrund: Bei der Multiplen Sklerose (MS) mit rund 10.000 Betroffenen in Österreich kommt es wahrscheinlich zu einer fehlgeleiteten Immunreaktion gegen die Myelin-Markscheiden als „Isolationsschicht“ von Nervenfasern im Gehirn. Dabei wandern auch aggressive Immunzellen durch die Blut-Hirn-Schranke in das Gehirn ein. „Klassische“ Proteinanteile (Peptide), gegen die sich die Attacke richtet, sind MOG-, MBP- und PLP-Antigene.

Für eine langfristige Beherrschung der Erkrankung, die derzeit vor allem mit Beta-Interferonen, Glatirameracetat, monoklonalen Antikörpern und eventuell auch anderen immunmodulierenden Substanzen behandelbar ist, wäre die Verringerung der zugrunde liegenden Autoimmunreaktion ein wichtiger Schritt. Das gibt es bisher nicht.

Lutterotti und die Co-Autoren haben sich einer im Grunde genommen alten Methode zugewandt: „Seit Ende der 1970er-Jahre kann man bei Mäusen eine Immuntoleranz wiederherstellen, indem man Milzzellen chemisch mit Antigenen koppelt und sie Tieren wieder injiziert. Ganz genau, wie das funktioniert, weiß man nicht.“

Das Vorgehen


Für den Menschen – in diesem Fall MS-Patienten – dachte man sich folgendes Prinzip aus: Man gewinnt aus dem Blut mononukleäre (mit einem Zellkern versehene) Immunzellen und hängt an sie jene Peptide an, gegen die sich die falsche Abwehrreaktion im Rahmen der Erkrankung im Gehirn wendet. Dann bekommen die Patienten diese Zellen injiziert. Laut Theorie sollten die Peptide dann über die Milz und Leber wieder auf andere Zellen gelangen und so den bei MS vorliegenden aggressiven autoreaktiven T-Lymphozyten zeigen, dass sie „eigen“ und nicht „fremd“ und angreifenswert seien.

Nach entsprechenden Studien im Tiermodell führten die Wissenschafter die erste Erprobung am Menschen durch. Insgesamt neun MS-Patienten, die sich mit schubförmig verlaufender oder ständig fortschreitender Krankheitsform in keiner Therapie befanden, erhielten eine solche Injektion. Lutterotti: „Die Dosis wurde von Patient zu Patient gesteigert. Bei den letzten Patienten kamen wir auf eine Dosis von drei Milliarden solcher Zellen, an welche sieben Peptide gekoppelt worden waren (zwei MOG-Peptide, vier MBP-Peptide und ein PLP-Peptid).

Die Ergebnisse sprechen für ein Weiterverfolgen dieses Weges. Der Experte: „Es gab keine größeren Nebenwirkungen. Außerdem ist das Ganze offenbar machbar.“ Im Labor zeigten sich auch Anzeichen dafür, dass die T-Zellen der Patienten nach dieser Zell-basierten Therapie an Aggressivität verloren. Nun soll es mit größeren Studien an mehr Patienten weitergehen.

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