zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 21. Jänner 2010

Mangelnder Appetit hat verschiedene Ursachen

Eine Malnutrition des älteren Menschen erfordert ein differenziertes Verständnis der Ätiopathogenese und in der Folge eine interdisziplinäre Betreuung.

Ein alleinstehender 70-jähriger Patient wurde aufgrund seines stark geschwächten Allgemeinzustandes vom Hausarzt zur stationären Behandlung überwiesen. Der Patient klagte über chronische Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Er litt seit rund einem Jahr unter Appetitmangel. Er aß und trank nur noch wenig.

 

In den letzten acht Monaten verlor der Mann sieben Kilogramm an Körpergewicht. Das Gesicht war eingefallen, die Haut blass und trocken. Der Patient klagte bei Krankenhauseintritt auch über starke Schmerzen im Oberkiefer. Die Anamnese ergab, dass der Mann vor einiger Zeit wegen Zahnschmerzen seinen Zahnarzt konsultiert hatte. In der Folge wurden die verbliebenen Zähne im Oberkiefer entfernt und durch eine Vollprothese ersetzt.

Diese Therapie führte aber zu keiner Verbesserung der oralen Situation. Nun traten im Bereich der Prothesenbasis schmerzhafte chronische Reizungen und Ulzerationen der Mundschleimhaut auf, die durch keine korrigierenden prothetischen Maßnahmen beherrscht werden konnten Selbst eine weich bleibende Unterfütterung der Prothesenbasis führte zu keiner Linderung der Beschwerden.

Schleimhautulkus trotz korrekter prothetischer Versorgung

Die zahnärztliche Untersuchung bei Krankenhauseintritt ergab eine grundsätzlich korrekte prothetische Versorgung des Oberkiefers und keine Infektion als Ursache der chronischen Schleimhautirritationen. Dagegen ergab die medizinische Eintrittsabklärung eine schwere Malnutrition mit ausgeprägtem Mangel an Albumin und Zink als Folge einer nach dem rund ein Jahr zurückliegenden Tod der Ehefrau eingetretenen schweren Depression. Auch die übrigen im Blut bestimmten Ernährungsparameter waren von der Mangelernährung betroffen (siehe Tab.). Der Mann war vereinsamt und weitestgehend hilflos bei der Bewältigung des Alltags. Hilfe stand ihm keine zur Verfügung. Somit lag die Vermutung nahe, dass die chronischen Schleimhautirritationen mit der Malnutrition und der ebenfalls vorhandenen Xerostomie in Zusammenhang standen.

Therapeutische Maßnahmen

Die medizinische Therapie umfasste in erster Linie eine Aufernährung des Patienten, vorerst durch voll bilanzierte flüssige Supplemente. Zink, Vitamin B12, Folsäure und Proteine wurden zusätzlich substituiert. Die Rückkehr zu einer normalen Ernährung erfolgte schrittweise, einhergehend mit der allmählichen Verbesserung des Allgemeinzustandes und der Rückkehr des Appetits durch Umkehr des katabolen in einen anabolen Stoffwechsel. Auf eine genügende Flüssigkeitsaufnahme (30 ml/kg Körpergewicht) durch allmähliche Selbstkontrolle der eingenommenen Menge wurde geachtet.

Die antidepressive Medikation wurde wegen ihrer speichelsuppressiven Wirkung bewusst am Morgen durchgeführt, um die nachts in der Regel ausgeprägtere Xerostomie nicht unnötig zu verstärken. Von zahnärztlicher Seite wurde zur besseren Benetzung der Mundschleimhaut ein Speichelersatzmittel auf Muzinbasis verordnet. Zur Schonung der Schleimhäute wurde die Prothese vorerst nur bei Nahrungsaufnahme oder bei sozialem Kontakt mit anderen Patienten getragen. Die Verbesserung der Ernährungslage während des Spitalaufenthaltes führte auch zu einer Normalisierung der Wundheilung und somit der oralen Situation, ohne dass zusätzliche prothetische Maßnahmen notwendig wurden.

