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Foto: ©iStockphoto.com/pidjoe
Um abnehmwilligen übergewichtigen Menschen mit Diabetes motivierend zu unterstützen, müssen neben einer medikamentösen Therapie auch noch andere strategische Maßnahmen zum Einsatz kommen.

Klinische Ernährungsmedizin Maximilian Ledochowski (Hrsg.) 1.028 Seiten, € 109,95 SpringerWienNewYork, 2010 ISBN 9783211888995 Ernährung wird immer wichtiger. Zum einen nehmen Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu, zum anderen wird eine Ernährungstherapie immer häufiger als adjuvante Therapie eingesetzt. Dieses Buch bietet einen umfassenden Überblick zu klinischen Aspekten der Ernährungsmedizin und deckt bisher kaum beschriebene Themenbereiche (z. B. Schizophrenie) ab. Ein weiterer Schwerpunkt wurde bei Stoffwechselerkrankungen und deren Bedeutung in der Pädiatrie gesetzt.n

 
Fallbericht 8. Juni 2010

Diabetiker verlor einen Zentner Gewicht

Medikamentöse Umstellung und Lebensstiländerung brachten den erwünschten Erfolg.

Immer wieder steht man in der Praxis vor aussichtslos scheinenden Übergewichtssituationen bei Menschen mit Diabetes. Aber die Erfahrung lehrt: Mit der richtigen Therapie und Strategie sowie ausreichender Motivation der Patienten können erstaunliche Erfolge erzielt werden. So auch im folgenden Fall.

 

Ein 55-jähriger Patient war bereits als Jugendlicher adipös und deswegen schon mehrfach in stationärer Rehabilitation, zuletzt 2005. Damals wog er 154 kg bei 186 cm Größe. Seit etwa zehn Jahren ist ein Typ-2-Diabetes bekannt, etwa ebenso lang eine arterielle Hypertonie, vor etwa fünf Jahren wurde ein Schlafapnoesyndrom diagnostiziert. Die tägliche Medikation bei der Erstvorstellung im Juni 2009 war folgende:

  • Losartan-Hydrochlorothiazid 50/12,5; 1 x
  • Simvastatin 10 mg; 1 x 1
  • Metformin-Pioglitazon 15/850 mg; 2 x 1
  • Pregabalin 150 mg; 2 x 1

 

Befunde zu diesem Zeitpunkt:

  • Gewicht: 166,3 kg, BMI 47,5 kg/m2
  • Blutdruck: 150/95,
  • Blutzuckerlangzeitwert: HbA1c 7 %
  • Urinstatus: Proteinurie, sonst o. B.
  • Blutfette: Cholesterin 119 mg/dl, HDL 37 mg/dl, LDL 58 mg/dl, Triglyzeride 97 mg/dl
  • Kreatinin 1,17 mg/dl

Unkontrollierte Nahrungsaufnahme

Im ersten Gespräch mit dem Patienten wird klar, dass er seine Situation als annähernd aussichtslos betrachtet. Im Jahr 1978 – das Jahr seiner Hochzeit – wog er noch 94 kg, seitdem nahm er Jahr für Jahr zu. Er bezeichnet sich selbst als „Gerne-Esser“ und sein Essverhalten habe durchaus Suchtcharakter. Er lehne sich oft augenblicklich selbst ab und möchte endlich aus seinem täglichen Teufelskreis ausbrechen. Vor allem Frustrationen und Stress führen zu einer unkontrollierten Nahrungsaufnahme, der Kühlschrank sei im Laufe der Jahre sein „bester Freund“ geworden. Er wolle sich auf keinen Fall einer bariatrischen Operation unterziehen.

Komplexer Therapieplan

Bei dieser Situation kann nur ein komplexes Vorgehen zum Ziel führen. Dabei müssen medikamentöse Maßnahmen mit einer Lebensstiländerung kombiniert werden. Glitazon wird abgesetzt. Der Patient erhält stattdessen ein Metformin-Monopräparat und zusätzlich Exenatide, initial zweimal 5 µg täglich. Der Patient nimmt ab sofort zweimal im Monat an einer Adipositasgruppe teil und beginnt im Fitnessstudio mit einem zunächst moderaten Training. Das Training beginnt immer mit dem Aufwärmen auf einem Crosstrainer. Anfangs hielt er nur fünf Minuten lang durch, inzwischen bis zu einer Stunde. Es folgt Krafttraining und anschließend noch einmal Ausdauertraining. Idealerweise trainiert er dreimal wöchentlich, zum Teil sogar viermal.

Weiterer Verlauf

Die Medikation mit dem Inkretinmimetikum wird gut vertragen. Der Patient empfindet es als große Erleichterung, nicht mehr ständig Hunger zu haben und die Essensmengen problemlos reduzieren zu können. Vier Wochen nach Therapiebeginn hat er bereits 10 kg Gewicht verloren, und die Dosis des Inkretinmimetikums wird auf zweimal 10 µg pro Tag erhöht. Konsequent geht der Patient dreimal wöchentlich zum Training.

Im August schreibt er mir eine E-Mail: „Ich merke, dass es mir nicht nur körperlich von Tag zu Tag besser geht, sondern auch mein Selbstwertgefühl wächst.“ Am 1.9.2009, drei Monate nach der Erstvorstellung, liegt das Gewicht bei 144,2 kg und der HbA1c-Wert bei 5,9 Prozent. Am 4.11.2009 wiegt er noch 130 kg.

Der Star in der Adipositasgruppe

In der Adipositasgruppe berich-tet er am 27.1.2010: „Inzwischen habe ich gelernt, mich selbst wieder zu lieben. Ich stelle mich immer öfter in den Mittelpunkt, habe es gelernt, mir klare Zielvorgaben zu machen, und ebenso, dass ich in vielen Alltagssituationen auch streng zu mir selbst sein muss.“ So wie früher wolle er nie wieder aussehen! Der Patient möchte in diesem Jahr sein Endziel von 95 kg erreichen. Dann hätte er wieder den Stand von 1978, zum Zeitpunkt seiner Hochzeit vor 32 Jahren.

 

Korrespondenz:
Dr. Veronika Hollenrieder ist Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologin DDG in Unterhaching, Deutschland.
E-Mail:

Quelle: Der Originalartikel erschien in der MMW-Fortschr. Med. 152 (2010); 19:18 © Urban & Vogel GmbH

Fabula docet
Nur bei ausreichender Motivation eines Patienten zur Lebensstiländerung ist eine derartige Gewichtsabnahme möglich, zumal ohne adipositaschirurgische Maßnahme. Einen wichtigen Beitrag zur Motivationssteigerung leisten Selbsthilfegruppen. Inkretinmimetika sollten bei Typ-2-Diabetikern mit einem BMI über 30 kg/m2 in die therapeutischen Überlegungen einbezogen werden, bevor eine Insulintherapie erfolgt.

Von Dr. Veronika Hollenrieder, Ärzte Woche 23 /2010

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