zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Mit einer hohen Thiamindosis von 100 mg i. v. konnte die psychische Lage eines Patienten innerhalb weniger Stunden verbessert werden.
 
Fallbericht 23. November 2010

Manifester Vitaminmangel führte zu delirantem Zustand

Patienten mit einem erhöhten Risiko für Malnutrition und psychische Erkrankungen sind gefährdet, ein Thiamindefizit und in der Folge auch schwere Mangelsymptome zu entwickeln.

Ein manifester Vitamin-B1-Mangel stellt in den Industrieländern eine seltene Erkrankung dar und ist heute nur bei einer bestimmten Risikogruppe bekannt. Da das Vitamin und die Thiamin-Derivate-abhängigen Enzyme in allen Zellen des Körpers gebraucht werden, scheint ein Mangel alle Organsysteme zu beeinträchtigen. Allerdings reagieren das Nervensystem und das Herz besonders empfindlich auf eine stark reduzierte Versorgung mit Thiamin, da sie einen hohen oxidativen Stoffwechsel aufweisen.

 

Ein 21-jähriger Mann wurde aufgrund seines Verwirrtheitszustandes in einer Notaufnahme vorstellig. Sechs Wochen zuvor fühlte er sich deprimiert und verlor seitdem auch 15 kg Körpergewicht. Anamnestisch konnte ein über drei Monate bestehender Appetitmangel festgestellt werden, der sich laut Aussage des Patienten aufgrund von Schluckschwierigkeiten und eines zwanghaften Verhaltens, nämlich der strengen Überwachung seiner Essgewohnheiten, entwickelte. Zudem berichtete der junge Mann, dass er auch unter Symptomen wie Sehen von Doppelbildern, Tinnitus, Kurzatmigkeit, Vergesslichkeit und allgemeine Schwäche gelitten hatte. Relevante Vorerkrankungen sowie familiär bedingte Erkrankungen und ein Drogenmissbrauch konnten nicht erhoben werden.

Bei der Untersuchung wurde beim Patienten eine ausgeprägte Kachexie festgestellt mit einem Körpergewicht von 43,2 kg (Body-Mass-Index: 14,1 kg/m²). Zudem war seine Aussprache undeutlich. Gemessen wurden Blutdruck (174/116 mm Hg), Puls (153 Schläge/Minute), Atemfrequenz (20 Atemzüge/Minute), Temperatur (36, 9 °C) und Sauerstoffsättigung (97%). Weiters wurde am linken Sternalrand ein systolisches Herzgeräusch vernommen. Die Pupillen des jungen Mannes waren gleich reaktiv, allerdings konnte er Bewegungen nicht folgen und zeigte darüber hinaus einen starren Blick sowie Exophthalmus. Seine Reflexe waren normal, seine Muskelkraft aber, die mit der Medical-Research-Council-Skala (MRC) gemessen wurde, war deutlich reduziert (Kraftgrad 3 von 5).

Das EKG zeigte eine supraventrikuläre Tachykardie mit einer 2:1- Überleitung des AV-Knotens. Diese Rhythmusstörung wurde mit Adenosin behandelt, was zu einer Verbesserung der Herzfrequenz (72 Schläge/Minute) und des Blutdrucks (114/82 mm Hg) führte.

Der Blutbefund ergab folgende Werte: Milchsäurekonzentration 50,4 mg/dl; Glukosekonzentration 200 mg/dl, Kreatinin 1,9 mg/dl, Blut-Harnstoff-Stickstoff (BUN) 28 mg/dl, Protein 8,5 g/dl, Kalzium 10,8 mg/dl und Bilirubin 2,3 mg/dl. Eine Untersuchung der Schilddrüsenfunktion ergab normale Befunde und auch ein Drogen-Screen war negativ. Das Thoraxröntgen zeigte eine Kardiomegalie und im Echokardiogramm konnte eine Auswurffraktion von 40–45 Prozent festgestellt werden.

Verbesserte Symptomatik durch hohe Thiamingabe

Aufgrund seiner Krankheitsgeschichte und Symptomatik wurde bei dem Patienten die Diagnose feuchte Beriberi und Wernicke-Enzephalopathie gestellt. Die Behandlung wurde mit einer hohen Thiamingabe von 100 mg i. v. als Anfangsdosis eingeleitet. Innerhalb weniger Stunden verbesserte sich die psychische Lage des Patienten zunehmend und nach vier Tagen konnte, bis auf den Tinnitus, ein Normalzustand seiner Körperfunktionen erreicht werden.

Nach der Entlassung nahm der Patient eine psychiatrische Betreuung in Anspruch, wo er wegen seiner schweren Depressionen und Magersucht behandelt wurde. Schon einen Monat später stellten die Ärzte eine wesentliche Verbesserung der neurologischen Symptome fest und auch das Körpergewicht zeigte 4,1 kg mehr auf der Waage. Drei Jahre später war er stabil und hatte auch keine weiteren Krankenhauseinweisungen mehr.

Seltene Erkrankung in Industriestaaten

Vitamin-B1-Mangel (Thiamin) gilt als eine seltene Erkrankung in industrialisierten Ländern und ist bei Alkoholikern, magersüchtigen und psychiatrischen Patienten, Patienten mit Herzinsuffizienz, Patienten, die sich einer Magen-Bypass-Operation unterzogen haben, und Intensivpatienten bekannt. Fallberichte und Studien über Komplikationen der Wernicke-Enzephalopathie zeigen, dass die Diagnose dieser Erkrankung oft nicht gestellt wird. Dies zeigte auch eine Fallserie in einer pädiatrischen Population, die zum Ergebnis kam, dass ein Thiamindefizit bei 13 von 31 Patienten (41,9 %) erst post mortem diagnostiziert wurde.

Obwohl Männer eher selten an Magersucht leiden, kommt sie bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen doch häufig vor. Eine Untersuchung hat Männer und Frauen mit Anorexie verglichen und dabei festgestellt, dass Männer gegenüber Frauen einen späteren Symptombeginn und in der Folge eine verzögerte Symptompräsentation aufweisen. Darüber hinaus sind Männer eher gefährdet, an Magersucht zu erkranken, wenn sie einschneidende bzw. psychisch belastende Veränderungen in ihrem Leben erfahren haben.

Im Rahmen der Anamnese und Diagnostik sollte die Möglichkeit eines Thiaminmangels bei jenen Patienten in Betracht gezogen werden, die ein erhöhtes Risiko für eine Malnutrition oder psychiatrische Erkrankung haben. Differenzialdiagnostisch sollte auch bei Delirium und Gewichtsverlust an einen Nährstoff- bzw. Vitaminmangel gedacht werden. Eine Supplementierung mit Thiaminpräparaten könnte daher für Risikopatienten längerfristig Vorteile bringen, da es unter anderem auch ein günstiges Nebenwirkungsprofil aufweist.

 

Originalpublikation:

Robin Quesenberry Olsen, Joanna T Regis. Delirous deficiency. Lancet 2010; 376:1362

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben