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Foto: photos.com
Patienten mit atopischer Veranlagung für Hautekzeme sind in ihrer Berufswahl teilweise eingeschränkt.
 
Fallbericht 6. Juli 2010

Seit Jahren Handekzeme

Nach Hautbeschwerden über vier Jahre gab eine junge Frisörin ihren Beruf wieder auf.

Eine 21-jährige Patientin stellte sich in unserer Klinik mit Handekzemen vor. Als sie 17 war, waren bei ihr sechs Wochen nach Beginn ihrer Ausbildung zur Frisörin erstmals bläschenförmige Hauterscheinungen an den Händen aufgetreten, zunächst mit Abheilungstendenz am Wochenende und im Urlaub. Inzwischen hat sie diesen Beruf wieder aufgegeben und strebt nun eine Ausbildung zur Altenpflegerin an.

 

Vom 2. bis 14. Lebensjahr traten bei der Patientin Beugenekzeme in den Ellenbeugen und Kniekehlen auf, seit einem Jahr zusätzlich Heuschnupfen im Hochsommer. Die körperliche Untersuchung zeigt an den Händen scharfrandig begrenzte, trocken schuppende Ekzemherde mit Rhagaden, Hauttrockenheit des gesamten Integuments, Perlèche und einem weißen Dermografismus.

Was muss abgeklärt werden?

Da die Hände beruflich wie privat vielfältigen Expositionen ausgesetzt sind, können verschiedene Faktoren für die Entstehung und Unterhaltung der Ekzeme ursächlich sein (siehe Kasten). Dabei können mehrere Faktoren gleichzeitig wirksam sein (Hybridekzem), und ein irritatives Handekzem (synonym: subtoxisch-kumulatives Ekzem, Abnutzungsekzem) ist häufig aufgrund der gestörten Hautbarriere Wegbereiter für eine sekundär hinzukommende Typ-IV-Sensibilisierung bzw. ein allergisches Kontaktekzem (Pfropfallergie).

Handekzeme können alle Lebensbereiche erheblich beeinträchtigen. Sie gehören zu den häufigsten Hauterkrankungen in der Allgemeinbevölkerung (Einjahresprävalenz: 5–10 Prozent) und betreffen vorwiegend erwerbstätige Altersgruppen. Besonders gefährdete Berufsgruppen sind Frisöre, Bäcker, Floristen, Fliesenleger, Galvanikarbeiter, Zahntechniker, Maschinisten, Metalloberflächenarbeiter und Beschäftigte in Gesundheitsberufen.

Die Identifikation und Ausschaltung bzw. Begrenzung der auslösenden Faktoren ist für einen nachhaltigen Therapieerfolg notwendig (siehe AWMF-Leitlinie „Management von Handekzemen“; www.uni-duesseldorf.de/AWMF/II/013-053.htm). Dazu tragen eine gezielte Anamnese, eine körperliche Untersuchung und eine spezifische dermatologische Diagnostik bei.

Anamnese

  • Dauer der Hauterscheinungen? (> 3 Monate?)
  • Treten die Hauterscheinungen wiederholt auf? (≥ 3 x/Jahr?)
  • Vorbehandlungen?
  • Handekzeme, Beugenekzeme, Milchschorf als Kind? Ekzeme der Eltern/Kinder?
  • Berufliche und private Hautexposition?
  • Direkter Hautkontakt mit Wasser/Chemikalien? (> 2 Stunden/Tag?*)
  • Tragen feuchtigkeitsdichter Handschuhe? (> 2 Stunden/Tag?*)
  • Frequenz und Intensität der Händereinigung? (> 10-mal/d? Einsatz von Handwaschpaste?*)
  • Steht Hautschutz vor bzw. Hautpflege nach der Hautbelastung zur Verfügung? Und wendet der/die Patient/-in diese an?
  • Besserungstendenz der Hauterscheinungen am Wochenende/in längeren arbeitsfreien Zeiten (Hinweis auf berufliche Verursachung/Verschlimmerung)?