Nach sechsmonatigem Krankenhausaufenthalt erfolgte der Übertritt des Patienten in ein Altersheim, um einer erneuten Vereinsamung und Malnutrition vorzubeugen. Eine normale Ernährung war wieder gewährleistet. Die Vollprothese im Oberkiefer bereitete keine Beschwerden mehr. Eine interdisziplinäre medizinisch-zahnärztliche Langzeitbetreuung des Patienten wurde organisiert. Die regelmäßige Kontrolle der Ernährungslage erfolgte nun durch den Hausarzt. Der behandelnde Zahnarzt übernahm die Nachsorge der oralen Situation.

Multifaktorielle und komplexe Erkrankung

Dieses Fallbeispiel zeigt deutlich, dass funktionelle Probleme mit Zahnersatz in einem weit größeren interdisziplinären Zusammenhang stehen können als die zahnärztliche Einschätzung auf den ersten Blick vermuten lässt. In gleicher Weise erfordert auch eine Malnutrition des älteren Menschen ein wesentlich differenzierteres Verständnis der Ätiopathogenese dieser in der Regel multifaktoriellen und somit komplexen Erkrankung, dem die banale Verknüpfung von Zahnzahl, Kaukraft und Kauleistung mit Appetit und Ernährungslage bei weitem nicht zu genügen vermag.

Anhand klinischer Untersuchungen kann auf der einen Seite gezeigt werden, dass durch prothetische Neuversorgung unterschiedlichen Aufwandes eine Verbesserung der Kaukraft und Kauleistung möglich ist. Auf der anderen Seite muss aber erkannt werden, dass eine Optimierung der funktionellen Situation nicht zwingend auch eine Verbesserung der Ernährung bewirkt, da in vielen Fällen eben nicht orale Erkrankungen als Ursachen mangelnden Appetits oder einer schlechten Ernährungslage im Vordergrund stehen.

Die Häufung psychosozialer und medizinischer Leiden im Alter führt dazu, dass funktionelle orale Defizite für den Patienten an Bedeutung verlieren. Deshalb kann in diesen Fällen die Verbesserung der Kaufunktion in der Regel auch nicht die gewünschte Verbesserung der Ernährungslage bewirken. Infolgedessen sollte gerade beim älteren Menschen vor rekonstruktiven Maßnahmen die Ernährungssituation durch den Zahnarzt abgeklärt und bei Verdacht auf eine Malnutrition auch die medizinische Diagnose durch eine ärztliche Ursachenabklärung gesichert werden. Dies kann wesentlich dazu beitragen, die Indikationsstellung einer geplanten rekonstruktiven Therapie besser einschätzen zu können. Zudem sollten prothetische Maßnahmen durch eine professionelle Ernährungsberatung und -lenkung ergänzt werden, um die Verbesserung einer suboptimalen Ernährungslage erreichen zu können.KK

 

Prof. Dr. Christian E. Besimo ist Fachzahnarzt für Rekonstruktive Zahnmedizin und Leiter der Abteilung für Orale Medizin in der
Aeskulap-Klinik, Brunnen, Schweiz.

 

Quelle: Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Magazin Stomatologie 7/2009.  Springer-Verlag Wien.

 

Mehr über das Thema „Fehl- oder Mangelernährung (Protein-Energie (PE-)-Malnutrition) im Alter“ sowie die Ursachen dieser Erkrankung und ihre diagnostischen Möglichkeiten lesen Sie online im Artikel "Malnutrition ist eine oft nicht erkannte Krankheit im Alter".

Tabelle:
Bestimmung des Ernährungszustands
Schweregrade der MalnutritionNorm Mild Schwer Sehr schwer
Albumin g/l 35–45 31   19
Eisen mmol/l 9,5–33 11,5 4,7  
Zink mmol/l 10,7–22,9 11,4   4,5
Vitamin B12 pmol/l > 300 1.224 114  
Folsäure nmol/l 9,5–45,0 45,5 7,5  
Hämoglobin g/dl 12,5–14,5 10,3 8,3  
Lymphozyten/mm3 1.800–4.000 1.000 880  
Biochemische Ernährungsparameter im Blut bei Spitalseintritt (rot) und nach dreimonatiger stationärer Therapie (grün).

Von Prof. Dr. Christian E. Besimo, Ärzte Woche 3 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben