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Auch Fischen kann speiübel werden.
 
Allgemeinmedizin 29. April 2013

Fische im Orbit

An Buntbarschen wird untersucht, weshalb Reisende oft unter Übelkeit leiden.

Zwischen zehn und 15 Prozent aller Menschen sind betroffen: Bei Fahrten im Auto, Bus oder Zug, auf Schiffen und im Flugzeug wird ihnen übel. Einige müssen sich sogar übergeben. Weil auch Fische unter der Reisekrankheit leiden, schießt ein Biologe der Universität Hohenheim 40 Buntbarsche ins All.

Prof. Dr. Reinhard Hilbig, Leiter der Arbeitsgruppe Neuro- und Gravitationsbiologie an der Universität Hohenheim, vermutet den Grund für die Reisekrankheit im Innenohr: „Dort sitzt das Sinnesorgan, mit dem wir Schwerkraft und Beschleunigung wahrnehmen.“

Widersprüchliche Meldungen ans Gehirn

Genau genommen handelt es sich um winzige Steinchen, Otolithen genannt. Sie erfassen die dreidimensionale Lage im Raum und leiten sie an das Gehirn weiter. Hilbig vermutet: „Reisenden wird übel, wenn die Otolithen andere Signale an das Gehirn schicken als die Augen.“ Denn die Otolithen sind paarweise angeordnet und eine stabile Raumorientierung ist nur möglich, wenn die Steinchen auf beiden Seiten gleich groß und schwer sind. „Wenn die Otolithen-Paare asymmetrisch angeordnet sind, leiten sie Meldungen an das Gehirn weiter, die dem widersprechen, was wir sehen.“

Manchmal kann das Gehirn diesen Informationskonflikt nicht lösen. Es begreift dann nur, dass etwas nicht stimmt. „Zum Schutz nimmt es an, der Körper sei vergiftet – und leitet Brechreiz ein.“

Fische werden reisekrank

Um seine These zu überprüfen, schoss Hilbig 40 Buntbarsche in einem Spezial-Aquarium ins All. Am 19. April startete die Trägerrakete vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur. Sie bringt einen Satelliten namens Bion M1 auf eine Erdumlaufbahn in rund 650 Kilometern Höhe. Dieser wird dort einen Monat lang die Erde umkreisen. Denn in vorgegangenen Untersuchungen im Weltraum hat Hilbig bereits beobachtet, dass sich der Kalzium-Stoffwechsel von Menschen und Tieren nach einigen Tagen im All verändert: „Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Knochen im Skelett, sondern auch auf die Otolithen, die ebenfalls aus Kalzium bestehen.“

Das Schweresinnesorgan der Fische stimmt zu ca. 90 Prozent mit dem der Menschen überein. Genauso wie bei den Menschen werde sich die Schwerelosigkeit bei zehn bis 15 Prozent der Fische auf die Otolithen auswirken, vermutet Hilbig: „Diese Fische werden reisekrank.“

Der Forscher nimmt an, dass sich bei den Fischen die Schwerelosigkeit auf Größe und Gewicht der Otolithen auswirkt. Das Weltraum-Experiment soll nun zeigen, wie sich die Otolithen von reisekranken Fischen von denen der gesunden Buntbarsche unterscheiden.

„Vielleicht gibt es obendrein einen Zusammenhang zwischen dem Umfang der Veränderungen an den Otolithen und der Schwere der Erkrankung“, mutmaßt Hilbig. Aufschlussreich sei auch, wie lange es dauern wird, bis sich die betroffenen Fische wieder erholt haben, wenn sie auf der Erde zurück sind. „Uns interessieren dabei die grundsätzlichen Mechanismen der Raumorientierung und des Kalzium-Stoffwechsels, in die wir dank der Schwerelosigkeit einen Einblick bekommen. Wenn diese besser bekannt sind, werden auch Medikamente gegen die Reisekrankheit entwickelt werden können.“

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