Körperlicher Untersuchungsbefund

  • Sind die Hauterscheinungen feucht (Bläschen) oder trocken (Schuppung, Rhagaden)?
  • Wo sind die Hauterscheinungen an den Händen lokalisiert? Bestehen Seitenunterschiede?
  • Ist das Ekzem scharfrandig begrenzt (eher irritativer Genese) oder bestehen Streuphänomene im Randbereich (Hinweis auf Kontaktallergie)?
  • Sind auch die Füße betroffen (Hinweis auf atopische Genese)?

Was kann der Arzt unternehmen?

Handekzeme sollten frühzeitig behandelt werden, um einer Chronifizierung entgegenzuwirken.

  • Leichte Handekzeme heilen unter adäquater Therapie und Mitwir-kung des Patienten in wenigen Wochen ab.
  • Mittelschwere Handekzeme bestehen trotz adäquater Therapie und Mitwirkung des Patienten mehrere Wochen.
  • Als chronisch werden Handekzeme bezeichnet, die über drei Monate trotz adäquater dermatologischer Therapie und Mitwirkung des Patienten nicht abheilen bzw. innerhalb von zwölf Monaten mindestens zweimal rezidivieren.
  • Neben einer medikamentösen Lokaltherapie Auslösefaktoren reduzieren.
  • Extensiven Feuchtkontakt* reduzieren.
  • Reduktion des Okklusionseffekts feuchtigkeitsdichter Handschuhe durch Unterziehen von Baumwollhandschuhen und Wechsel bei Durchfeuchtung.
  • Kontaktallergie bzw. Pfropfallergie mithilfe des Epikutantests ausschließen.
  • Meidung nachgewiesener Kontaktallergene. Überprüfung des beruflichen und privaten Umfelds diesbezüglich
  • Aufklärung über schonende Hautreinigung und konsequenten Hautschutz und -pflege am Arbeitsplatz.
  • Moderne (nebenwirkungsarme) mittelstarke Kortikosteroide sind zusammen mit konsequenter Basispflege kurzfristig die Therapie der ersten Wahl.
  • Bei nässenden Ekzemen sind Lokaltherapeutika mit einem höheren Wasseranteil (z. B. Cremes, Milch), bei trockenen (stärker infiltrierten, schuppenden) Ekzemen mit einem höheren Fettanteil (Salben) vorteilhaft.

Führt die Intervention nicht in wenigen Wochen zu einer nachhaltigen Abheilung, ist eine Mitbehandlung durch einen Hautfacharzt empfehlenswert, um eine Chronifizierung durch eine stadiengerechte dermatologische Multimodaltherapie zu vermeiden. Diese kann bei schwerem chronischem Handekzem, das auf potente topische Kortikosteroide und Lichttherapie nicht anspricht, auch den Einsatz einer Systemtherapie erforderlich machen.

Wie ging es weiter?

Bei der Patientin bestand ein beruflich verursachtes subtoxisch-kumulatives Handekzem bei atopischer Veranlagung. Eine Kontaktallergie auf Haarfarben konnte ausgeschlossen werden. Handekzeme in der Eigenanamnese sind prognostisch ungünstig für die Aufnahme einer anderen hautbelastenden* Arbeitstätigkeit (wie z.B. in der Altenpflege).

 

* Gefährdung durch Hautkontakt, Kriterien nach TRGS 401 (Technische Regeln für Gefahrstoffe)

 

Korrespondenz:

Prof. Dr. Vera Mahler ist als Oberärztin auf der Hautklinik Universitätsklinikum Erlangen und als Leiterin der Allergieabteilung, Deutschland, tätig.

Ursachen
  • Genetische Bereitschaft (atopische Hautdiathese)
  • Irritative Hautbelastung (Feuchtarbeit, Chemikalienkontakt, Okklusionseffekte durch Handschuhe)*
  • Kontaktallergene (im beruflichen/außerberuflichen Bereich)
  • Proteine (vor allem im Nahrungsmittel verarbeitenden Bereich)

Differenzialdiagnosen (insbesondere bei Nichtansprechen auf eine stadiengerechte antiekzematöse Therapie)
  • Mykose (Nachweis von Dermatophyten im Schuppenmaterial)
  • Ekzematisierte Psoriasis (histologische Sicherung)
  • Selten: Mykosis fungoides (histologische Sicherung)
Handekzem

Von Prof. Dr. Vera Mahler, Ärzte Woche 27 /2010

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